Google-Chef Sundar Pichai auf Entwicklerkonferenz I/O Google legt sich mit allen an

Amazon, Facebook, WhatsApp, Microsoft, Sonos - ihnen allen will Google Konkurrenz machen. Der Tech-Gigant drängt sich immer tiefer in den Alltag der Menschen.
Gibt Gas: Google-Chef Sundar Pichai auf der konzerneigenen Entwicklerkonferenz am 18. Mai 2016.

Gibt Gas: Google-Chef Sundar Pichai auf der konzerneigenen Entwicklerkonferenz am 18. Mai 2016.

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Die Stimmung war ein bisschen wie bei einem Open-Air-Konzert. Bevor es losging schwappten La-Ola-Wellen durchs Publikum, am Eingang wurden Sonnenmilch, Kopftücher und Sonnenbrillen verteilt. Es herrschte eine Rock'n-Roll-Atmosphäre, wie man sie von einer Konferenz, bei der es um Software, das Internet und ein paar nette Gadgets geht, nicht erwartet.

Fast zwei Stunden lang präsentierten Googles Topmanager neue Technologien und neue Geräte, mit denen sie die Konkurrenz angreifen wollen. Viele erinnerten frappierend an Produkte, von denen man anderswo schon gehört hatte.

Eine Neuerung erwähnte Google-Chef Sundar Pichai in seiner Keynote immer wieder: Google Assistent. Dieser soll Fragen interaktiv im Gespräch mit dem Anwender beantworten können. "Wer hat im Film 'The Revenant' Regie geführt?" kann von der Frage gefolgt werden: "Und welche Filme hat er noch gedreht?" Das erinnert an Ankündigungen für Apples Siri und Microsofts Cortana. Abzuwarten bleibt, ob Google das vollmundige Versprechen auch einlösen kann.

Die Ich-kann-alles-Box

Mit Google Home versucht der Konzern, noch viel tiefer als bisher in den Alltag der Menschen einzudringen. Das Gerät selbst ist ein WLAN-Lautsprecher, so wie die Geräte von Sonos. Zusätzlich enthält es Funktionen zur Haussteuerung, kann die Heizung und vernetzte Lampen steuern. Außerdem soll es beispielsweise Verkehrsinformationen liefern, den Kalender verwalten, Restaurants reservieren oder Essen bestellen können.

Noch ist das allerdings nur ein Versprechen. Erst Ende des Jahres soll Google Home auf den Markt kommen. Ob nur in den USA oder auch in anderen Ländern, ließ Google-Chef Pichai offen. Klar ist: Mit der Ankündigung setzt der Konzern den Rivalen Amazon unter Druck, dessen sprachgesteuertes Heimsteuerungsgerät Echo möglichst bald in mehr Ländern auf den Markt zu bringen.

Chatten mit Robotern und Video

Allo ist eine Messenger-App, die WhatsApp und dem Facebook-Messenger Konkurrenz macht. Sie bietet beispielsweise die Möglichkeit, emotionale Äußerungen in unterschiedlicher Größe zu senden, um deren Betonung zu ändern. Zudem gibt es vorgefertigte Schnellantworten, die sich konkret auf den Inhalt des Chats beziehen. Googles Text- und Bilderkennung soll hier zu sinnvollen Antworten verhelfen.

Als Beispiel für die Integration des Google-Assistenten wurde gezeigt, wie man im Chat mit dem virtuellen Assistenten ein passendes Restaurant für den Abend findet und ihn auch gleich eine Reservierung vornehmen lässt. Das erinnert sehr an die Chatbots, die Microsoft gerade auf seiner Build-Konferenz vorgestellt hat .

Zum Schutz der Privatsphäre bietet Allo eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung an, so wie es sie bei WhatsApp seit Kurzem gibt. Hier ist sie aber nicht immer aktiv, sondern wird nur auf Wunsch eingeschaltet.

Als Ergänzung zu Allo wurde Duo angekündigt, eine Videochat-App. Duo zeigt, schon bevor man einen Anruf annimmt, das Videobild des Anrufers. So soll man sofort wissen, wer da anruft und warum. Die Bedienung scheint extrem einfach, die Benutzeroberfläche ist minimal.

Gebt dem Kind einen Namen

Die Frage, wie Android n denn nun heißen soll, wälzt Google auf die Nutzer ab. Statt einen Namen bekannt zu geben, startete das Unternehmen eine Webseite, auf der jeder Vorschläge einreichen kann, wofür das n stehen soll.

Zu Android n wurde viel Bekanntes gesagt: Die neue Version des Mobilbetriebssystems soll schneller werden, Spiele besser abspielen, Apps flinker installieren. Die Verschlüsselungsfunktion der Software wurde verbessert. Vor allem aber lädt Android n automatisch im Hintergrund System-Updates herunter, sodass damit bestückte Geräte immer auf dem neuesten Stand sind, immer die neuesten Sicherheits-Patches bekommen.

Multitasking wird verbessert, indem beispielsweise lange nicht genutzte Apps automatisch aus der Liste aktiver Apps gelöscht werden. Die Funktion Splitscreen ermöglicht es, zwei Apps neben- oder übereinander zu nutzen. Das kennt man von aktuellen Samsung-Smartphones. Nachrichten lassen sich direkt in der Benachrichtigungszentrale schnell beantworten.

Android n soll "im Sommer" veröffentlicht werden. Ab sofort gibt es eine öffentliche Betaversion.

Mehr Virtual Reality

Unter dem Namen Daydream wurde ein System vorgestellt, das Virtual Reality mit Smartphones besser machen soll. Es umfasst Spezifikationen für Smartphones, ein Referenzdesign für VR-Brillen und einen VR-Controller sowie Vorgaben für VR-Apps. Offensichtlich will Google damit versuchen, das Thema VR bei sich zu behalten, statt es an die Hersteller der großen teuren Systeme - HTC, Oculus, Sony - zu verlieren. Bis man das ausprobieren kann, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Erst im Herbst sollen Daydream-Apps und -Geräte erscheinen.

Schlauere Smartwatches

Mit Android Wear 2.0 kündigt Google das erste große Update für seine Wearable-Plattworm an. Die Software ermöglicht eine stärkere Personalisierung der Benutzeroberfläche von Smartwatches. Außerdem soll es leichter werden, Nachrichten per Uhr zu beantworten, sowohl mit vorgefertigten Antworten, als auch, indem man große Buchstaben auf den Bildschirm schreibt. Auch die Fitness-Funktionen wurden verbessert. Vor allem aber können Wear-Apps jetzt vollkommen autark vom Handy arbeiten.

Apps ohne Installation

Mit Instant Apps beseitigt Google ein Problem, das viele Nutzer nervt. Statt eine App erst installieren zu müssen, kann man Instant Apps sofort und ohne Installation benutzen, indem man auf einen Link klickt. Da solche Apps in viele kleine Module aufgeteilt sind, sollen sie quasi ohne Verzögerung starten.

Macht Google alles besser oder bloß alles nach?

Vieles von dem, was gezeigt wurde, war schon bekannt, wenn auch teilweise nur als Gerücht. Überraschend war eher, dass Google sich bei vielen Projekten nicht auf Neuland wagt, sondern bekannte Konzepte anderer Unternehmen aufgreift und auf seine Weise neu entwickelt. Natürlich seien die Google-Adaptionen von Chat-Apps, Chat-Bots und Heimsteuerungsgeräten besser als die der Konkurrenz, sagen Googles Manager. Mal schauen, ob die Kunden das auch so sehen.