Telekombranche "Der Wettbewerb in Deutschland lebt hauptsächlich von O2 und E-Plus"

Christoph Vilanek, Chef des Mobilfunkhändlers Freenet, sieht die geplante Fusion von O2 und E-Plus kritisch. Warum er fürchtet, dass dadurch die Preise steigen dürften und die Innovationskraft nachlässt, erklärt er im Interview mit manager magazin online
Von Astrid Maier
O2 und E-Plus bilden neuen Marktführer: "Die Fusion dürfte in einer abspracheartigen Zusammenarbeit zwischen nur noch drei großen Spielern am deutschen Markt münden"

O2 und E-Plus bilden neuen Marktführer: "Die Fusion dürfte in einer abspracheartigen Zusammenarbeit zwischen nur noch drei großen Spielern am deutschen Markt münden"

Foto: MICHAELA REHLE/ REUTERS

Sie heißen Freenet, United Internet oder Drillisch und sind eine Spezialität des deutschen Mobilfunkgeschäftes: Unabhängige Anbieter, die über keine eigenen Netze verfügen, aber wichtige Vertriebspartner von Deutsche Telekom, Vodafone und Co. sind - und zugleich ihre schärfsten Konkurrenten.

Christoph Vilanek hat bei Freenet  mit zuletzt 3,2 Milliarden Euro Umsatz das Kommando über den größten dieser unabhängigen Dienste. Und Vilanek hatte zuletzt vor allem gute Zeiten hinter sich: Die Übernahme des Apple-Händlers Gravis, Umsatzplus und üppige Dividendenauszahlung haben den Freenet-Kurs im vergangenen Jahr kräftig befeuert.

Nur beim Thema E-Plus-Übernahme durch Telefónica verlässt den jovialen, stets braun gebrannten Manager die Gelassenheit.

mm: Die O2-Mutter Telefónica verspricht, nach der Übernahme von E-Plus in Deutschland den zwei Großen der Branche Vodafone und Telekom mächtig einzuheizen. Freuen Sie sich schon auf den verstärkten Wettbewerb?

Christoph Vilanek: Allein mir fehlt der Glaube. Der Wettbewerb hierzulande hat während der letzten zwanzig Jahre hauptsächlich von E-Plus und O2 gelebt. Viele der echten Innovationen gingen von diesen beiden kleineren Angreifern aus, etwa die Einführung von Billigmarken wie Simyo. Ohne klare Vorgaben wird der Wettbewerb stark abnehmen. Zudem dürfte die Fusion in einer abspracheartigen Zusammenarbeit zwischen nur noch drei großen Spielern am deutschen Markt münden.

mm: Sie beschwören schon ein Kartell herauf?

Vilanek: Diesen Begriff möchte ich nicht verwenden. Aber unser Markt funktioniert sehr transparent. Jeder hat Zugang zu den Preis- und Provisionslisten des jeweils anderen. Da kann schnell eine Art nicht abgestimmtes Stillhalteabkommen entstehen. In der Betriebswirtschaft nennt man dieses Phänomen unabgestimmt gleichgerichtetes Verhalten. Auf eine ökonomische Frage gibt es bei drei etwa gleich großen Unternehmen meist nur eine richtige Antwort.

mm: Sie gehen also davon aus, dass die Preise nach der Fusion steigen werden?

Vilanek: Nicht nur das. Es wird auch für alternative Anbieter ohne eigenes Netz wie uns weniger Raum für Innovationen übrig bleiben. Wir waren die ersten, die Budget-Tarife eingeführt haben, 1&1 die ersten Anbieter einer Flatrate. Und es gäbe nach wie vor Spielraum für Neuerungen, etwa wenn es um die Portionierung von Datenpaketen geht.

Beispiel Österreich: "Profitiert haben nur die Anbieter, nicht die Verbraucher"

mm: Ihre Experimentierfreude können Sie in Zukunft doch beibehalten.

Vilanek: Daran zweifle ich eben. Wenn demnächst ein neues, großes O2 genauso viel zu verlieren haben wird wie Deutsche Telekom  und Vodafone schon heute, dann dürfte auch die Bereitschaft aller sinken, uns die Netze für solche Neuerungen zu öffnen. Das Beispiel Österreich, wo es seit kurzem auch nur noch drei Anbieter gibt, hat gezeigt, wohin die Reise geht. Dort sind die Preise gestiegen, die Innovationskraft des Marktes ist eingeschlafen. Profitiert von der Fusion haben nur die drei Anbieter, nicht die Verbraucher.

mm: Die Bundesnetzagentur hat signalisiert, dass das fusionierte Unternehmen Funkspektrum wird abgeben müssen. Mit dem Erwerb der frei werdenden Kapazitäten könnte doch auch ein ganz neuer Wettbewerber in Deutschland auftauchen.

Vilanek: Ein solcher neuer Anbieter könnte mit dem frei werdenden Frequenzflickenteppich keinen deutschlandweiten Dienst anbieten. Zudem wollen O2 und E-Plus zusammengehen, weil sie sich alleine nicht mehr in der Lage sehen, ökonomisch an Deutsche Telekom und Vodafone heranzureichen. Wer also würde in einem derart gesättigten Markt erneut Milliarden in die Hand nehmen, um noch einmal denselben Fehler zu begehen, an die Großen aufschließen zu wollen? Einen solchen Hasardeur sehe ich nicht.

mm: Telefónica könnte Läden abgeben und Untermarken verkaufen. Derartige Auflagen sind bei solchen Fusionen oft üblich. Wäre so dem Wettbewerb geholfen?

Vilanek: Telefónica wird Läden schließen, weil es für das Unternehmen keinen Sinn hat, einen E-Plus-Laden neben einem von O2 weiter zu unterhalten. Das befiehlt schon die betriebswirtschaftliche Logik. Und die Untermarken wie Blau oder Yourphone hängen betriebswirtschaftlich an der Nabelschnur ihrer Mutter E-Plus. Ein Käufer könnte unter heutigen Marktbedingungen damit kein Geschäft betreiben.

mm: Wieso nicht?

Vilanek: Wir haben uns das detailliert angesehen. Von den vier, fünf Euro Brutto-Marge, die in dem Geschäft hängen bleiben, kann kein Unternehmer überleben. Für eine Tochter wie Blau funktioniert das wohl nur, weil die Konzernmutter E-Plus die Untermarke offenbar finanziell quersubventioniert. Ich glaube deshalb nicht, dass sich unter den heutigen Bedingungen auch nur ein Käufer finden wird für solche Untermarken.

"Das tötet den Wettbewerb ab"

mm: Was müsste sich ändern?

Vilanek: Für potenzielle Übernehmer muss eine ökonomische Grundlage geschaffen werden, damit Waffengleichheit herrscht. Entweder der Preis wird reguliert, also der Großhandelspreis, zu dem wir Angebote kaufen, wird gesenkt. Oder E-Plus und O2 müssen ihre Quersubventionen für Untermarken offen legen und sie abstellen.

mm: Das ist eine sehr eigennützige Forderung.

Vilanek: Es ist eine, ohne die der Wettbewerb grundlegend gefährdet wäre. Und es ist nicht einmal unser wichtigster Appell. Die Diensteanbieter-Verpflichtung, wie wir sie in Deutschland lange Zeit praktiziert haben, ist in Gefahr. Sie besagt, dass freie Anbieter wie wir von den Netzbetreibern im Grunde wie ihr eigener Vertrieb behandelt werden müssen. Wir können aber derzeit schnelle LTE-Angebote im O2-, Vodafone- oder Telekom-Netz nur unter restriktiven Vorgaben verkaufen, dürfen nicht unsere eigenen Tarife anbieten. Das tötet den Wettbewerb ab. Erst recht, wenn die Fusion von O2 und E-Plus ohne strikte Auflagen durchgewinkt werden sollte. Deshalb fordern wir die grundsätzliche Ausweitung der Diensteanbieter-Verpflichtung für alle Technologien.

mm: Das werden Sie bei Deutsche Telekom & Co. zu verhindern versuchen. Schließlich hat man dort Milliarden in neue Netze investiert.

Vilanek: Die Auflagen für die angepeilte Fusion von O2 und E-Plus werden zur Grundsatzentscheidung für den gesamten europäischen Telekommunikationsmarkt werden. Nur wenn es dabei auch harte Einschränkungen geben wird, können die Verbraucher davon ausgehen, dass der Wettbewerb in Europa in Zukunft nicht ausgehebelt werden wird.