Cloud Computing Wie Big Pharma von der Datenwolke profitiert

Die Cloud spart Kosten - so das häufigste Argumentation der Befürworter. Dabei bietet die Wolke für Unternehmen weiteres Potenzial. Strategisch sinnvoll eingesetzt, kann sie helfen, Geschäftsprozesse zu optimieren: von der Arzneimittelentwicklung bis zur Personalauswahl.
Von Annika Janßen
Arzneimittel: Entwicklung beschleunigt durch die Wolke

Arzneimittel: Entwicklung beschleunigt durch die Wolke

Foto: Frank May/ dpa

Hamburg - Wachsen mit der Wolke: So oder ähnlich lautet mittlerweile das Motto vieler Firmen. Ob kleiner Mittelständler oder Großkonzern, immer mehr Firmen lagern große Teile ihrer Daten und Geschäftsprozesse ins Internet aus, um effizienter, kostengünstiger und von beliebigen Standorten aus arbeiten zu können.

Das zahlt sich aus: Unternehmen, die konsequent auf Cloud Computing setzen, erzielen beinahe doppelt so hohe Wachstumsraten und einen gut zweieinhalb Mal höheren Bruttogewinn als Firmen, die sich der Datenwolke konsequent verweigern, zeigt eine Studie des Software- und Cloud-Anbieters IBM.

Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen standen der Datenwolke lange Zeit skeptisch gegenüber. Mit Blick auf das Potenzial der Cloud habe allerdings ein Umdenken eingesetzt, sagt Bruno Wallraf, Partner und Cloud-Experte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG: "Zwar sind es insbesondere große Unternehmen, die um Cloud Computing nicht mehr herumkommen. Aber auch der Mittelstand beschäftigt sich mehr und mehr damit", sagt Wallraf.

83 Prozent jener Mittelständler, die Daten auf eigens für die Firma bereitgestellte Server in eine sogenannte Private Cloud ausgelagert haben, vermelden positive Erfahrungen, zeigt der von KPMG und dem Branchenverband Bitkom erstellte "Cloud Monitor 2013". Jedes dritte Unternehmen nutzt zudem eine Public-Cloud-Variante, greift also über das Internet auf Standard-Angebote diverser Anbieter zurück. Hier vermelden 74 Prozent positive Erfahrungen.

Kosten für eigenes Rechenzentrum gespart

Die gute Resonanz auf Public- und Private-Cloud-Varianten kommt nicht von ungefähr. Die Unternehmen erkennen zunehmend das Potenzial von Cloud Computing als einfache, flexible und kostengünstige Alternative zum eigenen Server oder Rechenzentrum. "Das Schöne an der Cloud ist: Firmen bezahlen nur für die wirklich genutzten Leistungen ihres jeweiligen Cloud-Anbieters. Software und Infrastruktur sind nicht mehr notwendig", sagt René Büst, Marktanalyst und Berater für Cloud Computing.

Teure Investitionen in Software und Hardware seien nicht mehr notwendig. "Viele Unternehmen ersetzen große Teile ihrer IT-Infrastruktur durch Cloud-Lösungen", sagt Büst. So nutze etwa die Schweizer Großbank UBS  eine Software von Microsoft , die Börsendaten errechnen kann und der Bank somit Kosten für ein eigenes Rechenzentrum erspart.

Wenn es darum ging, die Vorteile von Cloud-Lösungen aufzuzählen, stand lange Zeit der Punkt Kostenersparnis ganz oben. Mittlerweile wird vielen Unternehmen aber auch bewusst, dass sie weitere Wettbewerbsvorteile erzielen, wenn sie Cloud-Services nutzen. "Unternehmen müssen sich mit dem Thema Cloud befassen und eine entsprechende Strategie erarbeiten", sagt KPMG-Partner Wallraf. Wer Cloud Computing nicht nutze, werde Schwierigkeiten haben, im Wettbewerb zu bestehen

Pharmaindustrie: Testergebnisse in der Wolke

Der Grund: "Das Auslagern von Geschäftsprozessen in die Cloud spart Unternehmen nicht nur Geld für den Serverbetrieb oder den Kauf von Hard- und Software", sagt Markus Vehlow, Partner bei der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC) und verantwortlich für Cloud Computing. Es spare vor allem auch Zeit, weil es Geschäftsprozesse effizienter machen könne und somit beschleunige. "Die Digitalisierung kann zunehmend über die Marktposition eines Unternehmens entscheiden", sagt Vehlow.

Bisher setzen vor allem große Konzerne die Wolke strategisch ein: Zum Beispiel Pharmaunternehmen. Bis zur Marktreife eines Medikaments dauert es oftmals sehr lange. Das liegt auch an langwierigen Tests, die in verschiedenen Ländern unter verschiedenen klimatischen Bedingungen und mit unterschiedlichen Probanden aller Kontinente durchgeführt werden müssen.

"Die Testergebnisse von klinischen Studien im Bereich der Medikamentenentwicklung zu erfassen und zu verarbeiten, nimmt in der Regel viel Zeit in Anspruch", sagt Vehlow. Deshalb erfassen manche Pharmakonzerne die Testergebnisse mittlerweile dezentral über die Wolke, indem sie Probanden ihre Daten in einer Cloud-Umgebung eingeben lassen und diese im Anschluss zentral auswerten. "Das erspart allen Beteiligten viel Zeit", sagt Vehlow. Neue Produkte könnten so früher auf den Markt kommen als zuvor.

Auch den Personaleinstellungsprozess haben viele Konzerne schon zu großen Teilen in die Cloud ausgelagert: "Bewerber können ihre Unterlagen online hochladen, sie werden dann auf einer Cloud-Plattform gespeichert und können von überall her abgerufen werden", erklärt Marco Mevius, Informatikprofessor am Konstanzer Institut für Prozesssteuerung (Kips). Die Personalabteilung könne im Anschluss mithilfe von Cloud-Software zum Beispiel automatisiert Absagen verschicken, aber auch Zusagen für Vorstellungsgespräche.

"Auch diese können dann online stattfinden, etwa mittels Videokonferenz", sagt Mevius. Auch interne Prozesse würden somit effektiver, flexibler und schneller.

Produktpalette zum Anfassen im Netz

Mittelständler nutzen die Cloud bisher hauptsächlich, um Kosten zu senken oder interne Prozesse zu beschleunigen - etwa, indem sie Cloud-Lösungen für die Buchhaltung nutzen oder von überall her auf Emails zugreifen zu können. Das reicht aber, je nach Geschäftsmodell, noch nicht aus, um alle strategischen Vorteile des Cloud Computing zu nutzen. "Strategisch sinnvoll eingesetztes Cloud Computing kann auch für einen größeren Kundenstamm sorgen und Bestandskunden binden", sagt KPMG-Partner Wallraf. Die Wolke biete mehr Chancen, als mancher Mittelständler glaube.

"Am Ende werden sich Unternehmen durchsetzen, die ihren Kunden ihre Produktpalette im Internet quasi zum Anfassen präsentieren, ohne dass diese einen Laden betreten", sagt Wallraf. Auch das sei Cloud Computing - etwa dann, wenn Kunden den Status ihrer Online-Shop-Bestellung via Internet abrufen könnten.

Die Angst vor dem Datenverlust ist besonders im Mittelstand aber nach wie vor ein großes Thema, wenn es um Cloud Computing geht. "Der NSA-Datenskandal hat jetzt gezeigt, dass Daten eigentlich nirgends sicher sind", sagt Wallraf. Unternehmen müssten deshalb, trotz aller Vorteile, darauf achten, welche Daten sie in die Cloud auslagerten: "Es gilt, hochsensible von weniger sensiblen Daten zu trennen - und erstere absolut unzugänglich zu speichern", sagt Wallraf. Für alle anderen Daten könne dann eine Cloud-Software genutzt werden - Private oder Public, je nachdem, um welche Daten und Prozesse es gehe.

Spagat zwischen Strategie und Sicherheit

Cloud Computing strategisch nutzen, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen, gleichzeitig aber für bestmögliche Datensicherheit sorgen - geht das?

Ja, sagen Experten. "Viele Firmen setzen mittlerweile auf Managed-Cloud-Konzepte", sagt Marktanalyst Büst. Das bedeutet: Anbieter von sogenannten Business Clouds helfen ihren Kunden beim Weg in die Wolke, richten eine gehostete, also online zugängliche, Private-Cloud ein. "Im Gegensatz zu Public-Cloud-Anbietern stellen sie aber nicht nur die Infrastruktur bereit, sondern übernehmen auch alles, was im Zusammenhang mit Cloud Computing anfällt."

Runtastic etwa, ein Anbieter von Fitness-Apps fürs Smartphone, nutzt neuerdings einen solchen Managed-Cloud-Service von T-Systems, um die Fitnessdaten seiner Nutzer abzuspeichern. "Public Cloud kam für Runtastic nicht in Frage, weil das Unternehmen wissen will, wo genau die Daten liegen", sagt Büst. Zudem habe Bedarf für weitere Beratung hinsichtlich der Cloud bestanden. "Das nennt sich dann Professional Service."

Dafür würde dann auch der höhere Preis für den Cloud-Anbieter in Kauf genommen.

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