Trend im Silicon Valley Digital Detox - Entziehungskur vom Smartphone

Keine Mail, kein Smartphone, kein Twitter - immer mehr Berufstätige wollen der digitalen Reizüberflutung entkommen. Im Silicon Valley liegen "Digital-Detox"-Feriencamps für Erwachsene im Trend. Das Geschäftsmodell wächst.
Analoges Erwachungserlebnis für Erwachsene: Teilnehmer des digitalen Entziehungs-Ferienlagers Camp Grounded

Analoges Erwachungserlebnis für Erwachsene: Teilnehmer des digitalen Entziehungs-Ferienlagers Camp Grounded

Foto: Fertl / Vimeo

San Franciso/Hamburg - Auf was sich die Ferienlagerbesucher eingelassen haben, wird ihnen spätestens am Eingang wirklich klar. Wer beim "Camp Grounded" im Pfadfinderlager Camp Navarro zweieinhalb Stunden von San Franciso eincheckt, muss gleich zu Beginn das abgeben, was für viele im Silicon Valley zum scheinbar unverzichtbaren Bestandteil des Lebens geworden ist.

Smartphones, Digitalkameras, auch Tablets und iPad werden von Camp-Mitarbeitern eingesammelt, ordentlich beschriftet, versiegelt und in einem "Dekontaminationsraum" aufbewahrt. Die Geräte sind während des Aufenthalts im Camp tabu. Ebenso wie Gespräche über Arbeit, Alkohol, Drogen, Vornamen oder Altersangaben - schließlich sollen die Besucher im Ferienlager nicht nur digital entgiften. Und wer einmal das Camp verlässt, der kommt nicht wieder rein.

570 Dollar kostet der viertägige Aufenthalt, während dessen die Teilnehmer ihr analoges Ich wiederentdecken sollen. Geschlafen wird in Zelten - Männer und Frauen getrennt. Jeder Teilnehmer - viele davon Angestellte bei Firmen wie Google  , Facebook  oder Microsoft  - bekommt einen Phantasienamen.

Die Angebote zum Zeitvertreib reichen von Yoga über Tanzen, Backen, Bogenschießen bis hin zu Gruppenspielen mit Verkleidung und Schminken. Wer will, kann auch nackt baden gehen, am Lagerfeuer oder in einem rund um die Uhr offenen Tee-Zelt sitzen oder unbekleidet in organisierten Gruppen über seine körperlichen Makel und deren Folgen reflektieren.

Das Camp, 2013 gestartet, hat mittlerweile Hunderte Besucher. Wegen der großen Nachfrage wurde es dieses Jahr auf drei Termine aufgeteilt. Unter den Teilnehmern seien nicht mehr nur Angestellte der großen Technologiekonzerne, wie Camp-Betreiber Levi Felix betont. Auch Studenten und Pensionäre seien mittlerweile mit von der Partie. "Heutzutage ist jeder ein Techie", sagt er.

Analoge Ersatzdrogen

Für den Fall, dass die Sehnsucht nach Inbox und Laptop zu groß wird, haben die Camp-Macher analoge Parallelinstitutionen ersonnen: Ein Postfach, in dem Camp-Teilnehmer Briefe und Notizen füreinander hinterlassen können. Schreibmaschinen, um Gedanken festzuhalten oder Briefe zu verfassen. Und eine analoge Suchmaschine - ein Bord, an das Teilnehmer Fragen pinnen können, die dann nach Möglichkeit von Mitarbeitern oder der Gemeinschaft beantwortet werden. Als Yelp-Ersatz dient eine Pinnwand mit Kommentaren zum Essen.

Bei den Teilnehmern scheint das Detox-Camp Spuren zu hinterlassen. Das Camp sei eine "kraftvolle Erfahrung" gewesen, sagte eine Facebook-Designerin, die am Detox-Camp teilgenommen hat, der Nachrichtenagentur Reuters . "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt vier Tage lang nicht nach Nachrichten geschaut habe."

Das Geschäftsmodell wächst

Wer dem digitalen Dauerfeuer entkommen will, muss nicht notwendigerweise unter die Hippies gehen und im Zelt schlafen. Wegen des großen Erfolgs planen die Camp-Grounded-Macher laut "Forbes"  ab Herbst eine Ausweitung des Angebots. In Parks von San Francisco sollen dann eintägige Entziehungs-Camps stattfinden - Yoga und Spiele inklusive.

Auch für Unternehmen kommen immer mehr Angebote auf den Markt - mit jeder Menge Komfort. Nur das Smartphone muss draußen bleiben.

Und für den Hausgebrauch hat das "Wall Street Journal"  auch schon eine Do-it-yourself-Methode erprobt. Apps, mit denen man den Smartphone- oder PC-Zugang von Kindern limitiert. Die funktionieren auch für Erwachsene - wie scheinbar eben auch Ferienlager.

mit reuters
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