Donnerstag, 27. Juni 2019

Porträt der neuen Finanzchefin von Google Die mindestens zweitmächtigste Frau im Silicon Valley

Die 57-jährige Ruth Porat soll nach einer 28-jährigen Karriere bei Morgan Stanley ab Ende Mai die Finanzgeschicke Googles managen
Bloomberg via Getty Images
Die 57-jährige Ruth Porat soll nach einer 28-jährigen Karriere bei Morgan Stanley ab Ende Mai die Finanzgeschicke Googles managen

Hamburg - Es dauerte nicht lange bis Google nach dem angekündigten Rücktritt von Finanzchef Patrick Pichette einen Nachfolger fand. Genau genommen benötigte der IT-Konzern gerade einmal zwei Wochen für die offizielle Suche. Fündig ist Google an der Ostküste der USA geworden. Dort warb das Unternehmen der Bank Morgan Stanley Finanzchefin Ruth Porat ab, die mächtigste Frau der Wall Street, wie sie in der Vergangenheit oft bezeichnet wurde.

Porat wird in ein Unternehmen wechseln, das ihre Expertise durchaus gebrauchen kann. Obwohl sich das Wachstum des Konzerns verlangsamt, blieben die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin bislang wie eh und je in Ausgaben- und Experimentierlaune. Die Investoren werden allmählich ungeduldig und zunehmend dürften sie fragen, was Google eigentlich mit den Kapitalreserven in Höhe von 65 Milliarden Dollar im Schilde führt. Wenn das Geld in Massen vorhanden ist, werden bekanntlich die Begehrlichkeiten der Anleger dringlicher. Darüber hinaus droht dem Unternehmen in Europa eine Milliardenstrafe, sollte die EU-Kommission im Kartellverfahren gegen Google entscheiden.

Für Porat ist der Wechsel zu Google eigenem Bekunden zufolge aber erst einmal eine Rückkehr in ihre Heimat. Sie wuchs in Kalifornien auf und studierte in Stanford. Bis heute sitzt sie in der Aufsichtsbehörde der Universität. In ihren frühen Jahren bei Morgan Stanley begleitete sie Dutzende Tech-Firmen an die Börse, darunter die Onlinehändler Amazon und Ebay.

Managerin für Krisenherde

Gleich in ihrem ersten Statement für Google adaptierte sie den unerschütterlichen Optimismus des Silicon Valleys. Sie habe erlebt, wie Tech-Unternehmen Menschen im täglichen Leben unterstützen würden. "Ich kann es kaum erwarten meine Ärmel hochzukrempeln und loszulegen", hieß es in einer Mitteilung Googles.

Es sei für sie an der Zeit für Veränderungen, schrieb sie in einem Memo an die Morgan-Stanley-Mitarbeiter. Immerhin arbeitete die Managerin 28 Jahre für die Bank. Nun gehe sie einen Schritt zurück in die Zukunft, an einen kreativen, energiegeladenen und an einen spaßigen Ort, hieß es im Memo.

Porat ist nicht die erste Top-Managerin der Wall Street, die es ins Silicon Valley zieht. Der Kurznachrichtendienst Twitter hatte etwa Goldman Sachs Banker Anthony J. Noto zum Finanzvorstand berufen.

Die 57-Jährige Porat beschäftigte sich in den vergangenen Jahren vor allem mit den Krisenherden der Finanzbranche - das eigene Unternehmen eingeschlossen. Bevor Morgan Stanley sie zur Finanzchefin berief, erhielt sie gemeinsam mit ihrem Banker-Kollegen Robert Scully einen der herausforderndsten Aufträge der Finanzkrise. Sie beriet das US-Finanzministerium bei der Übernahme der angeschlagenen Hypotheken-Banken Fannie Mae und Freddie Mac. Im gleichen Jahr hatte sich Porat als Beraterin der US-Behörden bei der Rettung des berüchtigten Versicherungskonzerns AIG einen Namen gemacht.

2010 sollte Porat an der Seite von Vorstandschef James Gorman schließlich Morgan Stanley selbst wieder zurück zum Erfolg führen, was Beobachter der Finanzbranche durchaus als gelungen werten.

Blackstone-Chef James war skeptisch, ob Finanzchefin der richtige Job sei

Porats Personalie überraschte damals einige ihrer Wegbegleiter. Sie sei vom Kundengeschäft in einen internen, sehr technischen Bereich gewechselt, stellte Blackstone-Chef Tony James damals erstaunt fest. Und darüber hinaus würde sie jetzt nicht mehr ein, zwei Menschen managen, sondern Tausende. "Es war eine große Veränderung. Ich mag Ruth und ich wollte, dass sie das schafft, aber ich habe mich schon gefragt, ob das klappt, aber bislang sieht es so aus", sagte er 2010 der "New York Times". Porat war damals gerade ein knappes Jahr Finanzchefin bei Morgan Stanley.

Sie hatte 2006 für die Bank den Börsengang Blackstones betreut. Porat sei für James bei Fragen immer erreichbar gewesen. "Sie hat dir nie das Gefühl gegeben, dass du sie gerade in ihrem Privatleben störst; Ich weiß gar nicht ob sie eines hat", bemerkte der Blackstone-Chef.

Sie habe Dinge für ihn und sein Unternehmen schnell und unkompliziert möglich gemacht, die er sich nicht zu fragen getraut hätte. So habe sie schnell einen Vortrag von Gorman organisiert, in dem er vor Vorständen von Blackstone referiert habe, was auf die Private Equity Gesellschaft zukomme, sobald sie börsennotiert sei. Gorman war damals noch Strategiechef von Morgan Stanley.

Porat versteht sich als Mentorin für Frauen in Führungspositionen

Anders als von James vermutet, hat Porat durchaus ein Privatleben. Die mit einem Anwalt verheiratete Managerin ist Mutter dreier Söhne, die mittlerweile im Teenager-Alter sind. Im vergangenen Jahr erzählte sie der US-Online-Publikation Politico, sie habe auf ihrem Schreibtisch drei Nachrichten ihrer Kinder.

Während der Rettung von AIG 2008 habe sie es manchmal nur zum Duschen nach Hause geschafft. Als sie eines Abends nach Hause gekommen sei, hätten ihre Söhne ihr in drei persönlichen Nachrichten geschrieben, wie stolz sie auf ihre Mutter und ihre Arbeit wären. Den genauen Wortlaut verriet sie nicht. Sie habe die Botschaften als Triumph gesehen, weil sie immer versucht hätte, Arbeit und Privatleben irgendwie zu vereinbaren.

Porat setzt sich genauso wie Facebook-Vize Sheryl Sandberg für Frauen in Spitzenpositionen ein und versteht sich als Mentorin - auch wenn männliche Kollegen das häufig bissig kommentiert hätten. Sie habe häufig entgegnet: "Wisst ihr was, ihr Kerle macht das im Prinzip jeden Tag untereinander, regt Euch also ab".

Während Noch-Google Finanzchef Pichette mit 52 Jahren nun angeblich seinen Ruhestand genießen will, nachdem er in den vergangenen Jahren unermüdlich gearbeitet habe, sucht Porat erneut im Beruf neue Herausforderungen.

Bei Google wird sie die Top-Managerin neben den Gründern Page und Brin sowie Chairman Eric Schmidt sein. Er sei stolz, eine derart kreative, erfahrene und operativ starke Managerin gewonnen zu haben, teilte Google-Chef Page mit. Er freue sich darauf, von Ruth zu lernen, hieß es sogar. Die Aktie Googles notierte nach Bekanntgabe der Personalie zwei Prozent im Plus.

Ob die Managerin es allerdings schafft, die von der Wall Street kritisch beäugte kostspielige Experimentierfreude des IT-Konzerns zu zügeln, das muss sich noch zeigen. Page und Brin haben über eine spezielle Aktienstruktur die Stimmmehrheit und sich damit gegen Einfluss von Investoren abgesichert.

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