DHL in Not Wie DHL aus dem Schlamassel kommen will - und Amazon in die Hände spielt

DHL: Die Pakettochter der Deutschen Post tritt auf die Bremse

DHL: Die Pakettochter der Deutschen Post tritt auf die Bremse

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Es waren gleich zwei Nachrichten, mit denen Deutsche Post-Chef Frank Appel in dieser Woche aufhorchen ließ. Am Montag kündigte das Unternehmen einen Umbau im Paketgeschäft  an. Am Dienstag folgte dann die Ankündigung, ab 2019 die Preise für Geschäftskunden anzuheben. Und auch für Sperrgut künftig deutlich mehr zu kassieren als früher. Nicht nur, dass das Sorgenkind Deutscher Paketmarkt nun vom wachstumsstarken internationalen Geschäft abgekoppelt wird. Appel tritt auf die Bremse - und das mit Macht. Allerdings könnte er sich damit neue Probleme schaffen.

Die nun in "Post und Paket Deutschland" umbenannte Sparte kränkelt - und das massiv. So hatten die Bonner unter dem mittlerweile entlassenen Spartenchef Jürgen Gerdes zwar lange vom boomenden Onlinehandel profitiert und ihr Geschäft immer weiter ausgebaut. Im Kampf um Marktanteile blieb dabei jedoch die Profitabilität auf der Strecke.

Um gegenüber der Konkurrenz die Nase vorn zu behalten und Marge durch Masse zu ersetzen, ließen sich - nicht nur DHL, sondern auch andere Logistiker - bei einigen Großkunden auf Preise ein, die ihre Kosten nicht mehr deckten. Gleichzeitig mussten sie kräftig investieren: in teurere Fahrer, aufwendige Tracking-Technik oder Elektrofahrzeuge für die Innenstadt.

Besonders auf der so genannten letzten Meile, dem Weg bis zur Haustür des Kunden, kletterten die Kosten enorm: In Großstädten kommen Paketzulieferer leicht auf einen Stundenlohn von 15 Euro. Doch die Arbeit ist so mühselig und die Empfänger sind so selten daheim anzutreffen, dass zu wenig Leute den Job machen wollen - und die Fluktuation beim Personal riesig ist.

Wie DHL aus der Billigpreisspirale heraus will

Zwei Fünftel der gesamten Logistikkosten entfallen mittlerweile auf diese sogenannte "Letzte Meile", hat das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan errechnet. Und die Kosten dürften weiter steigen.

Die Rechnung für das ungestüme Wachstum bei DHL kam Anfang Juni - mit einer Gewinnwarnung. Im zweiten Quartal sackte der operative Gewinn von PeP (Post-eCommerce-Parcel) um 58 Prozent auf 108 Millionen Euro ab. Die Deutsche Post kappte ihre Gewinnprognose für das laufende Jahr um fast ein Viertel auf rund 3,2 Milliarden Euro. Gerdes musste seinen Hut nehmen.

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Mit der Preiserhöhung versucht Appel nun, Geschwindigkeit aus dem Geschäft zu nehmen, in dem sich die Kundenbeschwerden zuletzt häuften. "Wir werden Tempo herausnehmen, um nur noch mit dem Markt zu wachsen", verkündete Appel im Juni in einem Interview. Außerdem werde man die Verträge überprüfen, und "einfordern, was vertraglich vereinbart ist. Das ist zu wenig passiert. Das ging nach der Devise, Wachstum ist super, der Rest wird sich finden."

Dass es damit nicht getan sein wird, zeigt die aktuelle Entscheidung. Wie hoch die jeweiligen Preiserhöhungen bei den jeweiligen Kunden ausfallen wird, dazu äußerte sich DHL nicht.

Allerdings dürfte sie - wenn die Preiserhöhung etwas bringen soll - beträchtlich sein. Man bräuchte "mindestens 50 Cent mehr pro Paket", hatte es der mittlerweile ebenfalls ausgeschiedene Chef des DHL-Konkurrenten Hermes bereits im vergangenen Jahr auf den Punkt gebracht.

Steigende Abhängigkeit von wenigen Kunden

Doch ob DHL eine Preiserhöhung in dieser Größenordnung bei seinen Kunden tatsächlich durchsetzen kann - und auch will, ist offen. Denn für den Konzern ist der aktuelle Schritt eine Gratwanderung: Zum einen braucht er dringend bessere Erlöse, um seine Infrastruktur und seine Dienstleitungen dem ständig steigenden Sendungsvolumen und den steigenden Anforderungen der Kunden anpassen zu können. Auf der anderen Seite darf er seine Kunden nicht vergrätzen.

Mit einem Marktvolumen von geschätzt rund 45 Prozent  und angesichts der Probleme beim Konkurrenten Hermes ist DHL hier nicht unbedingt in einer schlechten Ausgangsposition. Doch die hat auch Amazon mit seiner Marktmacht.

Der Onlinehändler ist Schätzungen zufolge mittlerweile für fast ein Fünfte des deutschen DHL-Paketvolumens verantwortlich. Und auch andere Onlineversender wie Zalando verschicken mittlerweile so viele Pakete, dass sie bei den Logistikern lange extrem günstige Preise durchsetzen konnten, die für die Paketversender gar nicht mehr kostendeckend waren. Nur noch 1,80 bis drei Euro zahlten einzelne systemrelevante Unternehmen für den Versand eines Paketes, berichtete ein Brancheninsider.

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Doch die Bereitschaft bei Branchenriesen wie Amazon oder Zalando deutlich mehr zu zahlen, dürfte beschränkt sein. Zum einen, weil Zalando sowohl bei Umsatz als auch Gewinn seiner Erwartungen zuletzt deutlich nach unten geschraubt hatte.

Zum anderen, weil Amazon längst an Alternativen arbeitet - und diese angesichts steigender Preise bei DHL weiter ausbauen dürfte. Zwar sprach DHL-Chef Frank Appel in einem Interview von einer "gegenseitige Abhängigkeit" von Amazon und DHL, was sicher auch zutrifft.

Amazon ist allerdings aktuell dabei diese Abhängigkeit zu reduzieren - und baut derzeit kräftig sein eigenes Logistiksystem aus.

Wie Amazon aufrüstet

So betreibt Amazon neben seinen Fulfillment- und Logistikgesellschaften seit 2015 eine eigene Transportgesellschaft, über die das Unternehmen mittlerweile Kunden in den Räumen München, Berlin, Mannheim/Frankfurt, Köln, Bochum und Hamburg beliefert. Dabei arbeitet der Onlineversender mit lokalen und regionalen Lieferpartnern zusammen, die Bestellungen teilweise sogar noch am selben Tag ausliefern.

Innerhalb eines Jahres hat das Unternehmen zudem die Anzahl seiner so genannten Locker, günstig zu beliefernde Abholstationen, auf zuletzt 400 mehr als verdoppelt. Platzhirsch DHL brachte es laut letzten Zahlen immerhin auf 3200 Packstationen und 800 Paketkästen, in denen Paketboten, wenn der Kunde nicht anwesend ist, die Pakete ablegen können.

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Bislang sind es dem Unternehmen zufolge vor allem dringende Sendungen, die die Kapazitäten externer Logistiker überschreiten, die Amazon selbst ausliefern lässt.

Doch das Unternehmen lernt dazu, plant seine Routen selbst uns füttert die eigene Logistiksoftware mit Vorlieben, bevorzugten Ablageorten bestimmter Kunden und Öffnungszeiten von Geschäften. Informationen, die Amazon auch im Logistikbereich immer effizienter und auch wettbewerbsfähiger machen.

In den USA ist der Onlinehändler noch weiter, betreibt mit Prime Air eine eigene Flugzeugflotte und kündigte erst Anfang September den Kauf von 20.000 Mercedes-Sprintern für seine Logistikflotte an. Ein Kauf, der den Onlinehändler laut Daimler zum weltweit größten Sprinter-Kunden macht. 

In Händlerkreisen wird indes befürchtet, dass die deutlich teureren Lieferkonditionen das Überleben besonders für kleinere Onlinehändler noch schwerer machen dürften, während Amazon sich aufgrund seiner Größe wohl auch weiterhin deutlich bessere Konditionen sichern können dürfte.

Eine Entwicklung, die ebenfalls Amazon in die Karten spielen dürfte.

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