Montag, 9. Dezember 2019

Rennzirkus erkennt Zeitgeist Einfach irre, wie die Formel 1 demnächst das Klima rettet

Umjubelter Sieger: Formel-1-Pilot Hamilton möchte auch als Klimaschützer gefeiert werden.
Mark Thompson/ Getty Images
Umjubelter Sieger: Formel-1-Pilot Hamilton möchte auch als Klimaschützer gefeiert werden.

Die gute Nachricht der Woche kommt von der Formel 1: Die Spitzenrennserie hat erkannt, dass Klimaschutz zurzeit hoch im Kurs steht und für viel kostenlose PR gut ist ... pardon, den Satz fangen wir nochmal an: Die Spitzenrennserie setzt sich künftig für den Klimaschutz ein und will bis 2030 CO2-neutral sein. Der Mitteilung der Formel 1 zufolge bezieht sich das Vorhaben nicht nur auf den unmittelbaren Rennbetrieb, sondern auch auf die Aktivitäten drumherum.

Mann mit Kaiser-Wilhelm-Bart: Formel-1-Chef Chase Carey
Leonhard Foeger / REUTERS
Mann mit Kaiser-Wilhelm-Bart: Formel-1-Chef Chase Carey

Wie das? Auf ihrer Website hat die Formel 1 ihre "Sustainability Strategy" veröffentlicht, eine zehnseitige Powerpoint-Präsentation mit knackigen Zeilen und vielen Bildern. Gleich auf Seite 2 grüßt Formel-1-Chef Chase Carey, ein Mann in den Sechzigern, der einen Kaiser-Wilhelm-Bart trägt.

Null CO2-Ausstoß auf der Rennbahn, lautet etwa eine der Zielsetzungen. Dazu: Ultra-Klima-effiziente Methoden bei Transport und Reisen sowie eine Energiezufuhr aus 100-prozentig erneuerbaren Quellen für alle Gebäude.

Lachen Sie nicht. Man kann sich doch gut vorstellen, wie die Formel 1 diese Ziele erreichen will. Superstar und sechsfacher Weltmeister Lewis Hamilton brachte kürzlich schon ein besonders schmerzvolles Opfer: Er hat - aus Klimagründen, wie er sagt - seinen Privatjet verkauft. Eine zweifellos harte Entscheidung, deren ganze Tragweite wohl nur ermessen kann, wer selbst schon einmal einen Privatjet besessen hat. Wenn Hamilton jetzt auch noch die fast ein Dutzend Supersportwagen und automobilen Klassiker, die er sein Eigen nennt, auf Brennstoffzellenantrieb umstellt und seine 30-Meter-Motoryacht gegen ein Ruderboot eintauscht, nennen wir ihn in Zukunft nur noch die Greta Thunberg des Motorsports.

Wobei, das wäre dann auch wieder nicht so ganz gerechtfertigt. Hamiltons Rennstall Mercedes war es schließlich, der vor zwei Jahren stolz verkündete, in Sachen Effizienz geradezu in neue Dimensionen vorstoßen zu wollen: Um die Reisezeiten und die Logistik während der Saison zu optimieren, wurde beschlossen, dass das Mercedes-Team fortan im Privatjet von Rennstrecke zu Rennstrecke jetten sollte. Linienflüge ade also - das geht natürlich unter dem künftigen Klima-Regime in der Formel 1 auch nicht mehr. Im Gegenteil: Teamkreisen zufolge lotet Mercedes bereits aus, wie lange eine Zugfahrt vom japanischen Suzuka nach Mexiko-Stadt dauert. Erster Klasse, versteht sich, die Fahrer brauchen schließlich ein Mindestmaß an Regeneration.

By the way: Auf rund 200 Flüge im Jahr kommt gegenwärtig ein einziger Formel-1-Fahrer, das hat erst kürzlich ein kritischer Geist ausgerechnet. Selbstverständlich kann man gegenüber einer derart horrenden Zahl Vorbehalte haben, schließlich übertreiben Klimaaktivisten schon, wenn sie nur bis drei zählen sollen. Und von der Formel 1 haben sie ohnehin keine Ahnung.

Motorsportfans, die deshalb jetzt bereits die Faust ballen, um damit auf den virtuellen Stammtisch zu donnern, sollten aber vielleicht noch einen Moment innehalten und sich anhören, wer diese wahnwitzige Anzahl der Flüge publik gemacht hat. Es war Fernando Alonso, zweimaliger Weltmeister in der Formel 1.

Allerdings, falls Alonso damit eine Vorstellung davon geben wollte, wie sehr die Formel 1 mit ihrer Fliegerei das Klima schädigt, lag er tatsächlich nicht ganz richtig. Die Belastung ist nämlich noch viel höher. Schließlich müssen nicht nur Fahrer sondern auch weiteres Personal sowie die Autos und sonstiges Material durch die Welt bewegt werden.

Dazu passend vielleicht eine kleine Anekdote aus der Rennsaison 2016, die es sogar in die Medien schaffte. Seinerzeit sah es wiederum der Rennstall von Mercedes als unverzichtbar an, eigens einen Jet des Typs Bombardier Global 6000 zu chartern, um über Nacht ein neues Benzinsystem für den Rennwagen von Lewis Hamilton an die Rennstrecke im russischen Sotschi zu fliegen. Kostenpunkt dieser exklusiven Ersatzteillieferung: mehr als 40.000 Dollar. Als der seinerzeitige Daimler-Chef Dieter Zetsche erfuhr, dass Hamilton das Rennen trotz allem nur als Zweiter abschloss, soll er vor Wut eine Runde Fahrradfahren gegangen sein.

Ob solche Eskapaden künftig tatsächlich der Vergangenheit angehören, bleibt abzuwarten. Aber was soll's, vermutlich benötigen die Formel-1-Boliden bis 2030 ohnehin kein Benzin mehr. Sie fahren dann wahrscheinlich mit Windkraft. Schon jetzt betont die Rennserie die schier unglaubliche Effizienz ihrer Hybridmotoren, mit denen der Kraftstoffverbrauch bereits erheblich gesenkt worden sei. Nur noch 100 Liter Benzin verbraucht ein Formel-1-Rennwagen mittlerweile, und zwar nicht etwa pro Runde, sondern während eines gesamten Rennens. Bei einer Renndistanz von etwa 300 Kilometern ergibt das einen Verbrauch von etwa 30 Litern auf 100 Kilometer - da schluckt ja jeder der so viel gelobten Omnibusse des öffentlichen Nahverkehrs mehr!

Christoph Rottwilm auf Twitter

Und, bitte, es finden jährlich aktuell überhaupt nur 21 Formel-1-Rennen rund um den Globus statt, mit jeweils zehn Teams à zwei Autos. Macht summa summarum ungefähr 42.000 Liter Benzin, die von den Formel-1-Motoren jedes Jahr zu Lasten der Umwelt verbrannt werden. Allein der jährliche Kraftstoffverbrauch aller deutschen Pkw zusammen dagegen beträgt nach letzten Zahlen des Bundesumweltamtes sage und schreibe rund 47 Milliarden Liter. Mal ehrlich, da fragt man sich doch, warum sich die Formel 1 überhaupt Gedanken über das Klima macht.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung