Mittwoch, 22. Mai 2019

Countdown 2020 So machen Sie Ihr Unternehmen fit fürs neue Jahrzehnt

Digitaler Wandel: Das nächste Jahrzehnt wird noch radikaler
Ryan Etter / Getty Images
Digitaler Wandel: Das nächste Jahrzehnt wird noch radikaler

Denken Sie kurz zurück an 2010. Wie war das damals? Das Smartphone war gerade auf dem Weg zum Massenprodukt, der Mobilfunkstandard 4G nur in den Testlaboren verfügbar - und der Mediamarkt hatte nicht einmal einen eigenen Onlineshop.

Damals riefen Zukunftsforscher: "Achtung! Sie müssen sich der Digitalisierung stellen!" Und die Unternehmen taten, was sie immer tun: Sie gründeten Abteilungen. Der Chief Digital Officer wurde geboren. In der Regel war es derselbe Verantwortliche, der sich zuvor mit dem Thema Innovation und Innovationsmanagement auseinandergesetzt hatte.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Die Digitalisierungsstrategien der ersten Stunde hatten einen großen Vorteil: Man konnte praktisch vor alles, was man im Unternehmen tat, das Wort digital schreiben und schon wirkte es zukunftsweisend. Aus dem Innovation Lab wurde das Digital Innovation Lab, bestehende analoge Prozesse wurden digitalisiert. Was Lufthansa-Vorstand Thorsten Dirks, bis Dezember 2016 CEO von Telefónica Deutschland zu der Bemerkung veranlasste: "Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheißdigitalen Prozess."

Die Prognosen wurden wahr

Bilanz am Ende des Jahrzehnts: Mediamarkt und mit ihm der Einzelhandel stehen vor großen Problemen, die Automobilindustrie hat gerade erst begonnen, Dinosauriertechnologien wie den Diesel zu überwinden und die ersten Fintechs sind inzwischen mehr wert als traditionelle Banken .

Ach, du Schreck! Was 2010 prognostiziert wurde, ist tatsächlich eingetreten... Viele Unternehmen haben den Wandel dennoch verschlafen - obwohl sie eigene Abteilungen für Digitalisierung aufgebaut und Heerscharen von Beratern durch die Organisation geschleust haben.

Das nächste Jahrzehnt wird noch radikaler

2019 stehen die Unternehmen bei der Digitalisierung vor dem gleichen Problem wie 2010: Sie müssen zu einer Zeit handeln, in der das Bestehende noch sehr gut läuft. Und das fällt schwer. Denn so lange es gut läuft, versuchen alle Beteiligten, das Bestehende möglichst zu bewahren. Wozu das Unternehmenskonzept ernsthaft auf den Prüfstand zu stellen, wenn die Auswirkungen sowieso erst fünf bis zehn Jahre später spürbar werden? Das Topmanagement ist in der Regel darauf ausgerichtet, auf akute Krisen zu reagieren. Doch wenn sie da sind, ist es meistens schon zu spät.

Im neuen Jahrzehnt werden sich das Tempo der Digitalisierung und das Ausmaß der Veränderungen noch einmal beschleunigen. Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen sich selbst radikal verändern. Digitalisierungskosmetik bringt nichts mehr, nur noch echter Wandel.

Blickt man von heute in die Zukunft, lassen sich 1000 Gründe finden, warum jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist: Der Markt in China bricht gerade ein, die Verhandlungen mit den Gewerkschaften stehen dieses an, in der Geschäftsführung gibt es Veränderungen, die Effizienz bestehender Prozesse muss verbessert werden und so weiter. Rückblickend auf das Jahr 2010, fragt man sich allerdings: "Warum haben wir eigentlich nicht alles getan, obwohl das Ausmaß der Veränderungen doch bereits absehbar war?" In der Vorwärtsbetrachtung gibt es jeden Tag gute Gründe, nicht zu handeln. Rückwärts gesehen sind es schwere Versäumnisse.

2019 ist das wichtigste Jahr für Ihre Innovationsstrategie

Natürlich können Sie sagen: "Zum Jahreswechsel 2020 wird das Übliche passieren. Es wird laut knallen, das neue Jahr ist da und dann geht es weiter wie vorher." Doch das würde bedeuten, wichtige Chancen zu verpassen. Wir Menschen, egal ob Mitarbeiter/-innen, Politiker/-innen, Manager/-innen oder Aufsichtsräte, denken in Kategorien. Jahrzehnte sind überschaubare Kategorien.

2019 dafür zu nutzen, das eigene Unternehmen radikal zu verändern, ist psychologisch geschickt. Niemand wird widersprechen, wenn Sie sagen: "Im neuen Jahrzehnt wird sich alles verändern. Wir müssen unser Unternehmen dafür fit machen." Der gleiche Satz ein Jahr später wird die folgende Reaktion auslösen: "Warum haben Sie es nicht schon längst getan?" Was also müssen Sie tun?

1. Etablieren Sie parallele Strukturen Das zu Ende gehende Jahrzehnt hat putzige Bilder hervorgebracht: Automobilvorstände ohne Schlips in der Berliner Start-up-Szene. Wow, wie cool! Der Axel-Springer-Vorstand tourt durchs Silicon Valley. Zum Nachmachen empfohlen, aber nicht die alleinige Lösung für die Herausforderungen des neuen Jahrzehnts.

Die Unternehmen stehen heute vor der Aufgabe, dem operativen Geschäft und den Anforderungen von Innovation gleichzeitig gerecht zu werden. Sie brauchen dazu zwei Strukturen: Die klassisch-hierarchische, wie wir sie alle kennen: eine Geschäftsführung beziehungsweise ein Vorstand, Abteilungen und Fachbereiche, Mitarbeiter und Teams. Schön strukturiert in einem Diagramm.

Diese Struktur ist perfekt geeignet, das operative Geschäft zu managen. Für Innovation ist sie denkbar untauglich: zu langsam, zu ineffizient. Unternehmen brauchen zusätzlich eine Netzwerkstruktur oder - wie Daimler-Chef Dieter Zetsche es ausdrückte - eine Schwarmorganisation.

Für unterschiedliche Innovationsthemen finden sich Mitarbeiter unterschiedlicher Fachbereiche, häufig ergänzt um externe Experten, Kunden und sogar Mitarbeiter anderer Unternehmen und von Mitbewerbern zusammen. Diese parallele Struktur steht im Widerspruch zur ersten:

- Hierarchien werden zum Teil umgedreht ("Gestern waren Sie mein Chef, heute bin ich Ihrer.")

- in einzelnen Unternehmensteilen existiert eine andere Innovationskultur ("Montag bis Mittwoch werden Fehler bestraft, Donnerstag und Freitag belohnt.")

- es gibt unterschiedliche Strukturen ("Folgen Sie dem Prozess nicht, entwickeln Sie einen neuen.").

Diese internen Innovationsnetzwerke arbeiten autonom und zielorientiert an neuen Konzepten, Services und Geschäftsmodellen.

2. Begeistern Sie Mitarbeiter für Innovation und Digitalisierung Es war eine dieser haarsträubenden Momente, die in Unternehmen eine regelrechte Digitalisierungsphobie auslösen: Der Vorstandschef der Commerzbank, Martin Zielke, tritt vor die Öffentlichkeit und sagt sinngemäß: Hoppla, wir haben gerade entdeckt, dass die Digitalisierung Veränderungen erforderlich macht. Und deshalb bauen wir bis 2020 mal eben 9600 Vollzeitstellen ab. Wow, was für eine Motivationsrede!

Das Wort "Digitalisierung" war anschließend in den Köpfen der Mitarbeiter gleichbedeutend mit "Arbeitsplatzabbau". Wen wundert es da, wenn Betriebsräte auf die Barrikaden gehen und Digitalisierungsphobie statt Digitalisierungseuphorie herrscht?

Wie es besser geht, zeigt das Beispiel Gerolsteiner. Das Unternehmen rief im vergangenen Jahr mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Vertrieb dazu auf, die bestehenden internen Prozesse zu kritisieren und neue digitale Prozesse vorzuschlagen. Innerhalb weniger Wochen gingen mehr als 200 Ideen ein. Dieses Signal ist ein ganz anderes: "Wir wollen Digitalisierung gemeinsam mit euch gestalten. Das ist nichts Bedrohliches, sondern eine Chance für uns alle."

Was die Commerzbank getan hat, war Hardcore-Management der Neunziger Jahre ("Ich bin der knallharte Kostensenker, ein ganzer Kerl.") auf die Anforderungen der Digitalisierung zu übertragen. Klar, kann man so machen, ist aber das Gegenteil dessen, was erfolgreiche Start-ups ausmacht. Sie setzen auf Kollaboration, auf eigenständig denkende und handelnde Mitarbeiter, auf Kreativität und Innovationsgeist. Sie haben Visionen. Dafür lassen sich Mitarbeiter begeistern, für Personalabbau nicht.

3. Bauen Sie eine Innovationspipeline auf, die wehtut "Oh, wir sind sehr innovativ. Wir haben zwei neue Werbespots gemeinsam mit der Agentur erarbeitet, fünf Verbesserungsprojekte für interne Abläufe, zehn Prozent mehr Ideen im internen Ideenmanagement und erarbeiten gerade mit Studenten der Universität XY Konzepte für die Digitalisierung." Das klingt gut, ist aber in Wahrheit Stillstand. Tagesgeschäft. Das, was man ohnehin macht. Diese Innovationsagenda tut nicht weh. Richtig weh hingegen tut das:

- Innerhalb von sechs Monaten werden siebzig Prozent aller bestehenden Prozesses und Abläufe radikal auf den Kopf gestellt und erneuert. Papier verschwindet ganz.

- Bis Ende 2021 werden achtzig Prozent aller Kundenanfragen digital beantwortet, heute sind es zwanzig Prozent.

- Wir machen unsere neue Maschinengeneration konsequent fit für das Internet der Dinge - ohne dass wir die konkreten Anwendungsfälle bereits kennen. Diese werden Sie später gemeinsam mit den Kunden erarbeitet. Businesspläne? Gibt es aktuell noch nicht.

- Sehen Sie da hinten die kleine Halle? Dort greifen Sie gerade Ihr bestehendes Geschäftsmodell an. Radikal und kompromisslos. Für das, was in dieser Halle passiert, investieren Sie Ihren gesamten Jahresgewinn.

Das tut weh. Richtig weh. Mitarbeitern, Führungskräften, der Geschäftsführung, dem Aufsichtsrat, Gesellschaftern und Aktionären. Wenn Traditionsunternehmen vom Markt verschwinden, ist das oft die Folge jahrelanger Schmerzvermeidung. Innovation ist wie Altersvorsorge und Sport bei Bewegungsmuffeln: Es ist unangenehm. Aber die Folgen des Nichtstuns sind heftiger.

Nutzen Sie die Chancen, die 2019 bietet!

Egal, ob Sie sich selbst unter Druck setzen wollen, um eine Weiterbildung zu starten, ob Sie Manager oder Aufsichtsrat sind: 2019 ist das Jahr, in dem Sie alle Chancen nutzen können. Und sollten. Dass das Jahr 2020 näher kommt, ist ein psychologisch wichtiges Signal. Diese Chance kommt erst 2024 wieder. Ähnliche psychologische Signale gibt es nur dann, wenn die Umsätze plötzlich radikal zurückgehen und das eigene Geschäftsmodell unter Druck gerät. Doch dann ist es meistens zu spät.

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