Donnerstag, 27. Juni 2019

Online-Gebrauchtwagenmarkt Gebrauchtwagenportal Auto1 greift Scout24 und Mobile.de an

Fertig zum Abtransport: Der Online-Gebrauchtwagen-Marktplatz Auto1 will mit neuen Produkten und der Öffnung seiner Plattform "wirkaufendeinauto.de" für Profi-Autohändler verstärkt wachsen

Europas größter Gebrauchtwagenhändler Auto1 hat im vergangenen Jahr seine Erlöse um rund ein Drittel gesteigert - wuchs damit aber langsamer als im Vorjahr. Nach gescheiterten Übernahmegesprächen zu Jahresbeginn will Auto1 jetzt Autoscout24 und Mobile.de angreifen - unter anderem mit einer neuen Plattform.

Als der japanische Technologie-Investor Softbank im Januar vergangenen Jahres bei dem Online-Gebrauchtwagen-Startup Auto1 ("wirkaufendeinauto.de") einstieg, katapultierte der Deal die Berliner Firma mit einem Schlag zu einem der wertvollsten Technologie-Start-ups in Europa. Die Beteiligung von 460 Millionen Euro ließ den Wert des Unternehmens auf rund drei Milliarden ansteigen.

Am notwendigen Geld für Wachstumsinvestitionen in Europa fehlt es also nicht. Dennoch schließen die Gründer Hakan Koç (34) und Christian Bertermann (34) nach wie vor einen Börsengang in Zukunft nicht aus, wie Bertermann am Mittwoch dem englischsprachigen Dienst von Reuters sagte.

Das Wachstum des in mehr als 30 Ländern tätigen Gebrauchtwagenverkäufers hat sich im vergangenen Jahr abgeschwächt. Die Erlöse seien zwar um 32 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro geklettert. 2017 hatte Auto1 allerdings noch ein Umsatzplus von 47 Prozent erzielt.

Profitabel in Deutschland, Verlust auf Konzernebene

Obwohl das Unternehmen in Deutschland sein Geschäft profitabel betreibe, hätten Investitionen in andere Märkte auf Konzernebene zu einem Verlust geführt. Über die Höhe des Verlustes machte Bertermann keine Angaben, erklärte aber: "Im Kernmarkt Deutschland sind wir profitabel. In den anderen Ländern investieren wir, um unser Wachstum zu finanzieren."

So hat Auto1 im vergangenen Jahr sein Händlernetz in Europa um 57 Prozent auf mehr als 55.000 gesteigert . Parallel habe die Ankaufsplattform wirkaufendeinauto.de die Zahl der Filialen europaweit auf 400 ausgebaut, wo Privatkunden ihre Fahrzeuge verkaufen können.

Anders als die Vermittlerportale Mobile.de und Autoscout24.de kauft Auto1 die Fahrzeuge mithilfe seiner Fahrzeugpreisdatenbank auf, um binnen Minuten ein Angebot errechnen zu können. Dann verkauft das Unternehmen die Wagen für eine Provision an einen seiner Händler weiter. Auf diesem Wege wechselten im vergangenen Jahr 540.000 Autos ihren Besitzer, wie der Unternehmensgründer weiter erklärte.

Auto1 kaufte und verkaufte 540.000 Autos im vergangenen Jahr

Angesichts eines möglichen Konzentrationsprozesses in der Branche will und muss Auto1 weiter wachsen. So kündigte Bertermann gegenüber Reuters an, eine Retail-Plattform ins Leben zu rufen, um es mit der Autosparte des Marktplatzbetreibers Scout24 oder dem Rivalen mobile.de von Ebay aufnehmen zu können. Details dazu nannte er nicht.

Dieser Vorstoß dürfte auch die Folge eines fehlgeschlagen Übernahmeversuchs sein: Wie Bertermann gegenüber Reuters bestätigte, war Auto1 an einer Übernahme von Autoscout24 interessiert und hatte mit dem Marktplatzbetreiber Scout24 Anfang des Jahres darüber Gespräche geführt - ohne Erfolg allerdings.

Mehr Wachstum und Größe verspricht sich Auto1 auch von der im Februar erfolgten Öffnung seiner Endkonsumenten-Plattform wirkaufendeinauto.de für professionelle Gebrauchtwagenhändler. Nach einer Testphase, für die sich die Händler registrieren müssen, soll eine "geringe" erfolgsorientierte Pauschale pro Kundenanfrage fällig werden.

Plattform wirkaufendeinauto.de für Profi-Händler geöffnet

Umgekehrt sollen die Gebrauchtwagenhändler ihre Reichweite für ihr eigenes Geschäft deutlich erhöhen können. Laut Auto1 steht wirkaufendeinauto.de "mit Millionen von Autobesitzern pro Monat in Kontakt".

Auto1 ist im vergangenen Jahr auf dem Online-Gebrauchtwagenmarkt also noch kräftig gewachsen - einem Markt, wo die Akteure allerdings klar auf Konsolidierung setzen. So hatte Scout24-Chef Tobias Hartman erst am Dienstag erklärt, im Zuge einer möglichen eigenen Übernahme durch Finanzinvestoren selbst Interesse an einer Übernahme des ungleich größeren Wettbewerber Mobile.de zu haben.

Die Kleinanzeigen-Sparte des US-Branchenriesen Ebay, zu der das deutsche Auto-Portal gehört, sei "ein konkretes Beispiel, was wir uns vorstellen könnten", hatte Hartmann erklärt. "Wir schauen uns das an." Nur die größten Anbieter hätten auf dem Markt für Online-Anzeigen künftig eine Chance.

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