26.02.2019

Erlaubnis für Elektroroller in Deutschland erteilt

So werden E-Roller diesen Sommer Deutschlands Städte verändern

Eine Meinungsmache von Patrick Setzer

DPA

Elektro-Scooter des US-amerikanischen E-Scooter-Sharing Anbieters "Bird"

Die Verordnung zur Legitimation von E-Scootern in Deutschland ist unterzeichnet und wird zum Sommer das Fahren mit Elektrokleinstfahrzeugen landesweit regeln. Für kleine Strecken, die zuvor zu Fuß zurückgelegt wurden, bietet sich nun eine neue Gattung von kleinen elektrisch angetriebenen Fahrzeugen an.

Durch Sharing-Dienste, wie wir sie bereits vom Auto oder Fahrrad kennen, muss man elektrisch betriebene Kleinstfahrzeuge nicht besitzen, sondern wird sie ab Frühsommer an Straßenecken in fast jeder größeren Stadt ausleihen können. Die Vorteile liegen auf der Hand - es gibt allerdings auch ein paar Dinge zu bedenken bei Stadtbild und Sicherheit.

Fast fünf Jahre brauchte es, bis eine Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) in Deutschland entwickelt und dieser Tage endlich von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer unterzeichnet werden konnte. Während in Wien, Paris, London und anderen Metropolen die Roller im Stadtbild schon lange angekommen sind, überlegte man hier noch, ob Helmpflicht, Lenkstange, Versicherungskennzeichen oder Führerscheinpflicht angemessene Vorschriften für elektrisch betriebene Roller und Skateboards sind. Das ist nun entschieden und wird im nächsten Schritt der Europäischen Kommission und dem Bundesrat mit erwarteter Zustimmung vorgelegt, so dass zum Sommer der Weg für die neuen Fahrzeuge frei ist.

In vielen Ländern orientierte sich die Politik am Silicon Valley und ebnete E-Kleinstfahrzeugen schnell den Weg. Eine Folge war, dass Scooter die Städte maßlos überfrachteten und die Behörden dann schnell gegensteuern mussten.

Bei uns wurde auf politischer Ebene eine Geschwindigkeitsbegrenzung (beträgt nun maximal 20 Km/h), Versicherungspflicht (wird nun eingeführt, da aus Sicht des Ministeriums Straßenrowdys im Falle eines Unfalls identifizierbar sein müssen) oder Führerscheinpflicht (diese wurde nun aufgehoben) in Zusammenhang mit Elektrokleinstfahrzeugen diskutiert.

Wenn man bedenkt, dass Elektrofahrräder schneller fahren dürfen, aber keiner Versicherungspflicht unterliegen, ist das Ergebnis interessant. Das im Zusammenhang mit Elektro-Rollern und Elektro-Skateboards überhaupt Themenbereiche diskutiert wurden, die zur Folge hätten, dass man E-Scooter im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nicht mitnehmen dürfte, ist für Nicht-Politiker ohnehin nur schwer nachvollziehbar. Dabei müsste eigentlich schnell klar sein, dass eine Vorgabe, die den ÖPNV ausschließt an der Realität vorbeigeht.

Man sieht: Die Disruption des Automobilsektors geht nicht nur Konzerne an, sondern gibt auch der hiesigen Politik die Chance agile Trial-and-Error Lösungswege zu gehen.

E-Roller Einhörner und andere Start-ups scharren mit den Hufen

Die Anzahl an Start-ups, die im Frühsommer mit E-Rollern starten, wird viele überraschen. Mit dem Start von Bird, Flash, Hive, Lime, Spin, Tier, Voi, Wind und anderen stehen reichlich Start-ups in den Startlöchern. Die Produktqualität unterscheidet sich besonders im digitalen Bereich des Angebots, denn die meisten nutzen denselben ehemals amerikanischen Hardware-Hersteller Segway Ninebot, der 2015 vom chinesischen Unternehmen Xiaomi übernommen wurde.

Wenn die Eigenschaften von Produkten gleich sind, entscheidet der Preis. Den hat Lime, der First-Mover aus Kaliforniern, mit einer Freischaltgebühr pro Fahrt von 1 US-Dollar plus 15 bis 20 US-Cent pro Minute festgelegt. Bei einem Einkaufspreis von unter 300 US-Dollar für den Roller, teilweise zehn Fahrten pro Tag und Roller und dem Fakt, dass die Gefährte selbst als Werbetafel in der Straße genutzt werden, weshalb nur geringe Marketingkosten oben drauf kommen, amortisiert sich der Roller im besten Fall noch im ersten Monat.

Das sind Konstellationen, die Venture Capital Fonds lieben, weshalb Bird es schneller als keinem Start-up zuvor gelungen ist, innerhalb von weniger als einem Jahr eine Milliardenbewertung zu erzielen und somit ein Einhorn zu werden.

Ob Endkunden bei diesen niedrigen Kaufpreisen für ihren täglichen Weg zur U-Bahn tatsächlich immer wieder einen E-Roller mieten bleibt abzuwarten. Die Uhr kann man sicherlich danach stellen, wann das erste der oben genannten Start-ups sein Geschäftsmodell auf Skaleneffekte umstellt und die Freischaltgebühr kippt. Dann bekommt die Hockey-Stick-Businessplanung eine kleine Delle und aus Einhörnern werden Haflinger. Macht nichts, die können auch ganz gut galoppieren.

In deutschen Städten haben Mobilitätsdienstleister aus den USA und Asien verbrannte Erde hinterlassen. In München beispielsweise wurden bei der Insolvenz des Fahrrad-Sharing-Dienstes Obike aus Singapur rund 7000 Räder über Nacht herrenlos. Dies hatte zur Folge, dass die Stadt durch Schrotträder in Flüssen, Parks oder hoch in Bäumen förmlich vermüllt wurde.

Auch der Ride-Hailing Dienst Uber hat mit seiner Haltung in den meisten Ländern Europas Abwehr hervorgerufen. Mit der amerikanischen Art, europäische Regeln zu ignorieren und notfalls mit gefüllten Taschen und beauftragten Rechtsanwälten auf Städte, Lobbys und Verbände loszugehen, hat sich Uber selbst einen Frondienst erwiesen und heute auch Feinde.

In Paris zeigt sich die Stadt förmlich überrollt von der Roller-Bewegung. Hier sind bereits sieben E-Roller-Anbieter aktiv und die Stadt hat es nicht leicht, die zigtausend Roller zu kontrollieren. Die nun initiierte Bewegung "Charta des guten Benehmens" für "Trotinettes", wie die Roller in Frankreich genannt werden, ist eine elegante Idee, die schnell unter die Räder kommen wird, wenn nicht hart limitierende Regelungen folgen.

Selbst in den USA haben Bird und Lime bereits Federn bei den Stadtverwaltungen lassen müssen, da sie sich wenig um die lokalen Effekte ihrer Dienste gekümmert haben und in der Folge zeitweise abrupt abgeschaltet wurden. Auf Instagram kann man sich vom Umgang mit Scootern unter "Scootersbehavingbadly" schnell ein Bild machen. Wenn die deutschen Städte sich nicht in den nächsten Wochen auf die Rollerflut vorbereiten wird sich ein Obike-Schrott-Szenario mit Tretrollern wiederholen.

Der "Allgemeine Deutsche Fahrradclub" (ADFC) befürchtet in einer Stellungnahme "totales Chaos" auf den städtischen Radwegen und steht genau für die Haltung, die man nicht an den Tag legen darf. Den eigenen Besitzstand zu wahren und das unwahrscheinlichste Negativszenario ganz oben auf die Tanzkarte zu schreiben, ist sicherlich kein Beitrag für eine positive Gestaltung der zukünftigen Mobilität. Eine Analyse aus den USA vom November letzten Jahres zeigt, dass in Städten, die Fahrrad-Sharing-Dienste eingeführt haben, die Busnutzung pro Jahr um 1,8 Prozent gesunken ist, während die Nutzung des öffentlichen Schienenverkehrs parallel stieg.

Dies steht im Gegensatz zu Ride-Hailing Diensten wie Uber oder Lyft, die dazu beitragen, dass rund 1,5 Prozent der Fahrten pro Jahr aus dem öffentlichen Nahverkehr auf taxiähnliche Dienste mit Verbrennungsmotoren umsteigen und dafür sorgen, dass Städte wie New York oder Chicago noch mehr Verkehrs- und Luftprobleme bekommen. Hier sind, neben Elektrokleinstfahrzeugen, Ride-Pooling-Dienste wie BlaBlaCar, die die Auslastung von Fahrzeugen für weite Strecken oder Clevershuttle, die ein ähnliches Konzept innerhalb von Städten mit einer Elektroflotte umsetzen, gute Ansätze.

Wer nicht zur vom Umweltbundesamt benannten Gruppe der "klimabesorgten Klimasünder" zählen will, sollte geteilten Mobilitätslösungen im Zusammenspiel mit öffentlichem Nahverkehr und Zügen den Vorzug geben und Komfortnachteile in Kauf nehmen. Denn wer zwei Tonnen Stahl angetrieben durch einen Verbrennungsmotor durch die Stadt navigiert, um durchschnittlich 65 Kilogramm Mensch von A nach B zu transportieren, handelt nicht verantwortlich im Sinne von Greta Thunberg.

Vier Handlungsansätze für die Mikromobilität

1. "Just ship it": Schnelle iterative Lösungsansätze, statt jahrelangen Nachdenkens auf Basis von theoretischen Informationen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, gilt dies für Unternehmen, aber ebenso für unsere Politik. Studien zu beauftragen, kostet Zeit und Geld. Und die Ergebnisse sind meist fern der realen Kundenanforderung.

2. "Ask for forgiveness later" ist keine Haltung: Ubers Weg, sich über Regelungen und Gesetze hinwegzusetzen und die Bevölkerung aus dem Blick zu lassen, hat sich nicht als erfolgreich herausgestellt. Wenn Start-ups früh alle Parteien der Mobilität im Blick haben, sind diese langfristig im Vorteil.

3. "Disruption testing" gilt auch für Städte: Die Veränderung früh erkennen und zügig Regelungen und auch Limits für Elektrokleinstfahrzeuge vorzunehmen stellt sicher, dass wir keine zweite Obike-Tragödie in Deutschland erleben.

4. "Digitale Transformation" beginnt bei uns Bürgern selbst. Auf Nachbarn zu zeigen ist leicht, selbst neue Wege zu gehen und die Komfortzone zu verlassen sind Chance und Aufgabe zugleich.

Patrick Setzer ist Gründer der digital entry GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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