Freitag, 19. Juli 2019

Apples hausgemachte Probleme Wie Apple den Kaufanreiz für neue iPhones senkt

Verkauf von iPhones in Berliner Apple Store

Apple-Chef Tim Cook hat Aktionäre vor Absatzschwächen gewarnt. Die Schuld wird dem schwächelnden Markt in China zugeschoben. Aber der Konzern tut sich auch aus anderen Gründen schwer.

In einem Brief an Investoren hat Apple-Chef Tim Cook erklärt, dass der Konzern seine Umsatzprognose nicht erreichen wird. Schuld daran sei vor allem der schwächelnde Markt in China. Doch ist das nicht Apples einziges Problem. Ein anderes hatte Cook in seinem Schreiben selbst angesprochen, als er schrieb, dass "manche Nutzer sich die deutlich reduzierten Preise für Austauschbatterien zunutze gemacht" haben.

Nach Klagen von zwei iPhone-Besitzern hatte der Konzern Ende 2017 bestätigt, eine Art Softwarebremse in die Geräte eingebaut zu haben. Die Begründung dafür war schlüssig: Wenn sie altern, verlieren Akkus langsam einen Teil ihrer Leistungsfähigkeit. Wenn dann aber der Prozessor des Smartphones für eine bestimmte Aufgabe besonders viel Energie braucht, kann es passieren, dass sich das Gerät spontan abschaltet.

Apples Bremse sollte das verhindern. Wenn die Software feststellte, dass der Akku nicht mehr volle Leistung bringt, wurde der Prozessor soweit gedrosselt, dass er den Stromspeicher nicht mehr mit Leistungsspitzen überfordern konnte. Eigentlich eine gute Idee - hätte Apple seinen Kunden davon erzählt.

Für die Nutzer schien es jedoch so, als würde das Gerät aus unerfindlichen Gründen immer langsamer werden - was es ja auch tat. Irgendwann wird ein solches iPhone fast unbenutzbar und man denkt unweigerlich über den Kauf eines Nachfolgemodells nach, um die Misere zu beenden.

Akkutausch für weniger Geld

Auf die Kritik an dieser Technik reagierte der Konzern nicht nur mit Erklärungen, sondern auch mit dem Angebot: Bis Ende 2018 konnte man altersschwache Akkus für 29 Euro statt der bis dahin geforderten 89 Euro bei Apple austauschen lassen - ein Angebot, das offenbar Millionen Kunden wahrgenommen haben und mit dem alte iPhones wie das iPhone SE oder das iPhone 6 wieder flottgemacht wurden.

Manche Geräte wurden wohl wieder so flott, dass der Wunsch nach einem Neugerät bei vielen Besitzern vorläufig auf Eis gelegt wurde. Zumal selbst noch auf einem mehr als fünf Jahre alten iPhone 5s die neueste Betriebssystem-Version iOS 12 läuft. Und sie wiederum bewirbt Apple damit, dass sie auf alten iPhones viel schneller läuft als ihr Vorgänger: So soll beispielsweise die Kamera um bis zu 70 Prozent schneller starten.

Wenn nun aber das alte iPhone gerade durch Akkutausch und iOS-Update besser und schneller geworden ist, warum sollte man dann ein neues kaufen?

Gründe dafür könnte es viele geben. Die Gesichtserkennung der neuen iPhone-Modelle ist sicherer als die Fingerabdrucksperre der alten Geräte, ihre Prozessoren sind schneller, man kann sie kabellos aufladen und auch mal ins Wasser fallen lassen, ohne dass sie Schaden nehmen. Außerdem wurden die Bildschirme verbessert, die Speicherkapazitäten erhöht und etliche Details verbessert. Und natürlich wurden auch die Kameras besser, auch wenn das iPhone XR auf dem Datenblatt noch dieselben 12 Megapixel wie ein iPhone 6s hat.

Und deshalb wechseln?

Viele iPhone-Nutzer dürften das alles aber wenig aufregend finden. Wer sein Smartphone primär zum Chatten und Fotografieren benutzt, ab und zu eine App verwendet oder ein Spiel spielt und ein paar Tausend Musiktitel mit sich herumträgt, braucht kein Highend-Modell.

Viele der Neuerungen, mit denen Apple seine Geräte in den vergangenen Jahren verbessert hat - so wie die drahtlose Ladefunktion und der größere Farbumfang der Bildschirme - sind für Vielnutzer echte Highlights, Gelegenheitsanwendern aber oft nicht wichtig genug.

Natürlich ist auch das liebe Geld ein Grund dafür, weshalb viele Kunden zögern, sich beispielsweise ein neues iPhone Xs zu kaufen. Schließlich muss man dafür mindestens 1149 Euro, mit der Topausstattung sogar 1549 Euro bezahlen. Das sind Preise, bei denen nicht nur Apple-Fans in Schwellenländern wie China und Indien, sondern auch die meisten in den westlichen Industrienationen mit spitzem Stift rechnen müssen, ob sie sich diesen Luxus leisten können.

Verschärft wird das Preisproblem dadurch, dass viele Mobilfunkprovider die Subventionen, mit denen sie neue Smartphones an treue oder neue Kunden verkaufen, drastisch zusammengestrichen haben.

Apples iPhone-X-Problem

Und dann ist da noch das iPhone-X-Problem. Mit diesem Modell hat Apple das iPhone 2017 quasi neu erfunden und vieles verbessert, was verbesserbar war. Außerdem wurde ein Prozessor eingebaut, dem Testprogramme wie Geekbench noch heute mehr Leistung attestieren als selbst den besten Android-Smartphones. In den iPhones 8 und 8 Plus, die zusammen mit dem X präsentiert wurden, steckt derselbe Chip.

Wer eines der Ende 2017 vorgestellten Modelle besitzt, muss sich also mittelfristig keine Sorgen zu machen, leistungsmäßig nicht mehr mitzukommen. Derzeit dürfte es nur wenige Apps geben, die die Leistung der aktuellen Apple-Prozessoren A11 und A12 wirklich ausnutzen. Die Zahl der Umsteiger von einem iPhone X auf das neueste Modell Xs dürfte entsprechend gering sein.

Für Apple ist die Leistungsfähigkeit seiner eigenen Prozessoren damit Fluch und Segen: Aktuelle iPhones können, gerade in neuen Bereichen wie Augmented Reality, mehr und anspruchsvollere Aufgaben erledigen als alle anderen Smartphones. Damit ist die Leistung derart hoch, dass es zumindest aus der Perspektive von Nutzern der Vorjahresmodelle kaum einen Grund gibt, auf die neuen Versionen aufzurüsten. Schlechtere iPhones zu bauen, wäre für Apple freilich auch keine Lösung.

Billigere Modelle allerdings, für Kunden mit geringeren Ansprüchen und schmalerem Portemonnaie als die Stammkundschaft, könnten zumindest ein Teil der Lösung sein. Ein solches Gerät hatte der Konzern schon einmal im Angebot, das iPhone SE. Jetzt wäre der wohl richtige Zeitpunkt für eine Neuauflage des Einsteiger-iPhones mit aktueller Technik.

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