Mittwoch, 20. November 2019

Zahl der Pleiten nimmt zu Beschwerden bremsen Fintech-Höhenflug

Kreditkarte des umstrittenen Zahlungsdienstleisters Wirecard (Archivaufnahme)

Sie traten an, um die Bankenwelt aufzumischen. Finanz-Start-ups wollen mit intuitiver Technik im Netz Überweisungen, Sparen, Kredite oder Versicherungen für Verbraucher schneller und bequemer machen. Rasch wurden die forschen Jung-Unternehmer als Konkurrenten gehandelt, die traditionellen Geldhäusern das Leben schwer machen würden. Manch einer sah Banken schon abgehängt.

Wenige Jahre danach hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Viele der Fintechs sind verschwunden oder haben sich in Kooperationen mit Banken geflüchtet. Nach einer Gründungseuphorie haben reihenweise Start-ups aufgegeben, so die Beratungsgesellschaft PwC jüngst. Sie verzeichnet 233 Pleiten seit 2011 und allein 34 in den ersten fünf Monaten 2019 - so viele wie nie zu diesem Zeitpunkt. Viele Start-ups hätten etwa die Kosten der Kundenakquise unterschätzt, sagt PwC-Partner Sascha Demgensky. "Ihnen ging finanziell die Luft aus."

Auf der anderen Seite stehen junge Firmen, die den Durchbruch geschafft haben wie Vergleichsportale für Tagesgeld, Direktbanken oder Anbieter von Roboter-Geldanlagen. Die Smartphone-Bank N26 und der Einlagenvermittler Raisin sammelten dreistellige Millionenbeträge von Investoren ein und wollen damit auch in die USA expandieren.

"Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Kundenbeschwerden"

Doch nun erschüttert Kritik die Branche - etwa am schon etablierten Zahlungsabwickler Wirecard, der inmitten seines Aufstiegs in den Dax mit Unregelmäßigkeiten bei Buchungen für Aufsehen sorgte. Und der Direktbank N26 bescheinigte die Finanzaufsicht Bafin Mängel bei Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Das Start-up mit 3,5 Millionen Kunden müsse einige Bestandskunden neu identifizieren, mehr Arbeitsabläufe schriftlich festhalten und Rückstände bei der Kontrolle verdächtiger Transaktionen aufarbeiten, so die Bafin. N26 zeigte sich einsichtig: Man werde die Vorgaben zügig umsetzen.

Vor allem an Online-Banken reißt die Kritik kaum ab. "Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Kundenbeschwerden", sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ob darunter viele Betrugsfälle seien, sei unklar. Bei den Verbraucherklagen gehe es um die Nichterreichbarkeit der Geldhäuser.

Einzelne Genossenschaftsbanken ergriffen schon Abwehrmaßnahmen gegen betrügerische Überweisungen auf Konten von Online-Banken. So stellte die Volksbank Freiburg im Online-Banking den Zahlungsverkehr etwa mit N26, Fidor, Revolut und bunq temporär ein. Begründung: "eine Zunahme an Betrugsfällen". Vermeintliche Betrüger würden die Banken wegen einfacher Identifikationsverfahren wie Foto-Identifikation als Zielkonto für vermeintliche Straftaten nutzen.

Ein Einfallstor für Angriffe auf Kundenkonten bei der Volksbank Freiburg war das mTAN- oder mobileTAN-Verfahren. Dabei wird die für Überweisungen nötige TAN per SMS auf eine hinterlegte Handynummer geschickt. Kriminelle greifen Zugangsdaten für das Online-Banking ab - etwa über Phishing-Mails. An die TANs kommen sie ferner über Ersatz-SIM-Karten, die sie beim Mobilfunkanbieter erschleichen.

Volksbank-Chef Henry Rauner vermutet Versäumnisse bei den Fintechs: "Die Identitätspflichten werden vielleicht nicht so streng gehandhabt, und auch im Geldwäschebereich sind vielleicht die Systeme nicht auf dem Stand, den auch die Aufsicht sich wünscht."

"Nicht über einen Kamm scheren"

Müssen Kunden nun bei Online-Banken um ihr Geld fürchten? Und haben Finanz-Start-ups generell ein Sicherheitsproblem? "Man darf Fintechs nicht über einen Kamm scheren", sagt Matthias Hübner, Branchenexperte bei der Beratungsfirma Oliver Wyman. Bisher gehe es um Einzelfälle. Die Schlagzeilen zeigten, dass Branche gewachsen sei.

Hübner meint aber auch: "Die Sicherheitsvorkehrungen der Start-ups müssen steigen. Einige haben sich zunächst auf die Expansion konzentriert und wurden vom Wachstum überrannt." Für Fintechs sei die wiederholte Kritik ein Risiko. "Die Gefahr ist, dass Verbraucher nicht mehr unterscheiden und die ganze Branche in Sippenhaft nehmen."

Den Banken kommt das Straucheln der ungeliebten Wettbewerber indes nicht ungelegen. "Sie hören sich seit Jahren an, sie hätten den Wandel verschlafen", sagt Peter Barkow, Fintech-Experte und Gründer des Analysehauses Barkow Consulting. "Jetzt kam die willkommene Gelegenheit zu sagen: Auch die Konkurrenz kocht nur mit Wasser."

Fintechs betonen, für die Kundensicherheit zu sorgen. N26 etwa teilte mit, man setze wie alle anderen Banken auch "Maßnahmen zur Geldwäscheprävention" um. "Sobald wir erfahren, dass andere Banken einzelne Transaktionen an N26 anhalten, treten wir so schnell wie möglich mit der betreffenden Bank in Kontakt, um Probleme zu lösen."

Auch andere wehren sich: "Jeder, der ein Konto bei der Fidor Bank eröffnet, durchläuft das fälschungssichere Video-Ident-Verfahren", sagte ein Firmensprecher. Es sei daher wenig wahrscheinlich, dass Betrüger Inhaber solcher Konten sind und gestohlenes Geld dorthin überweisen lassen, wo man sie leicht identifizieren könnte."

Mit IT-Problemen stehen Finanz-Start-ups indes nicht allein da. So hatten Kunden der Deutschen Kreditbank jüngst über Stunden keinen Online-Zugang zu ihren Konten. Und bei der Commerzbank kam es wiederholt zu IT-Pannen. Technische Probleme bei Banken seien keinesfalls neu, sagt Barkow. "Darauf haben Fintechs kein Monopol."

Alexander Sturm, dpa

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung