Mittwoch, 26. Juni 2019

Netzwerk der Verstorbenen Millionen Tote auf Facebook - für immer verbunden?

Die sozialen Medien sind längst nicht mehr allein Netzwerke der Lebenden. Auf Facebook etwa gibt es 30 Millionen Tote. Was aber bedeutet es, wenn wir Verstorbenen auf deren Profilen zum Geburtstag gratulieren?

Ein junger australischer Soldat starb 2012 während eines Einsatzes seiner Spezialeinheit in Afghanistan. Auf Facebook kann man nun gemeinsam mit seinen Eltern und anderen Trauernden seiner gedenken. Auf der Seite steht zu lesen: "Diese Erinnerungsseite wurde eingerichtet für alle, die ihn kannten und liebten. Wir laden euch ein, eure Erinnerungen, Geschichten und Bilder zu teilen, um sein erstaunliches Leben respektvoll zu ehren." Die Seite zeigt Fotos und Auszeichnungen, gemeinsame Erlebnisse werden geteilt. In manchen Fällen wird sogar er selbst angesprochen. Aber wer genau wird angesprochen? Verbleibt hier wirklich etwas von dem Toten, an das wir unsere Schreiben, unsere Danksagungen richten können? Aber was?

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Auf Facebook allein gibt es heute mehr als 30 Millionen Tote. Obwohl die Menschen nicht mehr unter uns sind, leben viele ihrer digitalen Profile weiter. Fotos und Beiträge bleiben verfügbar, man kann auf der Pinnwand posten, Erinnerungen austauschen, den Verstorbenen zum Geburtstag gratulieren. (Dass das auch juristische Probleme mit sich bringen kann, zeigt derzeit ein Fall, der vor dem Berliner Kammergerichtverhandelt wird: Die Mutter einer 2012 gestorbenen Minderjährigen will von Facebook Zugang zu deren Kontodaten haben, um deren Todesumstände klären zu können und herauszufinden, ob ihre Tochter Selbstmord begangen hatte.)

Soziale Netzwerke wie Facebook oder virtuelle Friedhöfe und Erinnerungsportale scheinen den Toten eine Art des Verbleibs zu ermöglichen. Nicht als physisch materieller Mensch, aber als digitale Erinnerung, als "Geschichte", die von den Gedenkenden weiter geformt werden kann.

Digitaler Nachlass
Alle paar Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer. Was aber passiert mit seinem digitalen Nachlass? Man kann es in den "Gedenkzustand" versetzen lassen - dann wird es in dem Zustand, in dem es zum Todeszeitpunkt war, eingefroren, keine Interaktion ist mehr möglich. Das Profil komplett löschen kann nur, wer als Erbe auch die Passwörter bekommen hat. Man kann aber auf Facebook selbst auch festlegen, wie nach dem Tod mit dem Account verfahren werden soll: Unter "Einstellungen" den Punkt "Sicherheit" aufrufen, dort gibt es den Unterpunkt "Nachlasskontakt"; man kann eine Person autorisieren, sich um das Konto zu kümmern (Nachrichten darf diese Person nicht einsehen), oder auch die Kontolöschung nach dem Tod anfordern.

Die Moderne hat den Tod individualisiert - und damit auch die Trauerkultur. Noch im 18. und 19. Jahrhundert waren Beerdigungen oft pompöse Zeremonien, die das Leben und die Leistungen des Verstorbenen würdigen sollten. Trauerfeiern waren ein soziales Ereignis, ein fester Bestandteil der bürgerlichen Feierkultur. Doch diese Traditionen sind weithin verschwunden, die aufwendigen Zeremonien der stillen Trauer im Privaten gewichen. Man verlegte die Friedhöfe aus den Stadtzentren in die Peripherie, verbannte die Totenkultur an den Stadtrand und damit fort vom gesellschaftlichen Leben.

Die virtuellen Friedhöfe und Gedenkstätten holen die Toten heute wieder zurück in die Mitte des gesellschaftlichen Alltags. Trauer und Erinnerung sind nun global über das Internet vermittelbar. Der Mobilitäts- und Flexibilitätsanspruch einer postmodernen Gesellschaft findet seinen Niederschlag auch in einer veränderten Trauerkultur. Was aber bleibt von den Menschen, wenn wir ihrer digital gedenken?

Philosophisch müssen wir unterscheiden zwischen dem Selbst im Sinne einer subjektiven Ich-Erfahrung, die mit dem Körper vergeht, und der Person eines Menschen. Die Person ist hier allerdings nicht im Sinne der Aufklärung zu verstehen, die das Personsein an das Bewusstsein knüpft, sondern als Einheit aller Erlebnisse und Beziehungen mit anderen, zusammengefasst in einem "biografischen Feld", das weitergetragen werden kann.

Das Selbst vergeht mit dem physischen Tod eines Menschen, die Person aber bleibt als Narrativ erhalten, in den Geschichten, die wir erlebt und mit anderen geteilt haben. Die Person ist eingewoben in das biografische Feld.

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