Sonntag, 19. Mai 2019

Künstliche Intelligenz Was wir von China lernen können

"Made in China": Die Europäer sollten keine Angst von China bekommen
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"Made in China": Die Europäer sollten keine Angst von China bekommen

Chinas Tech-Unternehmen und der scheinbar in alles involvierte Staat holen zum digitalen Sprung auf das große Ganze aus. Dies gilt insbesondere für die Mobilität. Fünf Thesen, warum es gerade für uns Europäer an der Zeit ist, "Made in China" ganz neu zu betrachten, von den Trends im Reich der Mitte zu lernen und gleichzeitig ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Martin Eisenhut
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    A.T. Kearney
    Martin Eisenhut ist Partner und Managing Director Central Europe bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Mit über 20 Jahren Beratungserfahrung liegt sein Schwerpunkt auf strategischen und operativen Transformationsprozessen sowie der Restrukturierung.

1. Der ganzheitliche Ansatz

Chinesische Zulieferer und Start-ups in Städten wie Bejing und Shanghai verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Künstliche Intelligenz (AI) ist für sie nicht nur Rückgrat ihrer Produkte und Dienstleistungen, sondern sie entwickeln und produzieren auch ihre Hardware selber. Parallel beschäftigen sie sich intensiv mit der Frage, wie sie ihr Know-how nutzen können, um beim Endkunden zu punkten. Man nehme das Beispiel Auto Head-up-Display. Dort bieten Unternehmen Produkte an, die den Standardangeboten der Autobauer überlegen sind und Zusatzservices offerieren. In Europa noch (fast) unvorstellbar, tauschen chinesische Autokäufer nach dem PKW-Erwerb das Display des Armaturenbrettes aus und bekommen so ein überzeugenderes Design, eine bessere - AI gestützte - Spracherkennung und Navigation und bei gleichem Soundsystem deutlich bessere Klangergebnisse. Start-ups wie Flexiv konstruieren für den B2B-Bereich nicht einfach nur einen Roboter, sondern bieten Komplettlösungen aus AI und Roboterarm an. Auch hier gilt: Hard- und Software werden in Eigenregie nicht nur entwickelt, sondern man will auch entlang der gesamten Wertschöpfung produzieren.

Wir sollten uns deshalb in Europa hüten, uns zurück zu lehnen. Wer jetzt nicht selbst zukunftsfähige, ganzheitliche Strategien entwickelt, könnte plötzlich feststellen, dass er als Glied in der Wertschöpfungskette nicht mehr gebraucht wird.

2. AI is everywhere

Während wir in Europa noch diskutieren, wie die beste AI-Strategie aussehen könnte, handelt China. Staatlich massiv gelenkt, wird die Größe des eigenen Marktes genutzt, um AI einfach zu "machen". Erfolge und Misserfolge werden regelmäßig analysiert und Fehlentwicklungen rasch korrigiert. Ein chinesisches Trial-and-error-Prinzip, in einem riesigen Markt und mit großen Hebeln.

In der Europäischen Union müssen wir mit dem Luxus aufhören, dass die Mitgliedsstaaten noch immer eigene AI-Strategien verfolgen, anstatt alle Kräfte europäisch zu bündeln und die Vorteile des Binnenmarktes auszuspielen. AI ist eine Frage, die federführend in die Europäische Kommission und ins Europäische Parlament gehört. Jedes Mitgliedsland kann sich gerne einbringen, aber entschieden werden muss europäisch. Es ist absurd, wenn Regierung und nationale Abgeordnete in Deutschland, Frankreich oder Polen über diese Fragen beraten, ohne zu wissen, was der andere tut; oder wenn sie sich von Egomotiven leiten lassen.

Nicht die Frage, ob die 2018 gestartete EU-Strategie "AI Made in Europe" ein Erfolg wird, ist daher die richtige, sondern wie schnell wir diesen Erfolg schaffen. Wir brauchen den gesteuerten, transnationalen Austausch und eine europaweite Plattform. Nationale Kirchturmpolitiken sind vielleicht bequemer, aber selbst eine große Wirtschaftsnation wie Deutschland wird dauerhaft alleine nicht mithalten können.

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