Donnerstag, 20. Juni 2019

Elf Fragen zum Hackerkongress des Chaos Computer Clubs "What the Fax?!"

Der Chaos Computer Club lädt zu seinem alljährlichen Kongress

An diesem Donnerstag beginnt in Leipzig das größte Hackertreffen Europas, der Congress des Chaos Computer Clubs (CCC). Wir erklären, was diese Veranstaltung so besonders macht.

Treffen sich beim CCC-Kongress richtige Hacker?

Ja, Tausende.

Ist es kriminell, was die Teilnehmer machen?

Der Begriff "Hacker" war ursprünglich nur positiv besetzt und meinte Menschen, die Technik verstehen wollen, indem sie sie auseinandernehmen. Im erweiterten Sinn geht es darum, auch andere komplexe Dinge zu durchdringen. Man kann also auch Gesellschaften hacken, Medien hacken, Politik hacken und so weiter. Die Hacker auf dem Kongress sind dementsprechend IT-Sicherheitsforscher, Technikbegeisterte, Aktivisten, Künstler oder einfach neugierige, lernwillige Menschen.

Vielleicht sind auch ein paar Kriminelle darunter, bei mehr als 15.000 Besuchern kann man das schlecht ausschließen. In der Vergangenheit ist es im Rahmen des Kongresses auch durchaus zu kriminellen Aktionen gekommen. 2009 etwa wurden Links zu illegal beschafften Daten aus einer vor allem von Rechtsextremen genutzten Singlebörse im Kongress-Wiki veröffentlicht.

Was machen die Hacker auf so einem Kongress?

Das Gleiche, was Ärzte auf einem Medizinerkongress treiben, nur mit mehr blinkenden Lämpchen: Vorträge halten, Workshops veranstalten, Wissen austauschen, Kontakte knüpfen, feiern. Der Chaos Communication Congress ist in mehreren Bundesländern eine anerkannte Bildungsveranstaltung, man kann also Bildungsurlaub dafür beantragen.

In den Vorträgen geht es dieses Jahr unter anderem um Biometrie, Wahlcomputer, Facebook und Weltraumtechnik. Workshops gibt es beispielsweise zu Verschlüsselung, Gammastrahlenmessung, Stricken oder möglichst viele Ziffern der Kreiszahl Pi Auswendiglernen. Außerdem gibt es einen zweitägigen Bondage-Kurs - also Fesseln - für Fortgeschrittene. Und einen für Anfänger.

Wieso ist der Kongress wichtig?

Hackerkongresse sind eine Art Frühwarnsystem für Nichthacker. Wenn dort jemand vor unsicheren Banking-Apps, elektronischen Gesundheitsakten oder Smarthome-Zubehör warnt, dann sollte man als Nutzer zuhören. Diejenigen, die solche Sicherheitslücken für kriminelle Zwecke nutzen, kommen nämlich früher oder später auf die gleichen Ideen.

Außerdem ist der Kongress ein Ort für wichtige Debatten etwa zu ausufernder staatlicher Überwachung, Datenschutz und Netzpolitik, aber auch Wissenschaft und Gesellschaft.

Versteht man als Laie, worüber die reden?

Nicht alles. Manche Vorträge sind sehr speziell und richten sich an ein Fachpublikum. "Kernel Tracing with eBPF" heißt zum Beispiel einer aus dieser Kategorie. Wenn Sie die Frage "Have you ever wanted to trace all syscalls or dump all IPC traffic across a Linux System?" nicht spontan mit Ja beantworten, ist dieser Vortrag nichts für Sie.

Manche beschreiben ein Problem, das viele Menschen oder Firmen betrifft, werden im Detail aber sehr komplex. Ein Beispiel dafür wäre der diesjährige Vortrag "What the Fax?!": Darin erklären zwei israelische Forscher, wie ein Angreifer ins Computersystem eines Unternehmens eindringen kann, indem er einfach ein Fax schickt. Das ist theoretisch relevant für sehr viele Unternehmen, die sich vor so etwas schützen wollen. Den Angriff selbst aber versteht man als Laie nicht oder nur in Grundzügen.

Es gibt allerdings auch sogenannte Foundation Talks. Das sind Einführungsvorträge zum Beispiel über Raumfahrttechnik oder Erbgut-Manipulation mit CRISPR-Cas9. Zudem gibt nicht nur technische, sondern auch geisteswissenschaftliche Vorträge und Kunstvorführungen.

Werden die Vorträge auf Deutsch gehalten?

Manche. Der Vortrag "Stalking, Spy Apps, Doxing" zum Beispiel. Und der über den 32-Bit-Mikrocontroller ESP8266 mit integriertem 802.11 b/g/n Wi-Fi wird auch deutsche Wörter enthalten. Aber die meisten Redner tragen auf Englisch vor. Freiwillige werden sich allerdings bemühen, fast alles ins Deutsche zu übersetzen.

Kann man spontan noch am Kongress teilnehmen - gibt es noch Karten?

Nein. Jedenfalls offiziell nicht. Mit etwas Glück findet sich auf Twitter noch jemand, der seines verkauft. Allerdings warnt der Chaos Computer Club als Veranstalter vor möglichen Betrugsversuchen und rät, Tickets nur von Menschen zu kaufen, denen man traut.

Wie erfahre ich, worüber geredet wird?

Livestreams vieler Vorträge wird es auf dieser Seite geben, Videoaufzeichnungen dann etwas später hier. Wer nicht alleine gucken mag: In vielen Hackerspaces wird gemeinsam geschaut, sogar Fragen an die Redner können von dort gestellt werden.

Warum findet der Kongress ausgerechnet zwischen Weihnachten und Silvester statt?

Der erste Chaos Communication Congress fand wenige Wochen nach dem spektakulären BTX-Hack statt, mit dem der Chaos Computer Club berühmt wurde, am 27. und 28. Dezember 1984. Das Veranstaltungsdatum ist also historisch begründet. Aber es hat auch praktische Vorteile: Viele Firmen arbeiten mit kleiner Besetzung, Studenten und Schüler haben frei - auch deshalb ist die Zahl der Besucher immer weiter gestiegen.


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Wieso findet der Kongress in Leipzig statt?

Die ersten Kongresse fanden in Hamburg statt, zwischen 1998 bis 2011 in Berlin, danach wieder in Hamburg im Kongresszentrum CCH. Das aber wird derzeit saniert. Der CCC musste deshalb eine Alternative suchen, die außerdem auch mehr Besucher fasst. Die Wahl fiel auf die Messe Leipzig, wo der Kongress nun zum zweiten Mal stattfindet.

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