Jens-Uwe Meyer

Gute Vorsätze, die über Ihre Zukunft entscheiden So werden Sie 2018 zum digitalen Gewinner

Digitalisierung: Nutzen Sie die Chancen zu ihrem Vorteil, verharren Sie nicht bei den digital Abgehängten

Digitalisierung: Nutzen Sie die Chancen zu ihrem Vorteil, verharren Sie nicht bei den digital Abgehängten

Foto: Getty Images

Ein tiefer Riss geht quer durch die Gesellschaft. Ein Riss, der sich erst in den vergangenen fünf Jahren aufgetan hat. Er verläuft nicht zwischen Jung und Alt. Nicht zwischen Reich und Arm. Und auch nicht zwischen Land- und Stadtbevölkerung. Es ist der Riss zwischen digitalen Gewinnern und digital Abgehängten.

Digitale Gewinner sind Menschen und Unternehmen, die die Chancen der Digitalisierung kompromisslos zu ihrem Vorteil nutzen. Die bei Begriffen wie "Digitaler Disruption"  keine Angst, sondern Aufbruchstimmung verspüren. Digital Abgehängte verharren dagegen in der analogen Welt. Dieser Riss wird sich 2018 dramatisch vergrößern.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Am offensichtlichsten wird diese Spaltung, wenn Sie bei Ihrem Steuerberater sitzen und erfahren, dass Sie alle Buchungen künftig mit Liveauswertung per App erhalten. Gerade freuen Sie sich, dass Sie nun endlich den ganzen Papierkram los sind. Doch dann: Schluss mit lustig. Das Finanzamt akzeptiert Handwerkerrechnungen nur auf Papier und im Original.

Die digital Abgehängten schlagen zurück. Dummerweise in Form der öffentlichen Verwaltung. Smartphone- und Smartwatch-Nutzer auf der einen, Papierschieber auf der anderen Seite. Kunden, die ihr gesamtes Leben über das Smartphone organisieren auf der einen - Unternehmen und Behörden mit Aktenstapeln und schwer erreichbaren Callcentern auf der anderen Seite.

Die Kunden sind weiter als die Unternehmen

Zwei Studien belegen, wie sich beiden Seiten auseinander entwickelt haben. Für die erste, die wir gemeinsam mit der ISPO Munich durchgeführt haben, wurden 615 sogenannte "Pro-sumer" befragt, also Konsumenten, die besonders digitalaffin sind und ein hohes Interesse daran haben, Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen mitzugestalten. Diese Pro-sumer sind in ihrem Lebensstil dort, wo die Mehrheit der Konsumenten erst in zwei bis drei Jahren sein wird.

Und nicht nur das: Pro-sumer, so das Ergebnis der Studie , sind auch viel weiter als die meisten Unternehmen. Zwei Drittel von ihnen wünschen sich Sensoren, die ihre Körperfunktionen überwachen. Sie haben kein Problem damit, diese Daten an Cloud-Dienste und sogenannte "Digitale Ökosysteme" weiterzugeben. Dass ein Fitnesscenter nicht mit der Gesundheits-App vernetzt ist, ist aus ihrer Sicht vollkommen unverständlich.

Ein Fitnessgerät ohne digitale Schnittstelle? Wertlos. Wie selbstverständlich nutzt ein Teil der Befragten digitale Fitnesscoaches. Sie lassen sich lieber von einem Algorithmus als von einem Personal Coach aus Fleisch und Blut beraten. Abstrakt klingende Begriffe wie "Internet der Dinge" sind für sie bereits Realität.

Wie weit die meisten Firmen dieser Lebenswelt hinterherhinken, zeigt eine Studie der HWZ - Hochschule für Wirtschaft Zürich , die 87 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen als "digitale Dinosaurier" bezeichnet. Für die Studie wurden 1300 Unternehmen untersucht. 54 Prozent haben keine digitale Strategie. Auf die Frage, ob sie in den kommenden zwei Jahren planen, eine solche einzuführen, antworteten 71 Prozent mit nein.

Digitalisierung? Wozu? Diese Unternehmen werden 2018 weiter abgehängt werden. Denn ihre Kunden entwickeln sich in digitaler Hinsicht viel schneller sie.

Es kommt schlimmer als Sie denken

Es ist einfach, die Marktforschung heranzuziehen, um auf Basis "methodisch korrekter" Ergebnisse zu sagen: "So schlimm wird das alles gar nicht, lass uns mal abwarten". Im Internet finden digitale Dinosaurier überall Beruhigungspillen. "Können Sie sich vorstellen, sich bei Amazon zu versichern?", fragte das Institut Global Data Kunden in Großbritannien. 18 Prozent antworten mit ja.

Wie beruhigend: 82 Prozent können sich das also nicht vorstellen. In der Stadt Mayen in Rheinland-Pfalz wurden 400 Kunden befragt, ob sie aufgrund der großen E-Commerce Plattformen seltener in der Stadt einkaufen gehen. Etwa ein Drittel der Befragten gab an, seltener in die Stadt zu kommen. Nur ein Drittel? Beruhigend. Oder doch nicht?

Wenn Sie sich beruhigen lassen, sitzen Sie möglicherweise in der Hertie-Falle: Ende der 90er Jahre ergab die Onlinestudie von ARD und ZDF  , dass nur 6,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Onlinedienste nutzen. Hinzu kam, dass insbesondere Frauen dem Medium Internet kaum Bedeutung schenkten. "Die Onlinewelt ist (noch) männlich", hieß es in der Studie. Onlineshopping? 14 Prozent. Eine Nische.

Die Beruhigungspillen für die digital Abgehängten

Kundenbefragungen sind Beruhigungspillen für die digital Abgehängten

Die Kundenbefragungen aus dem Jahr 1997 waren damals Balsam auf den Seelen gestresster Hertie-Kaufhausmanager, die damit endlich den Beleg hatten, dass der E-Commerce keine Zukunft hat. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Solche Studien dürften eigentlich nur mit dem Zusatz "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Marktforscher oder Unternehmensberater" veröffentlicht werden. Denn was beim Lesen solcher Studien häufig übersehen wird: Sobald Konsumenten die Vorteile digitaler Angebote für sich entdecken, nutzen sie diese auch. Und dann vergleichen sie: Wo bekomme ich den besseren Service? Wo ist es für mich bequemer? Innerhalb weniger Monate entstehen Bedürfnisse, die es zuvor gar nicht gab.

Etablierte Unternehmen, die gerade noch vertrauensvolle Partner ihrer Kunden waren, laufen plötzlich Kundenbedürfnissen hinterher, die sie nicht mehr verstehen. So wirbt die Online-Krankenversicherung Ottonova  offensiv damit, dass die Zeit des Wartens in überfüllten Wartezimmern beim Arzt vorbei sei.

Wie bitte? Sich von einem Callcenter beraten lassen? Medizinischen Diagnosen einer Hotline vertrauen? Klassische Krankenversicherer befragen ihre Kunden. Und natürlich antworten diese mehrheitlich: "Wir vertrauen unserem Arzt." Noch so eine Beruhigungspille für die digital Abgehängten.

In der Onlinestudie von ARD und ZDF hieß es 1997 noch: 89 Prozent der Befragten sehen keinen Verdrängungswettbewerb zwischen klassischen Medien und Onlinemedien.

20 Jahre später haben Netflix und Amazon viele Marktanteile dazu gewonnen, während das klassische Fernsehen massiv Zuschauer verliert . Internetstars wie Julien Bam haben Reichweiten, von denen klassische Fernsehmacher zum Teil nur noch träumen können. Das sind die digitalen Gewinner. Klassische Programmmacher müssen sich dafür mit Papiertigern in Landesmedienanstalten herumschlagen, die nach wie vor eifrig über Lizenzvergaben diskutieren und den Sendern Auflagen machen.

Die digitale Spaltung wird 2018 zunehmen

Auch wenn es schwer ist, Prognosen abzugeben, eine kann ich auf Basis der Crowdstudie und Hunderten von Gesprächen, die ich 2017 mit Managern und Vorständen geführt habe, sicher geben: Der Riss zwischen digitalen Gewinnern und digital Abgehängten wird sich 2018 vergrößern. Unternehmen, die reden, aber nicht handeln, werden in wenigen Jahren dramatisch Marktanteile verlieren oder ganz vom Markt verschwunden sein. Arbeitnehmer, die im Alten verharren, während um sie herum die digitale Welt rasant an Geschwindigkeit zunimmt, werden die Verlierer sein. Wer sich weiterbildet und neugierig alle Methoden nutzt, wird gewinnen.

2018 wird für Sie - ob als Unternehmer, Manager oder Angestellter - ein Jahr der Entscheidung: Auf welcher Seite wollen Sie stehen? Wollen Sie digitaler Gewinner oder digital Abgehängter sein? Wollen Sie im Bestehenden verharren und damit irgendwann zur "analogen Altlast" der Wirtschaft gehören? Oder wollen Sie mutig voranschreiten und die digitale Wirtschaft mitgestalten?

Für Gewinner gilt: Keine Panik. Und kein Papier

Für Gewinner gilt: Keine Panik. Und kein Papier

Falls Sie zu digitalen Gewinnern gehören wollen, habe ich vier Ratschläge für Sie:

1. Keine Panik. Angst ist in Zeiten der Veränderung ein schlechter Ratgeber. Nutzen Sie die ersten drei Monate des Jahres 2018. Lesen Sie Artikel über die Digitalisierung oder Bücher und Studien. Probieren Sie - einfach aus Neugier - drei Cloud-Lösungen aus, mit denen Sie Ihre Arbeit effizienter machen.

2. Verbannen Sie Papier aus Ihrem Alltag. Nur weil Sie seit Jahren Ihre Aktenordner füllen, heißt das nicht, dass Sie dies auch in den nächsten Jahren noch tun sollten. Mein Leben hat sich vor einigen Jahren dramatisch verändert und vereinfacht, als ich begonnen habe, konsequent alle Versicherungsbelege und private Dokumentationen in die Cloud zu verlegen. Früher: "Wie waren noch mal die Bedingungen der privaten Haftpflichtversicherung?" "Wo sind wir eigentlich versichert?" oder: "Wie lautet die Versicherungsnummer der Krankenkasse?" Durchwühlen von Aktenordnern zu Hause, die richtigen Daten nicht zur Hand, Anruf beim Callcenter. Heute: Ein Klick, alle Daten sind da. Ein weiteres Beispiel: Besichtigung der Eigentumswohnung durch die Gutachterin kurz vor Ablauf der Garantie. Frage der Gutachterin: "Wissen Sie, wie das hier gebaut wurde?" Früher: Anruf beim Bauträger, verzweifeltes Aktenwälzen. Heute: Ein Klick und alle Fotos der Bauphase sind da.

3. Nachdem Sie Ihr privates Leben digitalisiert haben, genießen Sie drei Monate lang einfach die Vorteile. In unserer Rechnung wäre dies von April bis Juni. Geben Sie sich die Zeit, ein Digitalisierungsfan zu werden.

4. Überlegen Sie, wie sie Ihren Arbeitsplatz, Ihre Abteilung oder Ihr Unternehmen verändern können. Dazu nutzen Sie die ruhigen Sommermonate 2018. Wenn das Telefon nicht dauernd klingelt, wenn die Hälfte der Firma im Urlaub ist. Die Blocker für Ihre persönliche Denkzeit setzen Sie sich bereits heute, also gleich nach Lesen dieser Meinungsmache, in den Kalender. In den digitalen natürlich.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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