Dienstag, 20. August 2019

Vision von der Paketlieferung Warum Continental von Roboter-Hunden träumt

Continental-Vision: Fahrerlose Busse mit Robo-Hunden liefern Pakete bis an die Haustür

Lautlos und ganz von selbst fährt der elektrische Shuttle-Bus vor, öffnet seine Türen - und heraus strömen hundeartige Roboter auf vier Beinen, die Pakete austragen. Das ist die Vision für Lieferungen, wenn es nach Continental geht. Der Automobilzulieferer aus Hannover hat das Konzept bei der Elektronikmesse CES in Las Vegas vorgestellt.

"Ein fahrerloses Fahrzeug kann nahezu rund um die Uhr im Einsatz sein", heißt es vom Konzern. Das Potenzial: Lieferzeiten würden beschleunigt, der Verkehr entlastet. Die Shuttles könnten mit ihren Postrobotern in Randzeiten und nachts unterwegs sein, wenn die Straßen leerer sind.

Die autonomen Robo-Hunde sollen außerdem Pakete zustellen können, wenn die Empfänger nicht zu Hause sind. Ein Problem bisheriger Lieferroboter ist, dass sie Treppen und Aufzüge nicht überwinden können. Kunden müssen also anwesend sein und auf die Straße kommen, um ihre Lieferungen entgegenzunehmen. Die Roboter, die Continental Börsen-Chart zeigen sich vorstellt, sollen dieses Bequemlichkeitsproblem lösen.

Und Lösungen braucht die Branche. Prognosen zufolge wird das Liefervolumen weiter steigen: 2018 rechnet der Bundesverband Paket- und Expresslogistik mit einem Zuwachs von 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr - also 170 Millionen zusätzlichen Sendungen. Der Verband erwartet weiteres Wachstum von rund 5 Prozent pro Jahr bis 2022 auf insgesamt 4,3 Milliarden Sendungen.

Wann kommen die Roboter?

Mit der Bewältigung der Paketflut haben Logistiker wie Deutsche Post DHL, Hermes oder DPD schon jetzt Probleme. Große Händler wie Amazon oder Zalando haben niedrige Preise bei den Logistikern durchgesetzt, was zuletzt auf die Gewinne schlug. Es mangelt an Fahrern wegen der viel kritisierten Arbeitsbedingungen. Die Verbraucherbeschwerden bei der Bundesnetzagentur verdoppelten sich von 2017 auf 2018.

Ein Konzept wie das von Continental könnte all das umwälzen - aber wie realistisch ist es überhaupt?

Tatsächlich kann niemand absehen, ob und wann solche Szenarien wahr werden könnten. Continental - das sich nach einem schlimmen Jahr an der Börse mit Gewinnwarnungen und Brandbrief des Vorstands dringend innovativ zeigen will - spricht selbst von einer "sehr frühen Phase". Darin wolle man erst einmal Möglichkeiten aufzeigen und Anforderungen für die benötigten Technologien erarbeiten, heißt es von Andree Hohm, Direktor Fahrerlose Mobilität bei Continental, gegenüber manager-magazin.de.

Die Hannoveraner kooperieren dafür mit zwei Partnern: dem französischen Unternehmen EasyMile SAS, das elektrische Shuttles entwickelt, und dem Schweizer Unternehmen ANYbotics, das den Robo-Dog baut.

Mit diesem Roboterhersteller kooperiert Continental

Hohm merkt an, dass zahlreiche Fragen zu Lieferrobotern noch offen seien: "Wie läuft die Interaktion zwischen Roboter und fahrerlosem Fahrzeug ab? Wie sieht die Schnittstelle zum Menschen aus?" Und: "Wie können wir sicherstellen und nachweisen, dass der Betrieb des Roboters auch in völlig neuen Situationen sicher ist?" Erst wenn Wissenschaft und Industrie das geklärt hätten, könne man verlässliche Prognosen liefern.

Die Technologie ist "wirklich, wirklich schwer"

Bestenfalls sind solche Visionen also Jahrzehnte entfernt - sollten sie überhaupt je möglich werden. Denn daran zweifeln selbst Branchenexperten: John Krafcik (57) - der Leiter von Googles autonomer Fahreinheit Waymo - sagte im November, autonome Fahrzeuge würden nie in der Lage sein, bei jedem Wetter vollautonom zu navigieren. Begrenzungen würde es immer geben; die Technologie zu entwickeln "ist wirklich, wirklich schwer".

In Deutschland bleibt außerdem die Rechtslage hürdenreich. Wie autonome Lieferroboter einzuordnen sind, ist immer noch unklar. Offen ist nicht nur, wie solche Gefährte eingesetzt werden dürfen, sondern auch, wer bei Unfällen haftet.


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In Tests mit genauen Auflagen konnten aber Konzerne wie Deutsche Post DHL, Hermes oder Metro Börsen-Chart zeigen bereits Erfahrungen mit Lieferrobotern sammeln. Bei Hermes hat das gezeigt: Massentauglich ist die Lösung noch nicht. Das Logistikunternehmen probierte den kleinen Lieferroboter des estnischen Start-ups Starship Technologies, an dem auch Daimler Börsen-Chart zeigen beteiligt ist, von Oktober 2016 bis März 2017 in drei Hamburger Stadtteilen aus. Die sechsrädrigen Gefährte übernahmen den Transport von den Paketshops zu den Häusern der Empfänger. Aber: Das Fassungsvermögen der Roboter ist begrenzt, ihre Fortbewegung mit maximal sechs Stundenkilometern recht langsam.

Außerdem seien die Mobilfunknetze nicht immer ausreichend gewesen, sagt ein Hermes-Sprecher. Auf eine stabile Verbindung waren die Roboter allerdings angewiesen, da sie via LTE mit der Leitzentrale kommunizierten. "Das hat im Alltagsbetrieb immer wieder Probleme bereitet." Ohne Verbindung konnten die Roboter nicht weiterfahren.

Problem: Vandalismus

Ein paar Jahre Weiterentwicklung vorausgesetzt, sehe man aber durchaus Potenzial. Generell könne man sich vorstellen, autonome oder zumindest semiautonome Fahrzeuge in der Paketzustellung einzusetzen - "sofern uns die Automobil- und Tech-Branchen denn entsprechend skalierbare Lösungen zur Verfügung stellen und wir eine klare gesetzliche Reglung haben".

Technologie und Rechtslage sind aber nicht die einzigen Eventualitäten. Selbst, wenn die Roboter irgendwann vollautonom einsatzfähig werden sollten, müssen die Unternehmen noch die Bevölkerung daran gewöhnen. Ein vierbeiniger Robo-Hund im Treppenhaus? Noch eine gruselige Vorstellung. Die kleinen Lieferroboter von Starship wirken dagegen regelrecht niedlich - doch auch die wurden schon von Fußgängern mit Fußtritten malträtiert.

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