IT-Riese IBM Wie Virginia Rometty "Big Blue" neu beleben will

IBM war dank der lukrativen Beratungs- und Softwaresparten lange das Vorzeigeunternehmen der Techbranche. Wichtige Trends wie Cloud-Computing hat der einst dominante Konzern aber verschlafen. Der Umsatz schrumpft. Auf welche Technologien Vorstandschefin "Ginni" Rometty nun setzt.
IBM-Chefin Rometty: "Wachstum und Behaglichkeit sind nie gleichzeitig vorhanden"

IBM-Chefin Rometty: "Wachstum und Behaglichkeit sind nie gleichzeitig vorhanden"

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

San Francisco - Bei ihrem Auftritt auf einer Konferenz in Kalifornien Anfang Oktober stellte Virginia "Ginni" Rometty (57) fest, dass "Wachstum und Behaglichkeit nie gleichzeitig vorhanden sind". "Das gilt für Menschen, für Unternehmen, für Länder", sagte die IBM-Vorstandschefin auf dem "Most Powerful Women Summit" des US-Wirtschaftsmagazins "Fortune" im Ritz-Carlton in Dana Point.

Was sie nicht erwähnte: Bei dem Konzern ist bereits länger weder Behaglichkeit noch Wachstum vorhanden. Das wurde bei der Präsentation überraschend schwacher Geschäftszahlen für das dritte Quartal zwei Wochen nach Romettys Auftritt erneut deutlich. IBM  meldete am 20. Oktober ein Umsatzminus von vier Prozent. Es ist das zehnte Quartal in Folge mit sinkenden Umsätzen. Auch der Gewinn fiel deutlich geringer aus als im Vorjahresquartal und verfehlte die Erwartungen der Analysten.

Angesichts des miserablen Geschäftsverlaufs verabschiedete sich IBM am gleichen Tag endlich von dem im Jahr 2010 ausgegebenen und längst unrealistisch gewordenen Ziel, den Gewinn 2015 auf 20 Dollar je Aktie zu verdoppeln.

"Wir sind enttäuscht von diesem Quartal", sagte Rometty in einer Telefonkonferenz mit Analysten. In der Regel nimmt sie an diesen vom Finanzchef geleiteten Quartalstelefonaten nicht teil. Aber bei IBM laufen die Geschäfte derart schlecht, dass Rometty der Investorengemeinde höchstpersönlich versichern wollte, dass der Wandel - und höhere Gewinne - nur eine Frage der Zeit sind.

Investitionen in Milliardenhöhe für den Wandel

Seit Rometty im Januar 2012 auf dem Chefsessel Platz genommen hat, versucht die IBM-Veteranin den Konzern für ein neues und schnelleres Technologiezeitalter fit zu machen. Die Stichwörter der neuen Ära, die auch für andere gestandene IT-Unternehmen sowohl eine Bedrohung als auch eine Chance darstellen: Cloud-Computing, Analyse-Werkzeuge für riesige Datenbanken, Sicherheitssoftware und Unternehmensangebote rund um soziale Medien und mobile Endgeräte. Bislang hat IBM kein Erfolgsrezept gefunden.

Insbesondere im Cloud-Computing setzen mächtige Rivalen wie Amazon  und Google  dem Konzern zu. Immer mehr große und kleine Kunden mieten Rechner- und Speicherkapazität, Software und andere IT-Dienste und -Ressourcen billig über das Internet an, anstatt sie für teures Geld bei Big Blue zu kaufen und von den teuren Beratern installieren zu lassen.

IBM versucht mit Milliardeninvestitionen gegenzusteuern, aber die Modernisierung ist noch am Anfang und kommt nur langsam voran. Die neuen Bereiche wachsen zwar, sind aber noch viel zu klein, um die Schwächen in den angestammten Geschäftsfeldern auszugleichen. Das Resultat sind bröckelnde Umsätze und Gewinne, schrumpfende Margen und die Frage, ob IBM in ein paar Jahren noch relevante Technologie liefern wird für die Unternehmen der Zukunft.

Der Wandel verläuft schleppend - weitere Zukäufe nötig

"IBM muss mit organischen Mitteln und Zukäufen Erfolg und Wachstum in der Cloud finden", sagt Daniel Ives, Analyst bei FBR Capital Markets. "Sonst stehen dem Technologiegiganten und seinen Investoren möglicherweise düstere Tage bevor." Nach Meinung vieler Beobachter hat der Konzern viel zu langsam auf die Umbrüche in der Branche reagiert. IBM ist immerhin selbstkritisch. "Wir müssen mehr tun, und wir müssen es schneller tun", sagte Rometty vergangene Woche. Aber selbst wenn sie das Tempo beschleunigen kann, der Umbau dürfte Jahre dauern und beschwerlich sein.

"IBM befindet sich mitten in einer mehrjährigen Wandlung, die unvermeidlich ist", sagt Steven Milunovich. Der UBS-Analyst schätzt, dass die traditionellen Hardware-, Software- und Dienstleistungsgeschäfte zwei Drittel von IBMs Umsatz stellen, was den Umbau besonders schwierig macht. Schätzungen zufolge dürfte Cloud-Computing im nächsten Geschäftsjahr gerade einmal sechs Prozent des gesamten IBM-Umsatzes ausmachen, 2016 könnten es 12 Prozent sein.

IBM glaubte lange, die neuen Geschäftsfelder aufbauen zu können, während die traditionellen Sparten Software, IT-Dienste und Hardware weiterhin solide Umsätze und Gewinne ausweisen. Es ist anders gekommen. "Der Wechsel hin zu den neuen Geschäften geht nicht schnell genug vonstatten - und das Fundament ist nicht so stabil wie gedacht", sagte Toni Sacconaghi, Analyst bei der Investmentbank Sanford C. Bernstein.

Weitere Zukäufe sind nötig

Im dritten Quartal verzeichnete IBM in allen Geschäftssparten - Outsourcing, Beratung und IT-Dienste, Software und Hardware - einen Umsatzrückgang. Schuld war laut Rometty die Nachfrage, die sich im September stark abgeschwächt haben soll. Das schlechte Resultat sei auch ein Hinweis auf den "beispiellosen Tempowechsel" der IT-Branche.

Um im Cloud-Computing aufzuholen, baut IBM für 1,2 Milliarden Dollar 40 neue Cloud-getriebene Rechenzentren. Der Konzern aus Armonk nahe New York hat in den vergangenen Jahren zudem mehr als sieben Milliarden Dollar für 17 Übernahmen ausgegeben. Vergangenes Jahr bezahlte er zwei Milliarden Dollar für SoftLayer, einen Anbieter von IT-Ressourcen als Dienstleistung.

Einige Analysten sind der Ansicht, dass IBM eine viel größere Akquisition tätigen müsste, um nach vorne zu kommen. Ja, man werde in diesem und anderen Wachstumsbereichen weiter zukaufen, sagte Finanzchef Martin Schroeter vergangene Woche. Er betonte jedoch, dass IBM Angebote kaufen müsse, die sofort in den Vertriebskanal aufgenommen werden und von IBMs globaler Vertriebsmacht profitieren können, damit sich die Übernahme rechne. Diese Vorgaben dürften riesige Akquisitionen ausschließen.

Preiskampf im Cloud-Geschäft - und Investitionen in künstliche Intelligenz

Selbst wenn IBM im Cloud-Markt zur Konkurrenz aufschließen kann -von den mit IT-Beratung oder Softwarelizenzen erwirtschafteten Umsätzen und Gewinnen wird der Konzern sich verabschieden müssen. Die Preise sind tiefer und die Margen noch dünner. Amazon  , Google  und Microsoft  liefern sich außerdem seit Monaten einen Konkurrenzkampf mit Preissenkungen von bis zu 85 Prozent. Dabei bleiben die Margen auf der Strecke. Unternehmen wie Amazon und Google können sich diese Strategie eher leisten, sie müssen keine Altsysteme und enorme Investitionen in die Entwicklung bald obsoleter Hardwareprodukte und Mitarbeiter schützen.

IBM hat auch Angebote zur Analyse riesiger Datenmengen als Wachstumsbereich ausgerufen. Und der Konzern versucht, aus der für den Supercomputer Watson entwickelten Technologie Kapital zu schlagen.

Zu Jahresbeginn gründete IBM eine eigene Geschäftseinheit mit 2000 Mitarbeitern in Manhattan, die sich dem lernenden System mit kognitiver und künstlicher Intelligenz widmet. Es kann große Datenmengen verarbeiten und analysieren und könnte laut IBM nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Finanz-, Marketing- und Dienstleistungsbranche umkrempeln.

Eine Milliarde Dollar hat Rometty für die Entwicklung und Kommerzialisierung von Watson veranschlagt, darin enthalten ist ein 100 Millionen Dollar schwerer Investmentfonds für Startups, die Anwendungen für das Computersystem entwickeln. Prognosen zu den Umsätzen, die die Watson-Technologien einmal erwirtschaften sollen, macht Rometty nicht.

Verkauf leistungsschwacher Geschäfte

Auch über das Umsatzpotenzial der schlagzeilenwirksamen Partnerschaft mit Apple  , die sie und Apple-Chef Tim Cook im Juli ankündigten, kann höchstens spekuliert werden. Die beiden Konzerne wollen branchenspezifische Anwendungen für das iPhone und iPad anbieten, die die Software, Analyse-Funktionen und Sicherheitslösungen von IBM einbringen.

Während sie neue Bereiche aufbaut, setzt Rometty Teile des Kurses ihrer Vorgänger fort. Sie stößt leistungsschwache oder defizitäre Geschäfte wie die x86-Server-Sparte ab.

Vergangene Woche kündigte sie an, dass sie die Chipfertigung an den Auftragsfertiger Globalfoundries verscherbelt und diesem dafür 1,5 Milliarden Dollar bezahlt. IBM selbst wird sich auf das Design schnellerer Chips konzentrieren, sie aber nicht selber herstellen.

Die Informatikerin, die seit 1981 bei IBM arbeitet, will auch die Hierarchie vereinfachen und die behäbigen Abläufe beim dem 1911 gegründeten Konzern effizienter machen. In einem Fernsehinterview vergangene Woche deutete sie außerdem einen weiteren Stellenabbau an. Mit 433.000 Mitarbeitern in 170 Ländern gehört IBM zu den größten Arbeitgebern in der IT-Branche.

Nur der gigantische taiwanesische Auftragsfertiger Foxconn hat mehr Angestellte. Apple beispielsweise erwirtschaftete im jüngsten Geschäftsjahr mit etwa 97.000 Angestellten einen Umsatz von knapp 183 Milliarden Dollar. IBM kam im zurückliegenden Geschäftsjahr mit fast fünf Mal mehr Angestellten auf nicht ganz 100 Milliarden Dollar.

Vorgänger Palmisano übergab Rometty ein schweres Erbe

Das Urgestein der Branche hat mehrere Transformationen hinter sich, anders hätte es nicht 103 Jahre überlebt. Eine der größeren Sanierungen erfolgte in den 1990ern unter Lou Gerstner, der den damals maroden Konzern zum weltgrößten Anbietern von IT-Dienstleistungen umbaute und so dem Margenverfall in IBMs angestammten Hardware-Geschäft begegnete.

Als der langjährige IBM-Manager Sam Palmisano 2002 die Führung übernahm, hatte die durch die Dotcom-Pleite und Konjunkturschwäche ausgelöste Krise der IT Branche auch IBM erfasst. Palmisano setzte den Abbau von unprofitablen Geschäftssparten fort. Mit Akquisitionen wie PriceWaterhouseCoopers Consulting avancierte IBM vom IT-Verkäufer zum Anbieter strategischer Beratung.

Als Rometty Anfang 2012 den CEO-Posten von Palmisano erbte, schien IBM in Topzustand. Der Gewinn pro Aktie war seit mehr als 30 Quartalen gestiegen, Gewinn und Umsatz erreichten Rekordhöhen, genauso wie der Aktienpreis.

Aber Palmisano hinterließ Rometty ein schweres Erbe: Die 2010 verkündete "Roadmap 2015" mit dem Versprechen, 2015 den Gewinn pro Aktie auf 20 Dollar zu verdoppeln. Diese Roadmap, von frustrierten IBM-Mitarbeitern "Roadkill 2015" getauft (zu Deutsch: totgefahrenes Tier) war längst unrealistisch geworden. Dennoch hielt Rometty bis vergangene Woche an ihr fest, obwohl ihr vorgeworfen wurde, diesem Ziel der immer höheren Gewinne je Aktie bei fallenden Umsätzen viel geopfert zu haben.

Erreicht wurde es durch finanzielle und steuerliche Manöver, riesige und mit Schulden finanzierte Aktienrückkaufprogramme, Stellenabbau und andere Kostensenkungsmaßnahmen, die dem Shareholder Return dienten, aber auf Kosten der Innovation und Produkte gingen, die IBM für die Sicherung seiner Zukunft braucht.

Trotz der massiven Probleme besteht Hoffnung für IBM, glaubt Steve Denning. "Das Unternehmen hat immer noch enorme Ressourcen und viel Knowhow, vor allem in der Forschung und Entwicklung", sagt der Management-Guru, der auch Palmisano vorwirft, sich mehr auf die Aktionäre als auf Kunden und Innovation konzentriert zu haben. "IBM hat einen riesigen Kundenstamm, der zwar langsam die Geduld verliert, aber IBM noch nicht aufgegeben hat." Denning fragt sich allerdings, ob der Wandel mit dem aktuellen Management-Team oder Verwaltungsrat zu schaffen ist. "Es ist schon länger klar, dass IBM sich auf dem falschen Weg befindet - warum haben sie nur zugeschaut und nichts getan?"

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