Mittwoch, 1. April 2020

Unschuldsvermutung oder Vorverurteilung? London und Frankfurt zoffen sich über Börsen-Chef Kengeter

Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter.|
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Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter.|

Die London Stock Exchange (LSE) hat Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter im Rahmen der geplanten Fusion attackiert. Nach dem Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel habe LSE-Aufsichtsratschef Donald Brydon seine Vorbehalte Anfang Februar in einer Email an sein Pendant Joachim Faber von der Deutschen Börse geäußert, sagten zwei mit dem Schreiben vertraute Personen am Montag der Nachrichtenagentur Reuters.

Seine Berater hätten ihm gesagt, dass Kengeter wegen des Ermittlungsverfahrens kein geeigneter Kandidat mehr sei, um die fusionierte Börse wie geplant als Vorstandschef zu führen, schrieb Brydon.

Faber antwortete Reuters-Informationen zufolge, dass für ihn die Unschuldsvermutung gelte und dass er deshalb an Kengeter festhalte. Die LSE, die Deutsche Börse und Kengeter selbst wollten sich dazu nicht äußern.

Einige mit der Fusion vertraute Personen sagten, der Disput über Kengeter habe bei der Entscheidung der LSE eine Rolle gespielt, die Forderung der EU-Kommission zur Freigabe der Fusion nicht zu erfüllen und den Zusammenschluss damit sehr wahrscheinlich zu verhindern. Andere Insider und die Spitze der Deutschen Börse sind Finanzkreisen zufolge dagegen der Ansicht, dass die Debatte über Kengeter nicht ausschlaggebend gewesen sei. Vielmehr habe die LSE-Spitze keine Debatte führen wollen, ob der Holdingsitz der fusionierten Börse wegen des Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union von London nach Frankfurt verlagert werden muss. In Hessen forderten das Politiker immer öfter ein, auch wenn sich die hessische Landesregierung selbst mit Statements vornehm zurückhielt.

Londoner Politik machte gegen Fusion mobil

Zugleich wurden in Großbritannien immer mehr Forderungen laut, an dem vor dem Brexit-Referendum beschlossenen Fusionsvertrag mit Börsensitz London festzuhalten. In einem Brief an Premierministerin Theresa May forderten laut Börsen-Zeitung namhafte Politiker und auch ehemalige britische Börsen-Manager die Regierung auf, die Fusion jetzt nach dem Brexit-Beschluss nicht zuzulassen. "Die Fusion gibt nicht nur Politikern Grund zur Sorge, sondern auch der City und ihren Institutionen." Im Unterhaus aber auch einzelne Unternehmer kritisierten die Fusion als weiteren Beleg für einen "sehr schlechten Trend, wesentliche britische Assets an ausländische Interessenten zu verkaufen". Gar vom Ausverkauf vermeintlicher "Kronjuwelen" der Londoner City war die Rede.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat Kengeters Büro bei der Deutschen Börse sowie seine Wohnung im Frankfurter Westend am 1. Februar durchsucht. Der Vorstandschef hatte im Dezember 2015, gut zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionsgespräche, in großem Stil Aktien von Deutschlands größtem Börsenbetreiber gekauft. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Fusionsgespräche mit der LSE. Kengeter hält die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft für haltlos. "Ich bin sicher, dass sich die Vorwürfe nach eingehender Prüfung als unbegründet erweisen werden", sagte er vor zwei Wochen. "Insiderhandel widerspricht allem, wofür ich stehe." Er habe die Aktien im Rahmen eines Vergütungsprogramm gekauft, dessen Eckdaten der Aufsichtsrat festgelegt habe.

Auch Aufsichtsratschef Joachim Faber hat Kengeter in Schutz genommen. "Die Vorwürfe sind haltlos", erklärte er. Kengeter habe die Aktien etwa einen Monat vor der Aufnahme konkreter Fusionsverhandlungen mit der LSE gekauft.

Reuters, soc, rei

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