Donnerstag, 5. Dezember 2019

Rücktritt der Google-Gründer Die letzten großen Träumer

Larry Page (l) und Sergey Brin (Archivbild von 2008)

Kritik ignorierten sie gern, rar machten sie sich schon lange: Jetzt haben sich Larry Page und Sergey Brin aus dem Google-Tagesgeschäft zurückgezogen. Ihnen gelingt dabei das Kunststück, trotzdem die Macht zu behalten.

Es war der wohl am längsten erwartete Rücktritt in der Geschichte der Tech-Industrie - und der langsamste: Larry Page und Sergey Brin, die vor 21 Jahren in einer Garage im kalifornischen Menlo Park den heutigen Weltkonzern Google gegründet haben, nehmen Abschied von ihren Führungsaufgaben beim Mutterkonzern Alphabet Börsen-Chart zeigen.

Die Nachricht, gestern von Google publik gemacht, sorgte für erstaunlich wenig Aufregung. Das hat damit zu tun, dass Brin und Page schon seit geraumer Zeit an ihrem eigenen Verschwinden gearbeitet hatten. Und bei jener Mehrheit des Weltpublikums, das die Neuigkeiten aus der Tech-Welt eher mit Desinteresse verfolgt, war die Reaktion auf die Personalie wohl: Ach, die waren noch da?

Und dennoch: Der Abgang von Larry Page und Sergey Brin, zwei der wirkungsmächtigsten Pioniere der Digitalwirtschaft, markiert auch das Ende einer Ära, nicht nur bei Google.

Brin und Page, Page und Brin: Unter den zwei Handvoll klingenden Namen der großen Tech-Lenker des Silicon Valley - von C wie Cook bis Z wie Zuckerberg - waren die Google-Gründer vermutlich die unbekanntesten. Oder privatesten. Über die Erfinder der weltumspannenden Datensammelmaschine Google, die über die meisten Menschen mehr weiß als jede andere Firma oder jede Regierung, wissen wir so gut wie nichts.

Unsichtbare Gründer: Lead or leave?

Nach dem langen und phänomenalen Aufstieg ihres Stanford-Forschungsprojekts zu einem der wertvollsten Unternehmen des Planeten gaben sie schon 2015 die Führung von Google an den heutigen CEO Sundar Pichai ab. Und zogen sich auf den Vorsitz der neu gegründeten Über-Holding Alphabet zurück, der Pichai nun ebenfalls vorstehen wird, als Doppel-CEO.

Alphabet, dieses labyrinthische Firmengeflecht aller Google-Töchter und -Geschwister, bot Brin und Page beste Möglichkeiten, sich zu verstecken. In den letzten Jahren waren die beiden kaum noch öffentlich zu sehen. Nicht einmal zu den Produktpräsentationen bei den jährlichen großen I/O-Google-Konferenzen zeigten sie sich noch, und in diesem Jahr sollen sie auch nicht mehr an den traditionellen wöchentlichen Google-internen Zusammenkünften teilgenommen haben, bei denen Angestellte dem Management Fragen stellen können.

Auch zu den jüngeren internen Kontroversen des Konzerns - Mitarbeiterproteste wegen sexueller Belästigungen am Arbeitsplatz, Kritik der Belegschaft an Plänen für eine regierungskonforme chinesische Suchmaschine - äußerten sie sich kaum. Bei Google selbst soll deshalb der Unmut über Brin und Page laut geworden sein und der Wunsch, die gleichzeitig an- und abwesenden Firmenväter sollten entweder führen oder verschwinden - "lead or leave". Page und Brin hatten sich schon lange für Letzteres entschieden.

Page und Brin kümmerten sich um Alphabets Subunternehmen

Entbunden vom Tagesgeschäft und vom Geldverdienen kümmerten sie sich im Schutz der neuen Firmenstruktur um andere Wetten auf die Zukunft: Bei Alphabets "Other Bets" genannten Subunternehmen, die sich mit Entwicklungsprojekten wie dem autonomen Fahrzeug (Waymo), künstlicher Intelligenz (DeepMind) oder verlängertem Leben (Calico) beschäftigen. Page war außerdem beim von ihm mitgegründeten und vom Deutschen Sebastian Thrun geleiteten Flugauto-Start-up KittyHawk involviert.

Sergey Brin und Larry Page werden weiterhin Sitze im Verwaltungsrat innehaben und durch besondere Stimmrechte über großen Einfluss auf die Geschicke der Firma verfügen. Ihr Abgang ist denn auch mehr symbolischer Natur: Die Visionäre haben ihre Schuldigkeit getan, die Visionäre können gehen.

Lieber weiter spielen

Während andere Giganten der Tech-Gründerzeit wie Mark Zuckerberg (Facebook), Jack Dorsey (Twitter) oder Tim Cook (Apple) sich in den letzten Jahren bei Anhörungen in Washington den quälenden Fragen der Abgeordneten zu Datenmissbrauch, Wahlmanipulationen, Steuertricks oder Kartellrechtsverstößen stellen mussten, wollten Sergey Brin und Larry Page lieber weiter spielen. Sie waren, wenn man so will, die letzten großen Träumer des Silicon Valley, und sie haben nie damit aufgehört.

Um Unerfreuliches jedoch, wie den allgemeinen Techlash, die Sinnkrise des Silicon Valley und Elizabeth Warrens Kampfruf "Break Up Big Tech", sollen sich andere kümmern - und bei Google eben Sundar Pichai. In einer Zeit, in der für die Großen der Digitalwirtschaft politische Kämpfe und PR-Gefechte wichtiger sind als technische Innovationen, wird Pichai zum einzigen öffentlichen Gesicht der Firma. Auch diesem Zweck dient der Rückzug der Gründer.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung