Lenovo-Deal Googles Stärke ist Microsofts Schwäche

Anhand zweier Kommentare des Google-Chefs Larry Page zum Verkauf Motorolas lässt sich die Strategie Googles sowie die Tragweite der Entscheidung für Lenovo und die IT-Branche verdeutlichen. Vor allem für einen Wettbewerber sollte Googles Vorstoß eine Warnung sein: Microsoft.
Von Kristian Klooß
Google-Mitgründer Larry Page: "It helps to be all-in"

Google-Mitgründer Larry Page: "It helps to be all-in"

Foto: REUTERS

Hamburg - Die Entscheidung Googles, seine Hardware-Tochter Motorola abzugeben, zeugt vom strategischen Weitblick des Suchmaschinenkonzerns. Es sind zwei Statements des Co-Chefs Larry Page, die auf den Punkt bringen, warum dies so ist.

So begründete Page den Deal mit Lenovo unter anderem mit dem Satz, der Smartphonemarkt sei "super competitive". Mit anderen Worten: Der Wettbewerb um Smartphonekäufer tobt. Und so ist es tatsächlich. Um das zu belegen, hilft ein erster Blick auf das aktuelle Zahlenwerk des weltgrößten Smartphone-Herstellers Samsung .

Einen zusätzlichen Blick sind die Namen der mittlerweile größten Smartphonehersteller der Welt wert. Hinter Samsung - und Apple  - kam früher lange nichts. Inzwischen schließen aufstrebende Wettbewerber wie der ebenfalls aus Korea stammende Samsung-Konkurrenten LG und allen voran neue chinesische Anbietern wie Lenovo , ZTE, Yulong, Huawei und Xiaomi rasant auf.

Google hat die Zeichen der Zeit erkannt

Das Ergebnis: Zwar sind nach Schätzungen der Marktforscher von IDC im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft worden. Nur verteilt sich diese Summe an verkauften Geräten auf immer mehr große Wettbewerber. Und das hat Folgen: So rechnet IDC bis 2017 damit, dass der Durchschnittspreis für Smartphones auf umgerechnet knapp 195 Euro fallen wird. 2011 waren es im Schnitt noch 327 Euro.

Für einen Konzern wie Google  sind die in so einem Umfeld zu erwartenden Margen nicht attraktiv. Denn Google ist und bleibt ein Unternehmen, das mit Werbung und nicht durch Geräteverkäufe Geld verdient und daher auf Suchtechnologien, kostenlose Betriebssysteme und Standardsoftware setzt, die geräteübergreifend zum Einsatz kommen, um so über die Google-Dienste möglichst viele Werbekunden zu erreichen.

Die Motorola-Akquisition für einst 12,5 Milliarden Dollar (9,2 Milliarden Euro)dürfte sich trotz der jetzt vermeintlich niedrigen Verkaufssumme von 2,9 Milliarden Dollar (2,13 Milliarden Euro) durchaus amortisiert haben. Denn erstens macht das Smartphone-Geschäft nur einen Teil von Motorola  aus, zweitens haben die Patente des Mobilfunkpioniers letztlich zum Schutz und zur Verbreitung von Googles Betriebssystem Android und damit zur Nutzerausweitung für die Google-Dienste beigetragen.

Larry Page: "It helps to be all-in" - Ein Weckruf für Microsoft

Auch ein zweites Statements von Google-Chef Page ist bemerkenswert: "It helps to be all-in", sagte er zur Begründung des Motorola-Verkaufs. Mit anderen Worten: Für das Smartphone-Geschäft wäre Motorola als Wetteinsatz von Google  zu klein, um damit Spieler wie Samsung  oder Lenovo  vom Tisch zu drängen und an den großen Geldtopf heranzukommen.

Und damit warf er indirekt ein Licht auf die strategische Positionierung gleich zweier IT-Konzerne.

Zum einen Lenovo: Die Chinesen haben in den vergangenen Jahren genau das getan, was Page als richtig erachtet: Sie sind "all-in" gegangen, in dem sie konsequent das niedrigmargige Geschäft anderer Hardwarehersteller aufgekauft und sich, mit einem gewaltigen Heimatmarkt im Rücken, durch schiere Größe als Kostenführer positioniert haben, um andere Spieler vom Tisch zu drängen.

  • So stieg der 1984 gegründete Zulieferer und Hersteller von Computern und Druckern bis 2004 zum Marktführer in China auf.
  • Im selben Jahr übernahm Lenovo die PC-Sparte von IBM für 1,75 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro).
  • 2011 folgte die als Fusion betitelte Einverleibung des PC-Geschäfts von NEC.
  • In Europa stärkte sich der Konzern durch die Mehrheitsbeteiligung am Aldi-Lieferanten Medion für 629 Millionen Euro.
  • Anfang 2014 übernahm Lenovo zudem das klassische Servergeschäft von IBM für 2,3 Miliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro)
  • Die jetzige Übernahme des Smartphonegeschäfts von Motorola ist die Übertragung dieser aggressiven Wachstums- und Preisführerstrategie auf den Mobilfunkmarkt.

Jetzt fehlt den Chinesen eigentlich nur noch eine europäische Smartphone-Marke. Eine solche wäre Nokia gewesen. Der Konzern wurde allerdings vor einem halben Jahr von Microsoft geschluckt - dem zweiten IT-Unternehmen, auf dessen strategische Positionierung der Google/Lenovo-Deal ein Licht wirft.

Der Softwaregigant aus Redmond verdient bis heute vor allem mit geräte- und herstellerübergreifenden Betriebssystemen (Windows) und seiner Software (Office) Geld. Mit Hardwareprodukten verdient Microsoft hingegen so gut wie nichts - das gilt für die Xbox sowie für die Surface-Tablets und die Lumia-Smartphones von Nokia . Dennoch hat sich er Konzern unter dem Noch-CEO Steve Ballmer entgegengesetzt zu Google  positioniert.

Für Ballmers Nachfolger, dessen Suche sich nach der Absage auch des zweiten Wunschkandidaten weiter hinzieht, dürften daher einige Grundsatzentscheidungen fällig werden. Der Satz des Larry Page,"It helps to be all-in", sollte dem Konzern aus Redmond den Weg weisen. Doch die Zeichen der Zeit hat Microsoft auch in der Vergangenheit nicht immer erkannt.