Sonntag, 16. Juni 2019

Künstliche Intelligenz Was wir von China lernen können

"Made in China": Die Europäer sollten keine Angst von China bekommen
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"Made in China": Die Europäer sollten keine Angst von China bekommen

2. Teil: Ein ganzes Lifestylekonzept

3. Auch in elektrischen Zeiten gilt: Emotion matters

Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, dann besuchen Sie in Shanghai an einem Nachmittag Showrooms der Elektromarken Tesla, NIO und Byton. Sie werden sehen, Tesla ist verdammt inkrementell.

Mit dem in München entwickelten M-Byte von Byton steht ein Produkt in den Startlochern, das andere OEMs unter Druck setzen dürfte, falls die Serienfertigung hält, was im Shanghaier Showroom versprochen wird. Konkurrent NIO ist einen Schritt weiter und hat bereits mehrere tausend Fahrzeuge verkauft. Das Auto ist hingegen weniger revolutionär. Viel spannender ist, dass NIO eigentlich kein Auto mehr verkauft, noch nicht einmal mehr ein Mobilitätsangebot. Das milliardenschwere Start-Up bietet seinen Kunden ein ganzes Lifestylekonzept. In "NIO Houses" können Fahrzeugbesitzer exklusiv nicht nur einen Kaffee trinken, sondern auch Meetingräume buchen, Partys veranstalten, sich mit Freunden treffen oder ihr Kind bei einer Betreuung abgeben. Komplettiert wird das Ganze durch das passende NIO Outfit, das im Store erworben werden kann. Folgerichtig sind "NIO Houses" in der Innenstadt angesiedelt, und statt Ol- und Gummigeruch wartet der Latte Macchiato. Dort trifft man viele junge Chinesen, die hier, und nicht in ihren Büros, ihren Business Meetings und Telefonkonferenzen nachgehen. Den Anwesenden scheint es fast wichtiger zu sein, diesem exklusiven Kreis anzugehören, als das Fahrzeug zu besitzen, das abseits irgendwo in einer Tiefgarage parkt.

Ob die NIO-Wette wirklich aufgehen wird, ist noch offen, sich aber als Autobauer nicht mit dem NIO- Ansatz auseinander zu setzen, hielte ich für einen großen Fehler.

4. Die junge Tech-Generation Chinas ist kosmopolitisch

2017 studierten laut chinesischem Bildungsministerium erstmals mehr als 600.000 Chinesinnen und Chinesen im Ausland. Über 360.000 davon zog es allein in die USA und hier oftmals an die Eliteuniversitäten. Berücksichtigt man, dass laut staatlichen chinesischen Angaben etwa 80 Prozent direkt oder mittelfristig wieder in ihre Heimat zurückkehren, dann kann man sich ausmalen, was für ein Wissenstransfer Jahr für Jahr in Richtung China stattfindet. Diese junge Generation verfügt über entscheidende Startvorteile gegenüber nicht-chinesischen Unternehmen und Investoren, denn sie kennt die Besonderheiten des riesigen Landes und verfügt über Kontakte in staatliche Stellen und Behörden. Sie bringt zudem das Land durch frische Ansichten, neueste Forschungserkenntnisse und Netzwerke in die Eliten der westlichen Welt voran.

Für uns Europäer stellt sich vor allem eine Frage: Wie können wir verhindern, dass Wissensaustausch und Netzwerkbildung vorrangig zwischen den USA und China stattfinden und Europa außen vor bleibt?

5. Big brother lebt mittendrin

Wer in China Geschäfte macht, muss sich zwangslaufig mit den Aspekten Überwachung und Zensur auseinandersetzen. Spätestens wenn man an einer Fußgängerampel mit Gesichtserkennung steht, die Negativpunkte vergibt, wenn man bei Rot die Straße quert, fühlt sich die Tragweite von AI ganz anders und real an. Die Zahl der Überwachungskameras an manchen Orten scheint nur noch dadurch limitiert, dass der Mast, auf dem sie montiert sind, nicht noch mehr Kameras tragen kann. All das wird mit Sicherheitsaspekten begründet und stoßt auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Für uns kaum vorstellbar, dass Bürgern allein im Jahr 2018 über 17 Millionen Flugreisen und fast 5,5 Millionen Zugreisen untersagt wurden, weil ihr Sozialpunkte-Scoring negativ aufgefallen war. Das auszublenden wäre ein grober Fehler, auch weil der chinesische Staat seine Position sehr selbstbewusst vertritt.

Daran werden wir in Europa nicht groß etwas ändern. Wir sollten aber genauso selbstbewusst für uns entscheiden, welche der digitalen Möglichkeiten wir wie nutzen wollen, und auf welchem ethischen Fundament. Das ist nicht nur eine Frage an Politik und Gesellschaft, sondern explizit eine an jedes einzelne Unternehmen. Die Digitalisierung verändert eben nicht nur unsere Fabrikhallen, sondern beruhrt jegliches unternehmerische Handeln.

Und wir Europäer sollten uns nicht kleiner machen als wir sind. "Made in Europe" ist noch immer ein Qualitätssiegel. Und wir können sehr wohl globale Standards setzen - wenn wir uns einig sind.

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