Erfolgsdelle Die Innovationsmaschine Apple stottert

Apple hat seit dem Tod von Steve Jobs solide gewirtschaftet. Doch für Neuentwicklungen fehlen dem Konzern inzwischen die Fähigkeiten des Gründers, seine Mannschaft zu technologischen Höchstleistungen zu peitschen. Das schlägt sich bereits in der Bilanz dieses Jahres nieder.
Von Kristian Klooß
Er wies den Weg: Der inzwischen verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs

Er wies den Weg: Der inzwischen verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs

Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Hamburg - Über Jahre war Apple von einem Geist geprägt, den der Konzern seinem Mitgründer Steve Jobs verdankte. Eine Fähigkeit, die später sogar eine eigene Bezeichnung bekam. Sie seien in ein "reality distortion field" gezogen worden - eine Aura der Wirklichkeitsverzerrung.

So beschrieben jene Entwickler, die Anfang der Achtziger Jahre an Apples Macintosh mitarbeiteten, die Fähigkeit Jobs, Dinge geschehen zu lassen, die allen anderen unmöglich erschienen. Im Fall des vollkommen neu entwickelten Macintosh-Rechners war es die für Jobs' Umfeld absurd anmutende Vorgabe, das Gerät innerhalb von Monaten im Januar 1982 fertig zu stellen - was gelang.

Eine bekannte Anekdote rankt sich auch um den ersten iPod. Als ein Entwicklerteam den Musikspieler vorstellte, habe Jobs gesagt, das Gerät müsse kleiner sein. Als die Entwickler entgegneten, dies sei nicht möglich, habe Jobs den iPod in ein Aquarium in seinem Büro geworfen. Als dieser sank und Blasen aufstiegen, soll er gesagt haben: "Seht ihr, da ist noch Luft drin." Sofort machten sich die Entwickler wieder an die Arbeit.

Ende der Wirklichkeitsverzerung - Zittern vor den Zahlen

Knapp zwei Jahre nach dem Tod des Konzernsgründers wird immer deutlicher, dass die Zeit der Wirklichkeitsverzerrung á la Steve Jobs vorbei ist. Statt dessen hat die Realität den Konzern eingeholt.

Die Quartalszahlen, die Apple-Chef Tim Cook am späten Dienstagabend in Cupertino präsentiere, sind erstmals seit dem rasanten Wiederaufstieg Apples schwächer ausfallen als die Zahlen des Wettbewerbers Samsung . Apple hat im dritten Quartal 22 Prozent weniger Gewinn erwirtschaftet, der Umsatz stagnierte. Der Konzern verkaufte mehr iPhones, aber weniger iPads und Mac-Computer. Besserung scheint nicht in Sicht: Apple  hat derzeit ein Innovationsproblem.

Beispiel Apple Maps: Nach der Veröffentlichung des eigenen Kartendienstes im vergangenen Herbst hagelte es Kritik - Websites über die Darstellungsfehler schossen wie Pilze aus dem Boden. Konzernchef Tim Cook musste sich bei den Kunden entschuldigen, der für mobile Software zuständige Manager Scott Forstall musste gehen. Bis heute ist der Konzern um Besserung bemüht.

Beispiel iWatch: Die Smartwatch gilt als überfällig. Schon im Februar hatte die - nicht für wilde Spekulationen bekannte - Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, dass ein Team aus mehr als hundert Entwicklern an dem Gerät arbeite und "über die Experimentierphase hinaus" sei. Zudem hatte Cook sich Ende Mai auf der Konferenz "AllthingsD" noch euphorisch über die Möglichkeiten rund um Technik "am Handgelenk" geäußert.

Verhandlungen stocken, Zulieferer bocken

Doch die Fangemeinde wartet noch immer. Es gebe Probleme, die die Apple-Mitarbeiter bislang nicht hätten lösen können, zitierte die "Financial Times" jüngst Unternehmenskenner. Ein Marktstart sei, Stand heute, erst im Herbst 2014 möglich. Um das Projekt zu forcieren, suchen die Kalifornier derzeit angeblich "aggressiv" nach neuen Entwicklern.

Beispiel iTV: Noch länger als auf die iWatch warten Apple-Jünger auf die letzte große Innovation, die noch maßgeblich von Steve Jobs vorangetrieben worden war: den iTV. Über diesen Apple-Fernseher wird spekuliert, seit Jobs in seiner 2011 veröffentlichten Biografie mit dem Satz "I finally cracked it", zitiert wurde. Geknackt haben wollte Jobs laut seines Biografen Walter Isaacson das Problem einer einfachen und eleganten Bedienung von Fernsehgeräten.

Das Problem: Auch dieses Projekt scheint derzeit im Innovationsstau zu stecken. Die Verhandlungen mit den Anbietern der TV-Inhalte sollen stocken. Kurzum, was Jobs um die Jahrtausendwende bei den Chefs der Platten-Labels vollbrachte, scheint Apple-Vize Eddy Cue bei den US-Fernsehsendern und Filmstudios weniger gut zu gelingen.

Mehr Forschungsausgaben, neues Führungspersonal

Zudem scheint Apple Schwierigkeiten zu haben, die Zulieferer in die eigenen Produktpläne einzubinden. Dies gilt Branchenkennern zufolge besonders für den iTV, der dem Vernehmen nach in neuester Ultra HD-Auflösung auf den Markt gebracht werden soll. LG und Sharp, die Zulieferer, die in der Lage wären, für Apple ein solches Gerät in der benötigten Stückzahl zu produzieren, dürften dies kaum vor 2014 schaffen, heißt es.

Fazit: Um die Fähigkeiten des Übervaters Steve Jobs zu ersetzen, bleibt Apple nichts anderes übrig als den gleichen Weg zu gehen, den auch andere Konzerne gehen mussten. So haben die Kalifornier ihr Forschungs- und Entwicklungsbudget, das 2012 nur rund ein Drittel des Budgets von Wettbewerbern wie Microsoft oder Samsung ausmachte, bereits kräftig erhöht.

Auch manche Personalie sorgt für Aufsehen. So hat Apple kürzlich Paul Deneve, ehemals Chef des Modelabels Yves Saint Laurent, als Vizepräsident für "besondere Projekte" ins Boot geholt. Ein weiterer Hinweis darauf, dass sich der Launch der hauseigenen iWatch, so wie sie sich Steve Jobs' Erben wünschen, derzeit mit Bordmitteln kaum verwirklichen ließe.

siehe auch: Was in Apples Gerüchteküche brodelt

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