Samstag, 24. August 2019

Blockchain-Strategie "Die Deutschen sind bei der digitalen Bildung nicht mündig genug"

Blockchain ganz greifbar: Die Rückseite einer Bitcoin-Mining-Farm in Saint Hyacinthe (Kanada).

Bis Ende des Sommers will die Bundesregierung die im Koalitionspapier angekündigte Blockchain-Strategie erarbeiten. "Zu spät", sagen die einen, "besser als nichts", die anderen. Für den Blockchain-Experten Gilbert Fridgen reicht das theoretische Papier allein aber nicht.

manager-magazin.de: Herr Professor Fridgen, laut der Plattform chain.de gibt es aktuell 167 Blockchain-Start-ups in Deutschland. Zum Vergleich: in Österreich nur 23. Es scheint, als wären wir gut aufgestellt in Deutschland. Deckt sich das mit Ihrem Eindruck?

Gilbert Fridgen: Definitiv. Vor allem in Berlin ist die Blockchain-Szene wirklich groß. Es ist zwar nicht davon auszugehen, dass alle gegründeten Unternehmen bestehen bleiben, denn der Hype nimmt ab. Aber ein kleiner Teil wird bleiben und der wird entscheidend sein.

Gilbert Fridgen
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    Gilbert Fridgen ist Professor für Wirtschafts-informatik und Nachhaltiges IT Management an der Universität Bayreuth. Seit 2015 beschäftigt er sich mit der ökonomischen Anwendung der Blockchain-Technologie und ist Leiter des Fraunhofer Blockchain Labors.

Dennoch gibt es ja andere Länder, die schon viel weiter sind als wir.

Malta, Estland zum Beispiel - aber man darf auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn man Deutschland mit Ländern ähnlicher Größe und Infrastruktur vergleicht, sind wir auf einem guten Weg.

Das heißt Sie glauben nach wie vor an die Blockchain, obwohl sie von vielen totgesagt wird?

Ja. Durch die Vielfalt der Anwendungsfälle ist eine neue Dimension des Internets entstanden. Ich glaube, dass die Blockchain zwar kurzfristig überschätzt, aber langfristig unterschätzt wird.

Von der Technologie bekommt der Verbraucher aber noch nicht so viel mit.

Das müssen Sie auch nicht. Den Endverbrauchern ist das im Einzelfall nicht bewusst und er wird es auch in Zukunft nicht unbedingt mitbekommen. Aber sie werden es daran merken, dass der Service besser und Anliegen zuverlässiger und sicherer bearbeitet werden. Dass das an der Blockchain liegt, ist für die Verbraucher zweitrangig.

Welche Aufgabe haben Sie bei diesem Prozess?

Unser Aufgabenfeld hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Nachdem wir das Labor 2015 gegründet haben, ging es bei den ersten Workshops vor allem um Fragen, wie zum Beispiel "Was ist die Blockchain und was kann sie uns als Unternehmen bringen?". Das müssen wir mittlerweile niemandem mehr erklären. Jetzt geht es vielmehr um die Bewertung von Konzepten und die Entwicklung von Prototypen.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir arbeiten in unserem Labor beispielsweise mit Ämtern im Bereich Migration oder auch mit Unternehmen aus der Industrie zusammen. Der zuverlässige und schnelle behördenübergreifende Datentausch oder auch sichere Maschine-zu-Maschine-Kommunikation können durch die Blockchain realisiert werden.

Klingt, als würde es die Strategie der Bundesregierung nicht brauchen und sich das Marktgleichgewicht von selbst einstellen.

Sagen wir es mal so: Die Nachfrage könnte stärker sein. Vor allem, wenn man bedenkt, was uns droht, wenn wir uns nicht selbst um das Thema kümmern. Wir sehen es aktuell bei der Datenschutzgrundverordnung. Die ist eigentlich nur eine Reaktion auf 20 Jahre Entwicklung, die nicht unserem Wertesystem entsprach. Wenn wir uns das nicht weiterhin nur einkaufen und nachträglich korrigieren wollen, müssen wir uns selbst in Deutschland darum kümmern. Und deshalb ist es schon wichtig, dass da aus der Politik etwas kommt.

Sie arbeiten ja selbst an der Strategie als Berater mit. Was ist Ihrer Meinung nach entscheidend, ob die Strategie etwas bewirkt?

Naja, nur die Strategie der Bundesregierung reicht natürlich nicht. Aber immerhin hat sie erkannt, dass die Blockchain ein flächendeckendes Potenzial bereithält. Es wäre wünschenswert, dass da auch Investitionen folgen. Sonst wird sich der Bereich nicht im großen Stil weiterentwickeln.

Vorausgesetzt es gibt Investitionen, wo sollten die Ihrer Meinung nach eingesetzt werden?

Das Stichwort ist Bildung. Ohne entsprechende Förderung in Schulen und Universitäten, also dort, wo die Zukunft sitzt, wird das im Sande verlaufen. Es muss nicht unbedingt die Blockchain in den Stundenplan, aber das Handwerk dazu. Also Digitalisierung und Informatik. Auch Weiterbildungsangebote müssen ausgebaut werden. Die Deutschen sind im Bereich der digitalen Bildung bislang nicht mündig genug.

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