Nach Rücktritt von Software-Legende Ellison Catz oder Hurd - Startschuss für den finalen Kampf um die Oracle-Spitze

Wie zuvor SAP versucht Oracle es jetzt auch mit einer Doppelspitze. Mit Safra Catz und Mark Hurd sind zwei machtbewusste Menschen an die Spitze des weltgrößten Datenbankherstellers gerückt - die jeweils den anderen verdrängen wollen. Ein Doppelporträt.
Doppelspitzen-Mitglied, voraussichtlich nur auf Zeit: Safra Catz

Doppelspitzen-Mitglied, voraussichtlich nur auf Zeit: Safra Catz

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Es ist ein ungewöhnliches Gebilde: Oracle-Mitgründer Larry Ellison gibt seinen CEO-Posten nach 37 Jahren an seine zwei Co-Präsidenten Safra Catz und Mark Hurd, bleibt aber weiterhin am Ruder. Er wird Chef des Verwaltungsrats und Cheftechnologe beim weltgrößten Datenbankhersteller.

Und alle drei haben in Mitteilungen und einer Telefonkonferenz mit Analysten gesagt, dass sich nichts ändern wird. Catz verantwortet wie gehabt die Bereiche Finanzen, Recht und Produktion, Hurd wie bisher die Bereiche Vertrieb, Dienstleistungen und die nach Branchen organisierten Geschäftsgebiete. Ellison kümmert sich weiter um die Bereiche Software- und Hardware-Entwicklung. Catz und Hurd berichten an den Verwaltungsrat, nicht mehr an Ellison, aber der ist jetzt ja Chef des Gremiums. Mehr segeln geht eigentlich auch nicht: Ellison widmet sich seit Jahren intensiv seinen Yachten und dem America's Cup und überlässt das Geschäft über längere Strecken anderen. Das ist nicht neu.

Beobachter sind sich daher einig: Ellison hat weiterhin das Sagen. "Es gibt neue Visitenkarten, mehr nicht", sagt Brad Reback, Analyst bei der Investmentbank Stifel. Bleibt die Frage, warum überhaupt neue Titel vergeben wurden und das gerade jetzt. Ellisons Begründung ist unbefriedigend: "Mark und Safra haben herausragende Arbeit geleistet und haben meiner Meinung nach die neuen Titel und was das mit sich bringt verdient."

Ex-HP-Chef Mark Hurd: Entlassen wegen Hinweisen auf sexuelle Belästigung

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Ellison, der Mitte August seinen 70. Geburtstat feierte, habe mit der Schaffung der Doppelspitze den Startschuss zu den "Hunger Games" gegeben, titelte Bloomberg Businessweek. Über kurz oder lang wird Catz oder Hurd - oder beide - gehen, glauben Beobachter. Auch wenn die beiden die vergangenen vier Jahre dank ihrer klar abgesteckten Zuständigkeiten einigermaßen harmonisch als Co-Präsidenten arbeiteten. "Doppelspitzen sind selten, und das aus gutem Grund", sagt Charles Elson, Leiter des John L. Weinberg Center for Corporate Governance an der University of Delaware. "Es geht fast nie gut aus: Das Unternehmen wird einem internen Machtkampf ausgesetzt, und die Mitarbeiter schlagen sich immer auf eine Seite." Eine einzelne Person müsse an der Spitze die Autorität darstellen, so Elson: "Ellison hat ein Pferderennen angesetzt."

Safra Catz: Macherin im Hintergrund

Was ihre beste Entscheidung des Lebens gewesen sei, wollte "Time" von Safra Catz wissen. "An die Wall Street anstatt in die Juristerei zu gehen", antwortete die Frau, die fast nie Interviews gibt. Es fand vor vier Jahren statt, lange bevor Oracle sie zur Vorstandschefin ernannte. Catz wusste aber damals schon, dass sie beste Aussichten auf den Posten hat. Schließlich ist sie die engste Vertraute von Ellison, der nun seinen CEO-Titel an sie abgibt. In den im Silicon Valley weithin sichtbaren Oracle-Glastürmen in Redwood Shores wird seit Jahren keine strategisch wichtige Entscheidung ohne Catz gefällt, zahllose Ideen, insbesondere wenn es um Zukäufe geht, stammen von der früheren Investmentbankerin. "Sollte ich morgen tot umfallen, dann würde Safra Catz Vorstandschefin von Oracle", sagte Ellison vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung. Das war bevor Hurd ins Unternehmen kam. Nun teilt Catz den CEO-Posten mit Hurd, der wie sie die vergangenen vier Jahre als Oracle-Präsident fungierte. Damit ist sie ein von ganzen fünf weiblichen CEOs an der Spitze größerer US-Technologieunternehmen.

Der Schritt in eine Anwaltskanzlei wäre nach dem Studium nachvollziehbar gewesen, denn die Absolventin der Wharton School of Business ist auch promovierte Juristin (University of Pennsylvania). Nach dem Abschluss an der Ivy-League-Universität 1986 fing sie jedoch bei der New Yorker Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette an. Catz wurde dort Chefin der Softwareabteilung und betreute früh Kunden wie Symantec und Softbank. Sie habe viel über die Software-Branche gelernt, sagt sie, in einer Zeit, in der der Aufstieg unabhängiger Softwareunternehmen wie Microsoft, SAP und Oracle so richtig begann.

1997 ließ Catz sich mit ihrem Mann und zwei Kindern ins Silicon Valley versetzen, zwei Jahre später warb Ellison sie ab. Sie wurde schnell zu seiner rechten Hand, führte die operative Seite des Unternehmens, während er um die Welt segelte. Von 2005 bis 2008 war sie Interims-Finanzchefin, 2011 übernahm sie den Posten in Vollzeitarbeit.

Catz agiert hinter den Kulissen. Sie ist selbst nach 15 Jahren bei Oracle ein Branchenmysterium, das die Presse meidet und sich weigert, sich in Titelgeschichten in Wirtschaftsmagazinen feiern zu lassen. Was im Silicon Valley, wo vorwiegend männliche Gründer und Chefs in einem fort großmäulig von ihren bahnbrechenden und weltverändernden Ideen erzählen, geradezu wohltuend wirkt. Catz ist die Macherin, die das Rampenlicht Ellison, Hurd und anderen Männern im Konzern überlässt, sich höchstens vor Investoren und Analysten zeigt und dort kein Blatt vor den Mund nimmt. Die 52-Jährige gilt als knallhart, effizient und direkt und schonungslos im Umgang mit Mitarbeitern. Sie hat wenig übrig - und kein Budget - für die hier weit verbreiteten, kostspieligen Wohlfühlprogramme für Angestellte. Oracle versucht im Gegensatz zu vielen anderen Technologieunternehmen im Silicon Valley nicht den Club Med zu geben.

Als Catz bei Oracle anfing, wusste keiner so richtig, was ihre Rolle war. Sie hatte kein eigenes Büro, sondern saß oft an einem Konferenztisch in Ellisons Büro. Noch im selben Jahr beförderte Ellison sie zum Executive Vice President. Im Januar 2004 wurde sie zur Co-Präsidentin gekürt, der andere Co-Präsident war Charles Phillips. Der ging 2010, und Ellison holte Mark Hurd als dessen Nachfolger.

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Catz, die stets in elegante Kostüme gekleidet ist, wurde in Israel geboren. Als ihr Vater, ein Kernphysiker, eine Position am Massachusetts Institute of Technology (MIT) annahm, siedelte die Familie an die US-Ostküste um. Mittlerweile ist Catz mit Vergütungen in Höhe von 44,3 Millionen Dollar im vergangenen Jahr (Forbes) die am besten bezahlte Managerin der Welt. Sie sitzt seit 13 Jahren im Verwaltungsrat von Oracle und seit 2008 auch in dem Gremium der Großbank HSBC. An der Stanford Graduate School of Business gibt sie Teile ihres zweifelsohne umfangreichen Wissens in Sachen Fusionen und Übernahmen an Studenten weiter.

Die Frau fürs Operative ist die Architektin von Oracles Übernahmemarathon, der die Technologiebranche umwälzte und Oracle zum größten Unternehmenssoftware-Anbieter nach SAP machte. Die Shopping-Tour begann so richtig im Jahr 2005 mit der fast 11 Milliarden $ teuren und 18 Monate lang erbittert bekämpften Übernahme von Peoplesoft. In den vergangenen zehn Jahren hat der Konzern weit über 50 Milliarden Dollar für rund 100 Akquisitionen bezahlt.

Analysten gehen davon aus, dass Catz und Ellison wieder verstärkt zukaufen werden, um Oracles Angebot an über das Internet und andere Netzwerke abrufbaren Produkten wie Software, Rechenleistung und Speicher zu vergrößern. So genannte Cloud-Dienste wachsen viel schneller als das Stammgeschäft bei alteingesessenen Softwarekonzernen, weshalb auch SAP laufend zukauft. Am Donnerstag verkündete SAP-Chef Bill McDermott, der bis vor ein paar Monaten noch die Hälfte eines CEO-Duos war, mit dem 7,4 Milliarden Dollar teuren Kauf des Cloud-Anbieters Concur die teuerste Übernahme in der Firmengeschichte.

Sollte Oracles-Doppelspitze nicht von Bestand sein, wird Catz das Rennen gewinnen, glaubt mancher Oracle-Insider. "Sie ist viel näher an Ellison dran, hat mehr Entscheidungsbefugnis, schmeisst den Laden und verantwortet die Übernahmestrategie", sagt ein ehemaliger Oracle-Mitarbeiter, der direkt mit Catz und Hurd zusammenarbeitete. "Sie ist die wahrscheinlichere Kandidatin - wenn sie den Job will."

Mark Hurd: The Comeback Kid

Das Anheuern von Mark Hurd im September 2010 war typisch für den streitlustigen Ellison. Wenige Wochen davor hatte Hurd seinen Chefposten beim Technologiekonzern Hewlett-Packard (HP) auf Drängen des Verwaltungsrats räumen müssen. Das Gremium hatte Hurds Beziehung zu einer externen Marketingberaterin untersuchen lassen, nachdem diese ihn in einem Brief an HP der sexuellen Belästigung beschuldigt hatte. Die Untersuchung hatte keinen Verstoß gegen die Firmenrichtlinien hinsichtlich Belästigung nachgewiesen, allerdings wurden dabei Unregelmäßigkeiten in Hurds Spesenabrechnungen zutage gefördert. Damit habe er die "enge persönliche Beziehung" zu der Frau verschleiern wolle, sagte damals der HP-Chefjustiziar.

Ellison reagierte wenig später öffentlich auf Hurds Entlassung. Der mehrfach geschiedene Milliardär unterhielt bis dahin eine sportliche Männerfreundschaft mit seinem Tennispartner. Seine Spesenberichte und sein Verhalten gegenüber Untergegebenen interessierten ihn nicht. "Der HP-Verwaltungsrat hat die schlechteste Personalentscheidung gefällt, seit die Idioten im Apple-Gremium vor vielen Jahren Steve Jobs feuerten", schrieb Ellison in einer E-Mail an die "New York Times". Wenig später stellte er Hurd als Co-Präsidenten ein. Den Skandal um Hurd hat man im Silicon Valley längst aus dem Bewusstsein verdrängt, nicht wenige sind wie Ellison ohnehin der Meinung, dass er ungerecht behandelt worden war.

Hurd begann seine Karriere 1980 bei NCR als Verkäufer in Texas. Im Jahr 2003 rückte er an die Spitze des weltweit größten Herstellers von Bankautomaten und Kassen aus Ohio, der jahrelang rote Zahlen geschrieben hatte. Sinkenden Umsätzen, hohen Kosten für Altersvorsorge und einem schwachen Aktienkurs begegnete der gebürtige New Yorker mit einem harten, aber erfolgreichen Sanierungsprogramm.

Als der Silicon-Valley-Outsider 2005 beim traditionsreichen Drucker- und Computerkonzern HP ankam, war er der etwas biedere Manager in dunklen Anzügen, der nach den turbulenten Jahren unter der deutlich charismatischeren Vorgängerin Carly Fiorina für Ruhe, Wachstum und konstante Gewinne sorgen und HPs Ruf aufpolieren sollte. Hurd begann umgehend, seinen Ruf als drastischer Kostensenker zu festigen um HP wieder flott zu machen. Er begann eine Reihe von Reorganisationen und massiven Stellenkürzungen, die den riesigen Konzern fit für den Wettbewerb mit Rivalen wie IBM und Dell machten. Mit dem Kauf von Unternehmen wie EDS, Mercury Interactive und 3Com baute Hurd HPs Angebote bei IT-Dienstleistungen, Software und Netzwerkausrüstungen aus, der Kauf von Palm sollte HP zum Lieferanten von Handys und Tablets machen. Er steigerte den Jahresumsatz, lieferte ein profitables Quartal nach dem anderen ab und begeisterte lange die meisten Investoren und Analysten.

Die harten Sparmaßnahmen ohne genügend Investitionen in neue Entwicklungen beschädigten jedoch die Innovationskraft, die langfristige Ausrichtung und das Image des Konzerns. Hurd galt vor allem unter Mitarbeitern nicht als Visionär, wenige bescheinigten ihm zum Schluss hin gute Führungsqualitäten. Er hatte Apples Rechnern und Handys für private Anwender, deren Kaufentscheidungen in Unternehmen immer wichtiger wurden, nichts entgegenzusetzen. Der Palm-Kauf war ein Flop, und auch sein größter Zukauf, die gut 13 Milliarden Dollar teure Übernahme von EDS entwickelte sich nicht wie erwartet. Zwei Jahre nach Hurds Abgang schrieb HP 8 Milliarden Dollar auf das Dienstleistungsgeschäft ab.

Auch bei Oracle sorgte der 57-jährige Topmanager mit dem Umbau der riesigen Vertriebsmannschaft für mehr Unruhe, als der Wall Street lieb war. Viele langjährige Top-Leute im Vertrieb wechselten zu Salesforce und anderen Konkurrenten, ganze Teams verabschiedeten sich zu Unternehmen, wo mehr gezahlt wird und der interne Wettbewerb nicht ganz so unerbittlich sein soll wie angeblich unter Hurd. Der neu gekürte CEO hat aber auch mit dem Wandel hin zu Cloud-Diensten zu kämpfen. Er verantwortet zudem das wenig florierende Hardware-Geschäft, das im am Donnerstag vorgelegten Quartal einen Umsatzrückgang von acht Prozent verzeichnete. Ellison und Catz hatten 2009 entschieden, für 7,4 Milliarden Dollar den angeschlagenen Server- und Speichersystemhersteller Sun Microsystems zu kaufen, obwohl dessen Hardwaregeschäft seinen Zenit längst überschritten hatte.

Hurd lebt mit seiner zweiten Frau, einer ehemaligen NCR-Managerin, die er 1990 heiratete, und zwei Töchtern in Atherton. In der Milliardärsgemeinde im Silicon Valley residieren auch Google-Chairman Eric Schmidt, Facebook-Topmanagerin Sheryl Sandberg und HP-Chefin Meg Whitman. Bevor Hurd seinen CEO-Posten bei HP abgeben musste, stand in Paula Hurds LinkedIn-Profil: "Ausgeschieden, aber weiterhin CEO des CEO." Seit Donnerstag trifft das wohl wieder zu.

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