Steuern auf Cash-Reserven Apples 210-Milliarden-Dollar-Problem

13 Milliarden Euro Steuern plus Zinsen soll Apple an Irland nachzahlen, fordert die EU-Kommission. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf Apples riesiges Steuerproblem: Apples Cash-Reserven von 230 Milliarden Dollar könnten schon bald dramatisch schrumpfen.
Apple-Chef Tim Cook: Es ist "nicht smart", so viel Geld im Ausland zu halten. Apples Cash-Reserven könnten schon bald von 230 Milliarden auf unter 100 Milliarden Dollar fallen

Apple-Chef Tim Cook: Es ist "nicht smart", so viel Geld im Ausland zu halten. Apples Cash-Reserven könnten schon bald von 230 Milliarden auf unter 100 Milliarden Dollar fallen

Foto: Getty Images

Die Worte von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager dröhnen in Apples Konzernzentrale im kalifornischen Cupertino wie Donnerhall. Apple habe für die Jahre 2003 bis 2014 in Irland unerlaubte Steuervergünstigungen in Höhe von 13 Milliarden Dollar erhalten, so Vestager - und diese Summe soll Apple nun plus Zinsen zurückzahlen.

Dass Apple  gegen diese Entscheidung vor Gericht ziehen wird und auch Irland sich gegen den Milliardensegen erbittert wehrt (man will schließlich nicht den Ruf eines Steuerparadieses verlieren), spielt nur eine untergeordnete Rolle. Und selbst wenn die EU ihre Position nach einem jahrelangen Rechtsstreit durchsetzen sollte, wäre eine Zahlung von 15 bis 20 Milliarden Euro (inklusiv Zinsen) für Apple noch verkraftbar.

Doch für Apple geht es um mehr als um eine Zahlung von 15 bis 20 Milliarden Euro an das Steuerparadies Irland. Es geht darum, welche Steuerlast auf Apples riesigen Geldberg - Apple hortet 230 Milliarden Dollar, davon rund 210 Milliarden Dollar auf ausländischen Konten - letztlich anfallen wird.

Der iPhone-Konzern besitzt nominell die höchsten Cash-Reserven der Unternehmenswelt. Doch diese könnten binnen kurzer Zeit um mehr als die Hälfte schrumpfen.

Cash-Reserven könnten auf 75 Milliarden Dollar fallen

Die Rechnung geht so: Apple besitzt aktuell Cash-Reserven von rund 230 Milliarden Dollar. Rund 90 Prozent davon - also rund 210 Milliarden Dollar - liegen auf ausländischen Konten, die zum Teil noch nicht oder nur zu einem geringen Satz versteuert sind. Macht die heutige Entscheidung der EU-Kommission Schule, dürfte die Zahl der Prozesse um Steuernachzahlungen und um unerlaubte Beihilfen zunehmen - kurzum, selbst wenn die Summe der Steuernachzahlung nicht weiter steigen sollte, bekommt Apple immer mehr Ärger mit seinem Geldberg im Ausland.

Um das Problem zu lösen, könnte Apple  das im Ausland verdiente Geld in die USA transferieren - doch dann würden laut aktueller US-Steuergesetzgebung zwischen 35 und 40 Prozent Steuern darauf fällig. Die Cash-Reserven im Ausland würden also von 210 Milliarden Dollar auf rund 135 Milliarden Dollar schrumpfen. Hinzu kommen rund 20 Milliarden Dollar Cash, die Apple bereits in den USA versteuert hat: Das ergibt versteuerte Geldreserven von rund 155 Milliarden Dollar.

Damit würde Apple riesiger Geldberg um rund ein Drittel schrumpfen, doch im Gegenzug gewinnt der Konzern wieder strategischen Freiraum. Die versteuerten Milliarden sind für Apple dann wieder weltweit für Investitionen oder Übernahmen einsetzbar.

Rund 80 Milliarden Dollar Schulden

Den dann "freien" 155 Milliarden Dollar Cash stehen jedoch rund 80 Milliarden Dollar Schulden gegenüber. Apple hat in den vergangenen drei Jahren kurz- und langlaufende Anleihen am Kapitalmarkt begeben, um sein riesiges Aktienrückkauf- und Dividendenprogramm zu finanzieren.

Da mit den zuletzt sinkenden iPhone-Verkäufen auch die Wachstumsstory des Konzerns Risse bekommen hat, muss Apple-Chef Tim Cook seine Aktionäre auf andere Weise bei Laune halten: Für die Zahlung von vierteljährlichen Dividenden sowie für Rückkäufe der eigenen Aktien gibt Apple derzeit rund 50 Milliarden Dollar pro Jahr aus. Der Konzern ist zwar nach wie vor hochprofitabel, doch ohne Anleihen, sprich Schulden, lässt sich ein Programm dieser Größenordnung kaum finanzieren.

Abzüglich der 80 Milliarden Dollar Schulden verbleiben Apple dann noch rund 75 Milliarden Dollar. Das sind immer noch gewaltige Cash-Reserven, doch der riesige Geldberg von angeblich 230 Milliarden Dollar, der auch von Analysten immer mal wieder als Kaufargument für die Apple-Aktie angeführt wird, würde bei dieser Betrachtung um mehr als zwei Drittel schrumpfen.

Doch so weit will es Apple-Chef Cook nicht kommen lassen, wie sein heutiger Brief an die Apple-Community zeigt.

Apple beschwert sich schriftlich - und jammert über die armen Talente in Irland

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Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich Unternehmen wie Apple und Google seit Jahren dafür stark machen, dass ihnen die US-Steuerbehörden mit einem günstigeren Steuersatz entgegenkommen und auf diese Weise die Rückführung der Auslandsgewinne erleichtern. Es sei "nicht smart", hatte Cook bereits vor Monaten zugegeben, so viel Geld im Ausland zu bunkern . Viel lieber würde er einen - selbstverständlich niedrigen - Steuersatz in den USA zahlen, um das Geld anschließend wieder in den USA und weltweit zu investieren - "fließen zu lassen", wie Cook es nennt. Auf kritische Fragen zum Thema Steuersparmodelle blieb Cook in der Vergangenheit eher schmallippig.

Umso wortreicher beschwert sich Apple-Chef Cook nun in einer recht schwülstig geratenen "Nachricht an die Apple Community in Europa " über die Entscheidung der EU-Kommission. Apple habe 1980 im irischen Cork eine Fabrik erbaut, schreibt Cook in dem Brief, den er stimmungsvoll mit einer Schwarzweiß-Fotografie: von Steve Jobs ibei einem Besuch in Cork unterlegt. Dass dabei die niedrigen Steuersätze eine Rolle gespielt hätten, weist Apple weit von sich. Nein, zu dieser Zeit habe Irland "unter hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Investitionen gelitten" - und die Apple-Führung habe schlicht "die Talente in dieser irischen Region" erkannt.

Verhalten der EU-Kommission "beispiellos"

Viele multinationale Konzerne seien dem leuchtenden Beispiel Apples gefolgt und hätten in Irland investiert, so Cook - und heute sei die Region Cork "stärker als jemals zuvor". Der Leser lernt: Den Konzernen, die Apples Beispiel folgten, wollten gar nicht Steuern sparen, sie wollten einfach nur helfen.

Umso hinterhältiger erscheint dem Apple-Chef nun das Verhalten der EU-Kommission. Es sei "ohne Beispiel" und habe "weit reichende Folgen". Die Kommission wolle Apples Geschichte in Europa "neu schreiben" und damit Irlands Steuergesetze ignorieren: Bei dieser Gelegenheit verweist Cook auch darauf, dass die Regierung in Dublin die Steuer-Nachzahlung in Höhe von 13 Milliarden Euro gar nicht haben will.

Dass Apple , ebenso wie Google  oder Amazon , auf seine in Europa erzielten Milliardengewinne kaum Steuern zahlt und in der Vergangenheit den Steuerwettbewerb der EU-Staaten geschickt ausgenutzt hat, lässt Cook unerwähnt. Nach Berechnungen der EU-Kommission lag der irische Steuersatz des iPhone-Herstellers im Jahr 2003 lediglich bei einem Prozent - und sank bis zum Jahr 2014 auf 0,005 Prozent: Das sind 50 Euro Steuern auf eine Million Euro Gewinn. "Wenn mein Steuersatz auf 0,005 Prozent sinken würde", sagte EU-Wettbewerbskommissarin Vestager dazu, "hätte ich das Gefühl, dass ich meinen Steuerbescheid noch einmal prüfen sollte."

Steuern auf multinationale Konzerne zu erheben, sei halt eine komplexe Sache, schreibt der Apple-Chef in seinem Brief an die Community. Er muss es wissen.

Auch Washington beschwert sich über Brüssel

Doch auch bei den US-Finanzbehörden ist der Ärger über die Entscheidung der EU-Kommission groß. Mit gutem Grund: Steuern, die Apple oder Google in der EU möglicherweise bald nachzahlen müssen, dürften im Fall einer Rückführung in die USA dann mit der US-Steuerlast verrechnet werden. Sie fließen also nicht mehr in die US-Staatskasse. Auch das US-Finanzministerium zeigt sich deshalb von der Brüsseler Entscheidung irritiert. Washington wirft der EU-Kommission vor, als eine Art übernationale Steuerbehörde zu agieren.

Doch EU-Kommissarin Vestager zeigt sich entschlossen - gegenüber Apple , gegenüber Washington und auch gegenüber der irischen Regierung. "Apple hat über viele Jahre erheblich weniger Steuern zahlen müssen als andere Unternehmen", so die EU-Wettbewerbskommissarin. Nach den EU-Beihilfevorschriften sind gezielte Steuervorteile für einzelne Unternehmen unzulässig - und Brüssel setzt nun ein Signal, dass EU-Länder einzelne Unternehmen wie Apple nicht bevorzugen dürfen.

Bleibt die EU-Kommission bei dieser Linie, dürfte Apples Geldberg von mehr als 200 Milliarden Dollar schon bald Geschichte sein.

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