Ethische Fragen durch Bioprinting Frankensteins Monster? Das sind wir vielleicht bald selbst

Von Anke Domscheit-Berg
Schädel aus dem 3D-Drucker: Bis 2027 wollen Forscher in der Lage sein, funktionsfähige Augen auszudrucken

Schädel aus dem 3D-Drucker: Bis 2027 wollen Forscher in der Lage sein, funktionsfähige Augen auszudrucken

Foto: REUTERS

Spätestens im Jahr 2027 wollen italienische Forscher in der Lage sein, funktionsfähige Augen zu drucken. Diese Augen aus dem 3D-Drucker sollen aber nicht nur Sehdefizite ausgleichen, sondern weit über die Kapazität menschlicher Augen hinausgehen. "Enhance Your Eye" - abgekürzt EYE - nennen die Forscher ihre Technologie, die einen weiteren Schritt in Richtung Cyborg markiert. Immer häufiger wird künftig Hochtechnologie direkt mit dem Körper verbunden, die Grenze zwischen Mensch und Technik verschwimmt, es stellen sich neue ethische Fragen. Ist es wünschenswert, menschliche Fähigkeiten durch technische Ergänzungen oder Implantate so zu verändern, dass eine individuelle Überlegenheit erzeugt wird? Ist die Verschmelzung von Mensch und Roboter großartig oder gruselig? Wo verläuft die Grenze zwischen medizinisch vertretbarem Nutzen und der Erschaffung potenziell gefährlicher Mensch-Maschinenmonster?

Das Unternehmen MHOX möchte sein 3D-gedrucktes Auge in drei Varianten  anbieten: EYE Heal soll bei Blindheit oder schwerer Krankheit das Sehvermögen wieder herstellen. EYE Enhance soll ein neues Lifestylegefühl durch verschiedene Sehfilter ermöglichen, wie man sie heute schon aus der Fotobearbeitung kennt. Man wirft dann eine spezielle EYE-Pille ein und kann anschließend die Welt zum Beispiel wie einen Schwarz-Weiß-Film betrachten. Das klingt witzig und harmlos - ist es aber nicht, weil schon fehlende Farbsichtigkeit zu Gefahren führen kann. Doch EYE Enhance soll nebenbei auch die Sehfähigkeit deutlich über das menschliche Normalmaß steigern. Wir könnten uns damit also Adleraugen kaufen und dann vielleicht auch aus 20 Metern Entfernung noch Text auf dem Bildschirm eines Dritten lesen, der davon nichts ahnt.

Anke Domscheit-Berg
Foto: fotografa/Berlin

Anke Domscheit-Berg ist Publizistin, Netzaktivistin und Bundestagsabgeordnete. Sie beschäftigt sich mit den disruptiven Potenzialen der beginnenden Dritten Industriellen Revolution. Die ehemalige Managerin von Microsoft Deutschland, McKinsey und Accenture setzt sich für Frauenrechte und Flüchtlinge ein und ist seit 2012 Mitglied einer Denkfabrik der Welthungerhilfe. Als parteilose Abgeordnete wurde sie 2017 auf der Liste der Linkspartei in den Deutschen Bundestag gewählt.

Richtig schwierig wird es beim dritten geplanten Produkt, EYE Advance. Dieses Kunstauge soll zusätzlich alles Gesehene aufzeichnen, speichern und mit Dritten teilen können. Privatdetektive, Stalker, Spione, Ideendiebe aber auch investigative Reporter, Bürgerrechtler, Whistleblower oder eifersüchtige Partner bräuchten sich also keine Gedanken mehr um versteckte Kameras, Kopiermöglichkeiten und ihre Entdeckung zu machen, sie kaufen sich einfach ein EYE Advance, gucken in die richtige Richtung, aktivieren das eingebaute WiFi und übertragen das, was sie sehen - vielleicht auch in irgendeinen Livestream. Das können Menschenrechtsverletzungen sein, aber auch der Nachbar (oder man selbst) beim Sex. Anders als bei Google Glas, das als Brille ähnliche Funktionalitäten anzubieten hatte, wäre beim eingebauten Bioprint-Auge die Gefahr für die Privatsphäre von außen überhaupt nicht mehr erkennbar.

Soll man sich solche Augen einsetzen lassen dürfen? Diese Frage ist relevant. Schon 2013 wurde ein Ohr aus lebenden Zellen in einer Hydrogel-Matrix gedruckt , inklusive einer Miniantenne aus leitfähigen Silber-Nanopartikeln. Das Ergebnis: ein Ohr, das statt im üblichen Frequenzbereich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz selbst Töne im Bereich 1 Megahertz bis 5 Gigahertz wahrnehmen konnte , wenn auch bisher nur als Radiowellen - aber diese lassen sich auch umwandeln in hörbaren Input. (3) Nicht nur unsere vorhandenen Sinne könnten so geschärft werden, wir könnten uns jede Menge weiterer Sinne verschaffen, etwa durch Sensoren, die mit 3D gedruckten Organen unsere körperlichen Fähigkeiten erweitern.

Die meisten von uns werden vermutlich noch erleben, wie immer mehr Körperteile druckbar werden. Das klingt ein wenig nach Frankenstein, aber für viele Kranke wird dieses Additive Manufacturing lebensrettend sein. Bis zur transplantierfähigen gedruckten Niere aus eigenem Zellmaterial soll es nur noch 20 Jahre dauern, die einfacheren biogedruckten Herzen  erwartet man in etwa zehn Jahren. Eine Welt, in der Menschen nicht mehr sterben müssten, nur weil es kein Spenderorgan rechtzeitig für sie gab, wäre zweifellos eine bessere. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation stehen allein in Deutschland mehr als 10.000 Patienten auf einer Warteliste für ein Spenderorgan. Allein auf eine Niere warten dreimal so viele Menschen, wie Organe vermittelbar sind, die durchschnittliche Wartezeit beträgt mehr als fünf Jahre - viele Kranke überleben die Wartezeit nicht .

3D-Druck von Knochen

Beim Organersatz stellen sich dann ganz andere ethische Fragen. Nicht die, ob es legitim ist, einem ansonsten sterbenden Menschen ein neues Organ und damit ein längeres Leben zur Verfügung zu stellen. Aber etwa die Frage danach, ob es ein Patent auf gedruckte Organe geben darf und welche Kriterien dann darüber entscheiden, wer ein solches Organ erhalten darf und wer nicht. Darf ein Copyright schwerer wiegen als das Recht eines Menschen auf Leben? Müssen künftig arme Menschen sterben, weil sie aufgrund ausschließlich künstlicher Verknappung eine eigentlich unbegrenzt verfügbare Ressource nicht kaufen können? Sollte man Druckrezepte für lebenswichtige Organe verstaatlichen dürfen? Die Kosten für die Technologie werden jedenfalls beherrschbar sein, denn schon jetzt haben Forscher mit einem konventionellen Drucker, einem MakerBot, Embryoherzen und Koronararterien gedruckt . Diese ethischen Fragen finden sich nirgendwo in aktuellen Diskursen, dabei können wir gar nicht schnell genug damit anfangen, sie zu debattieren. Gerade jetzt werden in Europa die Richtlinien für ein neues Copyright geschmiedet. Sie sollen dann wieder für 20 bis 30 Jahre halten. Bisher gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass solche Fragen darin berücksichtigt sind, obwohl wir keineswegs noch 20 Jahre Zeit haben, um die Antworten darauf zu finden.

Längst revolutioniert das Bioprinting die Medizin. Immerhin gibt es dabei auch Entwicklungen, die bisherige ethische Probleme lösen helfen. So dienen gedruckte menschliche Organzellen in Testlaboren schon als Ersatz für Tierversuche  bei der Erforschung neuer Behandlungsmethoden. Auch die Kosmetikindustrie engagiert sich längst im Feld gedruckter Haut aus Lebendzellen , um besser damit als mit gequälten Lebewesen neue Produkte zu testen. Innovationen im Bioprinting kommen wieder vor allem aus Laboren in den USA oder China. Im Auge behalten sollte man jedoch das Freiburger Universitätsklinikum, an dem der gleichzeitige 3D-Druck von Knochen mit den sie versorgenden Blutgefäßen  entwickelt wird. Auch das wäre ein Quantensprung im Druck menschlicher Ersatzteile. Wenn dann noch eines Tages das in Bayreuth und Würzburg entwickelte Hydrogel auf Basis von Spinnenseide wie geplant für gedruckte Organe eingesetzt werden kann, sind wir unserer Unsterblichkeit wieder einen Schritt näher gekommen. Oder auch den Frankensteinmonstern - je nach Blickwinkel.

Anke Domscheit-Berg ist Unternehmerin, Publizistin und Netzaktivistin. Sie ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de.

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