Dienstag, 16. Juli 2019

Digital Leapfrogging Warum wir endlich mal springen müssen

Elmer Martinez/ AFP

"Sei kein Frosch!", lautet eine bekannte Redensart. Was so viel heißt wie "Sei kein Spielverderber!" Mit Blick auf die Digitalisierung und die großen Internetkonzerne aus den USA ließe sich das Sprichwort abwandeln: "Sei ein digitaler Frosch!" Und das gilt insbesondere für digitale Start-ups und ihre elektronischen Geschäftsmodelle. Der Grund liegt auf der Hand: Wir werden Amazon, Google & Co. nicht einholen können. Wir werden sie überspringen müssen. Ja, das geht - mit Hilfe eines Digital Leapfrogging.

Tobias Kollmann
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    Tobias Kollmann ist Professor für BWL und Wirtschafts-Informatik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Schwerpunkte sind E-Business und E-Entrepreneurship.

Es mag ein wenig weit hergeholt sein, Start-ups mit Fröschen zu vergleichen. Trotzdem passt der Vergleich in diesem Fall - und das gleich im doppelten Sinne. Denn zum einen muss ein Gründer im Rahmen des E-Entrepreneurship mit seiner Idee hoch, weit und hoffentlich auch nachhaltig springen. Zum anderen muss er mit einem disruptiven Geschäftsmodell entgegen dem angeführten Sprichwort bewusst zum Spielverderber werden und versuchen, den angestammten Playern ihren Markt im Sinne von Schumpeters "kreativer Zerstörung" wegzunehmen.

Jeder Gründer verdient Resepekt

Dass dies kein einfaches Unterfangen ist und man als Gründer schon enorm springen muss, um sich dem Risiko einer Unternehmensgründung auszusetzen, liegt auf der Hand. Deswegen gilt: Jeder Gründer, der das Risiko auf sich nimmt und versucht, ein Unternehmen aufzubauen, verdient unseren Respekt! Das gilt im Übrigen nicht nur für E-Entrepreneure, sondern auch für E-Intrapreneure, die neue digitale Innovationen über eine Ausgründung aus bestehenden Unternehmen in Angriff nehmen.

Dass es auch bei Gründerfröschen durchaus unterschiedliche Charaktere und Einstellungen gibt, führt uns zu einer bekannten Fabel von Äsop. In dieser Geschichte springen zwei Frösche in einen Eimer mit Milch. Es stellt sich aber schnell heraus, dass dies keine so gute Idee war, denn sie kommen nun nicht mehr hinaus, weil die Wände des Eimers zu hoch und zu glatt sind. Dies entspricht in etwa der unbekannten Gründungssituation, in die man sich mit seinem Start-up begibt.

Interessant ist nun, wie die Frösche auf diese risikoreiche Situation reagieren. Der erste ist sich sicher, der Gefahr nicht mehr entrinnen zu können, hört auf zu schwimmen und ertrinkt. Der zweite Frosch hingegen will sich seinem Schicksal nicht ergeben und strampelt die ganze Nacht, bis er die Milch zu Butter geschlagen hat - und von dieser festen Basis aus wieder aus dem Eimer springen kann. Fazit: Wer nicht aufgibt, auch wenn alles hoffnungslos zu sein scheint, wird am Ende belohnt. Entsprechend kann man Gründern und ihren Start-ups nur wünschen, dass sie ein digitaler Frosch der zweiten Kategorie sind.

Wer hinterherspringt, kann nicht überholen

Die Analogie zu den Fröschen kann auf einer weiteren individuellen und damit geschäftsorientierten Ebene fortgeführt werden. Verbunden ist das mit der Frage, wie hoch, wie weit oder allgemein wohin ein Start-up mit seiner Idee eigentlich springen muss. Wer anderen nur hinterherspringt, kann diese nicht überholen. Dabei ist es doch gerade das Ziel, mit seiner Idee und ihrer Umsetzung die Pole-Position im Markt zu erreichen. Das gilt insbesondere in einem digitalen Wettbewerb, wo aufgrund von Skalierungs- und Kritische-Masse-Effekten nur einer, bestenfalls einige wenige Kontrahenten am Ende als Plattform überleben. Amazon, Google, Facebook & Co. zeigen ja gerade, wie schwer es ist, noch an ihnen vorbeizukommen. Und hier kommt das sogenannte Leapfrogging-Konzept aus der klassischen Betriebswirtschaftslehre in Spiel - als wirtschaftliches Froschhüpfen.

Das Konzept beschreibt im Allgemeinen das (freiwillige) Auslassen einzelner Entwicklungsstufen oder das bewusste Überspringen einer (digitalen) Technologie, um sich ganz auf die danach folgende Stufe zu konzentrieren. Mit einer Start-up-Idee kann man sich auf die nächsten Themenfelder im Zuge eines Web 4.0 (Industrial Content) stürzen oder aber schon ins Web 5.0 (Artificial Content) springen beziehungsweise sich sogar Gedanken über das Web 6.0 machen. Und damit wechselt die Perspektive zu einer aggregierten und gesamtwirtschaftlichen Ebene.

Vergesst die E-Shops

Da wir in Deutschland keine digitalen Weltmarktführer haben, ist es umso notwendiger, dass wir mehr Start-ups mit dem Mut zum Digital Leapfrogging hervorbringen, um im Erfolgsfall in Zukunft vielleicht für die übernächste digitale Entwicklungsstufe einen Schritt schneller zu sein und die dann führenden Plattformen im Netz zu gestalten. Das gilt nicht nur für Start-ups, sondern auch für unsere klassische Industrie und unseren Mittelstand. Auch diese Unternehmen müssen aus ihrer Komfortzone springen und die erreichte Routine ablegen, um aus der Erfahrungsfalle des klassischen Kerngeschäftes herauszukommen und neue digitale Wege zu gehen.

Deswegen gilt für E-Entrepreneure und E-Intrapreneure gleichermaßen: Vergesst die klassischen E-Shops, den x-ten Online-Lieferdienst oder digitale Automatisierungsprozesse - springt lieber gleich zu Blockchain-Plattformen, 3D-Druck, KI-Technologien, Prescriptive-Analysis, Open-Banking und meinetwegen auch Flugtaxis. In der digitalen Welt kann man nicht hinterherlaufen, man kann nur vorweggehen bzw. vorweghüpfen! Von daher wünsche ich mir mehr digitale Frösche der zweiten Kategorie mit dem Ehrgeiz zum digitalen Froschhüpfen in die nächste digitale Technologiewelt. Wie immer die auch aussehen mag.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) im Bundeswirtschaftsministerium. Kollmann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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