Dienstag, 20. August 2019

Das Dilemma der digitalen Transformation Es geht um die Freiheit, stupid!

Virtuelle Realität: Bringt uns die Digitalisierung einen Zugewinn an Freiheit?
imago/Westend61
Virtuelle Realität: Bringt uns die Digitalisierung einen Zugewinn an Freiheit?

Wer in diesen Zeiten etwas auf sich hält, der ist des "Digitalen" mächtig. Ihm gehen Begriffe wie "Augmented Reality", "Cloud Computing", "maschinelles Lernen" oder "Künstliche Intelligenz" flüssig über die Lippen, er hat das Silicon Valley nicht nur einmal bereist, ist selbstverständlich in den wichtigsten agilen Methoden zertifiziert und hat heimlich auch schon mal selber gecodet. Mit diesem Erfahrungsschatz gehen die außergewöhnlichen Transformatoren ans Werk, um ihre Organisation auf die digitale Zukunft vorzubereiten. Nicht selten werden dabei neben den immensen technologischen, methodischen und prozessualen auch gleich noch sämtliche kulturellen Herausforderungen bewältigt. Wow!

Matthias Meifert
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    HRpepper
    Matthias Meifert ist Unternehmensberater, Publizist und geschäftsführender Gesellschafter der HRpepper Management Consultants, ein auf Fragen des Peoplemanagements spezialisiertes Beratungsunternehmen. Er lehrt an diversen Universitäten und wird seit 2013 vom Personalmagazin als einer der "40 führenden Köpfe im Personalwesen" geführt. Von 2010 bis 2014 beriet er als Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung den Bundesminister der Verteidigung.

Dabei steckt hinter all diesem Wortgeklingel im Grunde immer dieselbe entscheidende Frage: die Frage nach der Freiheit. Gemeint sind die Freiheitsgrade der Mitarbeitenden, der Raum für den Einzelnen oder auch die Emanzipation des Individuums. Ob die Konzepte Augenhöhe, New Pay and Work, Design Thinking, Scrum, Lean Start-up oder wie auch immer heißen, ist unerheblich, denn nahezu alle Herangehensweisen setzen darauf, dass Menschen sich in Organisationen selbstbestimmt, mit Haut und Haaren einbringen dürfen, können und wollen. Kurz: Es geht um mehr Freiheit für Kreativität und Innovationskraft zum Wohle der Digitalen Transformation.

An der neuen Freiheit des Einzelnen sollen ganze Organisationen genesen, mit ihr Innovationen wie Pilze aus dem Boden sprießen, neue Geschäftsmodelle entstehen und Antworten für digitale Herausforderungen gefunden werden. So weit, so gut, so einleuchtend. Aber was wäre, wenn genau diese Digitalisierungsbemühungen zu mehr Unfreiheit in unserer Gesellschaft führen würden? Wenn das Mehr an Freiheit in Organisationen im Ergebnis mehr Unfreiheit produzieren würde? Ein Paradoxon, das scheinbar so nicht existieren kann - oder besser darf. Doch genauso ist es.

Organisationale Freiheit führt zu Unfreiheit

Dass mehr Freiheit in Organisationen zu mehr Unfreiheit für den Einzelnen führt, bedarf der Erläuterung, insbesondere wenn diese Aussage von einem Unternehmensberater vorgetragen wird, der auch von der Digitalisierungssehnsucht seiner Klienten profitiert. In Anlehnung an den praktischen und theoretischen Theologen Werner Thiede sind zumindest die Gefahren einer entgrenzten Digitalisierung nicht von der Hand zu weisen. In seinem ebenso geistreichen wie anschaulichen Buch "Die digitalisierte Freiheit - Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion" zeigt er diverse Freiheitsfallen der Digitalisierung auf. Ich habe mich einiger dieser Fallen bedient und sie in die Managementwelt übertragen. Besonders augenfällig lässt sich die These von der zunehmenden Unfreiheit anhand von vier konkreten Digitalisierungsfallen begründen:

1. Die persönliche Freiheitsfalle

Dass wir alle die Welt durch unsere individuelle Brille betrachten, wird spätestens bei der Lektüre der unterhaltsamen Schriften von Paul Watzlawick klar, seitdem nennen wir dieses Phänomen "Konstruktivismus". Jeder konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit auf Basis seiner Vorerfahrungen. In der modernen Welt ersetzten in vielen Situationen Algorithmen und unser Suchverhalten im Netz diese Brille und diese Vorerfahrungen. Wir alle kennen das Phänomen: Uns wird in der digitalisierten Welt nur noch das angeboten, was vermeintlich zu uns passt. So werden nicht nur Informationsströme gelenkt, sondern auch häufig Preise für Leistung geschickt manipuliert. Diese digitale selektive Wahrnehmung fällt auf fruchtbaren Boden, denn wir Menschen haben eine Neigung dazu, Dinge, die unsere existierende Weltsicht bestätigen, besonders zu mögen. Es braucht schon eine große Portion an Sensibilität und Disziplin, diesen selbstbestätigenden Algorithmen nicht auf den Leim zu gehen. Und so verlieren wir schleichend unsere eigene Meinungs- und Informationsfreiheit.

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