Freitag, 20. September 2019

Beschwerde bei der EU eingereicht Warum Spotifys Attacke für Apple zum echten Problem werden kann

Apple-CEO Tim Cook spricht im Oktober 2018 im Europäischen Parlament in Brüssel

Es ist selten, dass ein Unternehmen so öffentlich einen Konkurrenten anfeindet. Der Musikstreamingdienst Spotify hat nicht nur bei der Europäischen Union (EU) Beschwerde gegen Apple eingereicht. Das schwedische Unternehmen hat außerdem eine ausführliche Zeitleiste veröffentlicht, wie Apple den Musikdienst benachteiligt haben soll. "Fünf Fakten" über Apples wettbewerbswidriges Verhalten wurden ins Netz gestellt und ein Kommentar des Spotify-Gründers und -CEOs Daniel Ek verbreitet - zu finden unter der URL "timetoplayfair.com".

Den Zeitpunkt für den Aufschlag gegen den iPhone-Konzern hat Spotify Börsen-Chart zeigen geschickt gewählt. Nach Facebooks Skandaljahr 2018 stehen Techkonzerne prominent in der Kritik. Die Forderung, die Giganten aufzuspalten und ihre marktbeherrschenden Positionen zu brechen, wird immer lauter.

Gleichzeitig gibt es mehr und mehr Gegenvorschläge. Erst am Mittwoch veröffentlichte eine Expertengruppe unter dem früheren Chefökonomen des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, Jason Furman, im Auftrag der britischen Regierung ein 150-seitiges Papier. Die Macher raten von Aufspaltungen ab und empfehlen Regeln, die den Wettbewerb befeuern sollen. Hinderliches Gebaren der wichtigsten digitalen Plattformen solle beispielsweise begrenzt, strukturelle Nachteile abgebaut werden. Eine Überlegung ist, Nutzern die Kontrolle über ihre Daten zurückzugeben, sodass sie leicht den Anbieter wechseln können.

Szenarien, die für die Techplayer unangenehm werden könnten. Apple Börsen-Chart zeigen leidet unter den sinkenden Verkaufszahlen des iPhones, das für den Großteil des Umsatzes sorgt. CEO Tim Cook (58) hat sich bei seiner Preispolitik der Luxus-Smartphones verkalkuliert: Die Geräte sind so teuer, dass selbst Apple-Jüngern die Kauflust vergangen ist. Mehr Geld soll nun unter anderem durch Services in die Kassen fließen. Die Analysten von Morgan Stanley trauen Apple zu, den Umsatz in dem Segment bis 2023 fast zu verdreifachen - auf 100 Milliarden Dollar.


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In den Strategieschwenk passt es Cook gar nicht, dass sich Unternehmen wie Spotify, aber auch der Streamingdienst Netflix gegen die Gebühren im App Store stellen. Die Anbieter müssen im ersten Jahr 30 Prozent des Abopreises an Apple abgeben. Ab dem zweiten Jahr werden monatlich 15 Prozent fällig. Beide Firmen bieten ihren Nutzern mittlerweile gar nicht mehr an, Abos via App Store abzuschließen.

Sollte Apple aufgrund neuer Regulierungen seine Provision pro Kauf von 27 Prozent auf beispielsweise 15 Prozent senken müssen, würde es den Konzern im nächsten Jahr etwa acht Milliarden Dollar Umsatz und 1,25 Dollar Gewinn pro Aktie kosten, sagte Nomura-Instinet-Analyst Mark Kelley zum US-Medium "Business Insider" (kostenpflichtig).

In der offiziellen EU-Beschwerde von Mittwoch wirft Spotify dem US-Konzern konkret missbräuchliches Verhalten in dem Store vor. Apple schränke Konkurrenten des eigenen Musikdienstes Apple Music auf unfaire Weise ein. Der Hauptvorwurf: Spotify sei 2014 dazu gedrängt worden, Apples Bezahlsystem für In-App-Käufe zu nutzen. Die 30-prozentige Gebühr, die Spotify dafür an Apple zahlen muss, habe dazu geführt, dass Spotify den Monatspreis für den Premiumdienst von 9,99 auf 12,99 Euro habe erhöhen müssen. Und das gerade, als Apple Music 2015 zu einem Preis von 9,99 Euro an den Start gegangen sei.

Als Spotify dann aufgehört habe, Apples Kaufsystem zu nutzen, sei man weiter benachteiligt worden. Kunden seien etwa dabei eingeschränkt worden, kostenpflichtige Pakete hinzu zu buchen. Außerdem habe der US-Konzern Spotify von Apple-Produkten wie der Assistenzsoftware Siri, dem vernetzten Lautsprecher HomePod und der Computer-Uhr Apple Watch ferngehalten.

Apple hingegen weist zurück, unfairen Wettbewerb zu betreiben. "Hinter der Rhetorik verbirgt sich das Ziel von Spotify, mehr Geld aus der Arbeit anderer zu machen", kritisierte der US-Konzern in einer Antwort am Freitag.

"Wir nehmen das sehr ernst"

Apple begann spät damit, einen eigenen Musikstreamingdienst zu entwickeln. Der Konzern hat zwar eine große Nutzerbasis aufbauen können, liegt aber noch deutlich hinter Spotify. Die Schweden betreiben weltweit den größten Musikstreamingdienst mit 96 Millionen zahlenden Abokunden im vergangenen Quartal. In den drei vorangegangenen Monaten war Spotify schnell gewachsen und hatte neun Millionen neue zahlende Nutzer gewonnen. Zusammen mit der Gratisversion kommt Spotify auf mehr als 200 Millionen User. Dem gegenüber steht Apple Music als Nummer zwei im Markt: Nach eigenen Angaben hat der Konzern zuletzt mehr als 50 Millionen zahlende Kunden, eine kostenlose Version gibt es nicht.

In dem aufgeheizten politischen Umfeld reagierte die EU schnell auf Spotifys Beschwerde. Die Wettbewerbsbehörde werde genau prüfen, ob Apple eine marktbeherrschende Stellung zugeschrieben werden könne. "Wir nehmen das sehr ernst, hieß es von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager am Donnerstag auf einer Kartellkonferenz in Berlin. "Wir haben eine Plattform, die Kunden zu verschiedenen Anbietern leitet, und dann beginnt die Plattform, solche Geschäfte selbst zu machen, also selbst zum Anbieter zu werden", sagte Vestager weiter. Das sei ein Muster, das man bei der Behörde schon kenne. "Und es betrifft eine Kernfrage des Wettbewerbsrechts, nämlich wie geht man mit Internetplattformen um?"

Die EU-Kommission hatte 2017 beispielsweise ein Bußgeld von 2,42 Milliarden Euro gegen Google verhängt, weil Google aus Sicht der Wettbewerbshüter Preissuchmaschinen benachteiligt hatte - zum Vorteil seiner eigenen Shopping-Suche.

Für Apple dürfte es schwierig werden, sollten die Verdienstchancen durch die Gebühren per Gesetz dauerhaft beschnitten werden. Es sieht so aus, als wären die schwächelnden iPhone-Verkäufe nicht Tim Cooks einzige Sorge.

Mit Material von Reuters, dpa

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