KI-Strategie Künstliche Intelligenz - was Deutschland besser machen muss

Deutschland will zum führenden Standort für Künstliche Intelligenz werden. Bislang ist die Bundesrepublik davon weit entfernt. KI-Experten kritisieren die jüngst ersonnene Strategie. Damit Deutschland zur Weltspitze aufschließen und von der riesigen Wertschöpfung profitieren kann, muss sich einiges ändern.
Mensch und Maschine: Künstliche Intelligenz stellt Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen

Mensch und Maschine: Künstliche Intelligenz stellt Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen

Foto: Andrey Armyagov/ddp images

Wenn es um das Hype-Thema Künstliche Intelligenz geht, lassen sie sich alle gerne blicken. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel über Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, Verkehrsminister Andreas Scheuer, Arbeitsminister Hubertus Heil und Forschungsministerin Anja Karliczek bis hin zu Justizministerin Katarina Barley - beim Digitalgipfel an Dienstag in Nürnberg herrschte an Berliner Politi-Prominez kein Mangel.

Es ist - zugegeben - ein eher spätes Erwachen. In den USA und China spielt Künstliche Intelligenz schon heute eine viel größere Rolle als in Deutschland. Nur die Hälfte aller deutschen Unternehmen wendet laut einer aktuellen BCG GAMMA Studie  überhaupt KI-Technologien an. Und das Gros davon ist noch beim Herantasten an die neuen technologischen Möglichkeiten. Doch seit kurzem hat nun auch Deutschlandeine KI-Strategie.  

Kaum waren die Pläne der Bundesregierung publik, setzte auch schon die lautstarke Kritik ein. Drei Milliarden Euro - die Summe, die die deutsche Bundesregierung bis einschließlich 2025 investieren will - und auf deren Verdoppelung sie durch Länder und andere Stakeholder hofft, sei viel zu gering, kritisierten viele. Halbherzig sei der Ansatz.

Um tatsächlich zu China aufzuschließen, das schon jetzt in der Künstlichen Intelligenz einen deutlichen Vorsprung hat und in den nächsten Jahren 150 Milliarden Dollar in die KI-Forschung investieren will, seien nicht drei sondern 300 Milliarden nötig, kritisierte etwa einer der in Deutschland bekanntesten KI-Experten, der wissenschaftliche Direktor des Schweizer KI-Forschungsinstituts IDSIA, Jürgen Schmidhuber.

Doch auch jenseits des Vorwurfs, zu zaghaft an die Sache heranzugehen, sehen Stakeholder der verschiedenen Seiten - Investoren, Wissenschaftler und Unternehmer - Schwächen oder Probleme, die die Bundesregierung mit der bisherigen Ausarbeitung der Strategie zu übersehen droht.

Das Ausmerzen dieser Schwächen könnte dafür entscheidend sein, ob es Deutschland gelingt, in der Technologie, der Wissenschaftler mehr katalysatorische Kraft als der Dampfmaschine zutrauen, ganz vorne mitzuspielen und von der Wertschöpfung ein beträchtliches Stück abzubekommen. Forscher des McKinsey Global Institutes in Washington taxieren besagte Wertschöpfung auf bis zu 13 Billionen US-Dollar bis zum Jahr 2030.

Warum das Prinzip Gießkanne so nicht funktionieren kann

Die Bundesregierung hat mit ihrer KI-Strategie  viel vor: Deutschland, so die Idee, soll zum führenden KI-Standort werden. Bislang ist die Bundesrepublik hier klar von der Konkurrenz aus China und den USA abgehängt.

Um angesichts der rasanten Entwicklung möglichst schnell zu den führenden Nationen aufzuschließen, setzt der Bund in der Forschung auf eine Doppelstrategie - will Alt und Neu - bestehende und neue Institutionen - gleichzeitig fördern:

Zum einen sollen bestehende Kompetenzzentren regional weiterentwickelt werden: etwa das bereits 1988 gegründete Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) oder das Cyber Valley in der Region Stuttgart-Tübingen. Mindestens 100 zusätzliche Professuren sollen entstehen.

Zum anderen soll eine "Agentur für Sprunginnovationen" eingerichtet werden - bei der ähnlich wie bei der DARPA in den USA, so genannte Challenges, also Wettbewerbe ausgeschrieben werden könnten. Wettbewerbe, innerhalb derer Forscher, Start-ups oder Projektgruppen konkrete Probleme lösen müssen - und sich dabei auch für die Finanzierung ihrer Projekte qualifizieren können.

Die Strategie war noch nicht publik, da begann in den Bundesländern bereits das Ringen um die Millionen und darum, wer und welche Standorte am förder- und ausbauwürdigsten sind.

Und genau darin sehen viele Experten ein großes Problem: "Wenn wir drei bis fünf Jahre streiten, wer was kriegt, ist der Markt an uns vorbeigezogen", sagt der KI-Investor Fabian Westerheide, der mit der Riseof.ai-Konferenz eine der größten KI-Konferenzen des Landes veranstaltet.

Statt die avisierte Förderung im Gießkannenprinzip auf unterschiedlichste Einrichtung zu verteilen, plädierte Westerheide, wie auch die KI-Unternehmerin Tina Klüwer für ein Leuchtturmprojekt ähnlich des MIT, mit dessen Namen und Leuchtkraft sich auch internationale Spitzenkräfte anziehen lassen. Und das sollte, um gerade auch für ausländisches Personal attraktiv zu sein, nicht in der Provinz sondern in einer für Ausländer attraktiven Metropole wie Berlin angesiedelt werden, ist Westerheide überzeugt.

Warum Bürokratieabbau dringend nötig ist

Ein weiterer kritischer Punkt, den viele Experten als entscheidend ansehen, ist, ob es der Bundesregierung tatsächlich gelingt, die Forschung und die Unternehmensgründung zu entbürokratisieren. So sieht die KI-Strategie der Bundesregierung zwar vor, Unternehmensgründungs-Programme wie Exist stark auszubauen.

Doch die damit verbundenen bürokratischen Hürden und Verzögerungen sind oft beträchtlich: Beispielsweise müssen IP-Rechte bei der Loslösung von den Universitäten abgekauft werden - ein Prozess der aufgrund seiner Dauer den Einstieg externer Investoren massiv verzögern kann oder diese sogar abschreckt.

Video: Wirtschaftsminister Peter Altmaier über deutsche Technik-Lücken

manager-magazin.de / Bain & Company

Und auch in der Forschung ist nach Einschätzung von Experten eine Bürokratieabbau dringend nötig, um Deutschland als Forschungsland für externe Spitzenforscher attraktiver zu machen: "Gehalt ist nicht alles", sagt Jörg Bienert, Vorsitzender des KI-Bundesverbandes. "Woran Forscher vor allem interessiert sind, sind Forschungsmöglichkeiten. Daran, auch mal ohne großen Bürokratieaufwand Forschungsmittel zu bekommen oder sich auch Fehlschläge leisten zu können."

Was fehlt ist eine positive Vision

Vor allem aber braucht KI in Deutschland nach Auffassung vieler Experten ein besseres Image, eine positive Story. Aktuell verbinden viele mit dem Stichwort KI vor allem Ängste: Sorgen, dass die neuen Technologien ihnen Arbeitsplätze wegnehmen werden, die Welt weniger menschlich machen und letztlich kluge Maschinen sogar die Macht übernehmen könnten.

"In Deutschland herrscht eine enorme Technologiefeindlichkeit. Dabei brauchen wir eine Geschichte, die der Bevölkerung vermittelt, dass KI gut sein kann, Arbeitsplätze sichert und täglich Menschenleben rettet", sagt KI-Investor Westerheide.

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