Absturz-Angst Warum Apple den Börsenthron bald räumen muss

Das Ende des iPhone-Wachstums scheint erreicht. Bald dürfte Alphabet Apple als wertvollste Firma der Welt ablösen. Im vierzigsten Jahr des Bestehens schwinden die Argumente für den Kultkonzern aus Cupertino.
Von Nils Jacobsen
Absturz-Angst bei Apple: Kann Konzernchef Tim Cook neue Wachstumsimpulse geben? Schon in wenigen Wochen könnte die Google-Holding Alphabet Apple vom Thron stoßen und wertvollster Konzern der Welt werden

Absturz-Angst bei Apple: Kann Konzernchef Tim Cook neue Wachstumsimpulse geben? Schon in wenigen Wochen könnte die Google-Holding Alphabet Apple vom Thron stoßen und wertvollster Konzern der Welt werden

Foto: REUTERS

Tief, tiefer, Apple. Um mehr als 8 Prozent lag die schwer angeschlagene Apple-Aktie nach den ersten vier Handelstagen des neuen Jahres schon wieder hinten. Und das nach Monaten im Rückwärtsgang: Bei rund 134 Dollar notierten die Aktien von Apple  im Frühjahr 2015. Bei rund 96 Dollar blinkte der Kursticker in dieser Woche auf - mehr als 28 Prozent tiefer.

Das heißt: Um mehr als 230 Milliarden Dollar ist der Börsenwert des - noch - wertvollsten Konzerns der Welt seit dem Hoch im April 2015 geschrumpft. Jetzt ist Apple noch 538 Milliarden Dollar wert, und Verfolger Alphabet  (vormals Google) holt mächtig auf.

Es ist ein Crash in Slow Motion. Der Auslöser ist immer der gleiche: Die wachsenden Sorgen, dass der heilige Gral der Wall Street verloren gegangen sein könnte - das Wachstum.

Wachstumssorgen: Alles hängt am iPhone

Das Wachstum ist bei Apple untrennbar mit dem erfolgreichsten Produkt der fast vierzigjährigen Konzerngeschichte verwoben: das iPhone, das zur Lebensversicherung in Cupertino geworden ist. Schließlich generiert das Kult-Smartphone mehr als 60 Prozent von Apples Umsätzen und mehr als 70 Prozent der Nettogewinne.

Die Gleichung ist entsprechend einfach: Schwächelt das iPhone, bekommt Apple eine Lungenentzündung - so die Logik in den vergangenen Jahren, wenn das Wachstum der mit Abstand wichtigsten Konzernsparte nachließ.

Nun jedoch bricht eine neue Zeitrechnung an: Das nachlassende Wachstum droht in Negativwachstum umzuschlagen. Selbst wenn in der Weihnachtsbilanz, die am 26. Januar nach Handelsschluss verkündet wird, mit Ach und Krach noch der Vorjahreswert (74,5 Millionen verkaufte iPhones) überboten werden sollte, zeigt der jüngste Trend klar nach unten.

Alarmsignal - Apple fährt iPhone-Produktion herunter

In den kommenden Quartalen dürfte der erste Absatzrückgang beim iPhone vermeldet werden: Während immer mehr Analysten ihre Gewinnschätzungen nach unten korrigieren, meldete die renommierte japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Asian Review in dieser Woche, dass Apple seine iPhone-Bestellungen im März-Quartal um 30 Prozent nach unten geschraubt habe. Die Aktienkurse der meist asiatischen Apple-Zulieferer brachen daraufhin reihenweise ein.

Auch wenn Apple-CEO Tim Cook immer wieder betont, von den Bestellungen der Zuliefererkette ließe sich nicht auf die tatsächlichen Verkäufe schließen, drängt sich der Verdacht auf, dass das iPhone erstmals seit seinem Debüt 2007 schrumpfende Absätze verzeichnen dürfte. Dies dürfte sich äußerst schmerzhaft in der Konzernbilanz widerspiegeln.

Das liegt auch daran, dass Apple der iPhone-Schwäche mit seinen anderen Unternehmenssparten praktisch nichts entgegenzusetzen hat: Die iPad-Absätze schrumpfen seit Jahren, die Mac-Sparte stagniert, und auch der Hoffnungsträger Apple Watch hat es knapp ein Jahr nach dem Debüt immer schwerer, seinen Flop-Status abzustreifen.

Tim Cook investiert 150 Milliarden für Rückkäufe und Dividenden

Allein in den letzten vier Wochen hat die Apple-Aktie 18 Prozent an Wert verloren und dabei rund 100 Milliarden Dollar Börsenwert eingebüßt. Für erfahrene Anleger ist der Absturz freilich nichts Neues: Kursstürze gehören für die früher erfolgsverwöhnten Apple-Aktionäre inzwischen zum Börsenalltag. Apple hat seinen Anteilseignern in der zweiten Amtszeit von Steve Jobs und in den ersten Monaten nach Übernahme der Amtsgeschäfte von Tim Cook zwischen 1997 und 2012 Gewinne von knapp 10.000 Prozent beschert. Doch seit der frühere IBM-Manager Cook das Ruder bei Apple übernommen hat, stockt die Performance.

"Es muss Cook höchst peinlich sein, dass die Aktie auf demselben Niveau liegt wie 2012", legt etwa Fondsmanager Eric Jackson den Finger in die Wunde. Jackson prangert zudem die exzessive Verwendung der Barmittel an, die nach seiner Meinung überhaupt keine Wirkung auf die Aktienperformance hatte.

Diesen Vorwurf muss sich Cook, der im Frühjahr 2012 nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt umfangreiche Aktienrückkäufe und Dividenden ankündigte, gefallen lassen. Auf gigantische 200 Milliarden Dollar ist das so genannte "Kapitalrückführungsprogramm" bis März 2017 inzwischen angeschwollen - doch den Kursrutsch der Apple-Aktie konnten diese Maßnahmen, die vor allem als Kurspflege dienen sollten, nicht stoppen. Für einige Anleger ist das ein Alarmsignal.

Ein Absturz wie 2013? Es ist noch viel Luft nach unten

Wie rasch es nach unten gehen kann, haben Apple-Aktionäre immer wieder erlebt - nicht zuletzt, weil die Apple-Aktie ein "crowded trade" ist, ein Papier, das fast jeder besitzt. Gerade in Krisenzeiten verkommt die Apple-Aktie damit zum Geldautomaten: Der wertvollste Konzern der Welt ist entsprechend auch eine der liquidesten Aktien der Welt, die in Zeiten von Marktturbulenzen schnell zu versilbern ist.

Anleger haben es zuletzt im Spätsommer 2015 erlebt: Beim Flash Crash im August fiel die Apple-Aktie in wenigen Minuten auf 92 Dollar zurück - so schnell ziehen automatische Verkäufe eine Aktie in die Tiefe, wenn der Damm einmal gebrochen ist. Die Blaupause für einen erneuten Apple-Absturz lieferte indes das Krisenjahr 2013, als Apple mit dem nur 4 Zoll großen iPhone 5 und dem Nachfolger 5s gegen die boomenden Phablet-Modelle der Konkurrenz aus Asien - allen voran Samsung - sehr alt aussah.

Von (splitbereinigten) 101 Dollar im September 2012 stürzte Apple im kommenden Dreivierteljahr bis auf 55 Dollar ab - ein Kursrutsch um 45 Prozent. Wiederholt sich die Blaupause des Kurssturzes von 2012/13 anno 2015/16, hat die angeschlagene Apple-Aktie in den kommenden Monaten noch viel Luft nach unten: Erst bei 73,50 Dollar hätte sich die Geschichte eines 45-prozentigen Kurssturzes wiederholt.

So weit muss es nicht kommen. Doch die Argumente, dass Apple rasch wieder auf einen steilen Wachstumspfad einschwenken könnte, fehlen derzeit. Statt dessen häufen sich die Sorgen in Cupertino.

Die Joker fehlen - selbst Carl Icahn schweigt inzwischen

Was Apple im Jahr 2013 rettete, war ein Zusammentreffen gleich dreier Effekte: Der Vertragsabschluss mit China Mobile, der Apple mit einer Unterschrift den Zugang zum wichtigsten Provider im Reich der Mitte sicherte, die Aussicht auf die sehnlichst erwarteten größeren iPhone-Modelle, die in 4,7 und 5,5 Zoll nach Jahren endlich die Phablet-Lücke schlossen und die unerwartete Rückendeckung durch Carl Icahn, der mit seinem milliardenschweren Engagement und kernigen Kursziel-Aussagen an der Wall Street für einen Stimmungsumschwung sorgte.

Der Einmaleffekt durch China Mobile  ist im neuen Fiskaljahr nun ebenso verpufft wie die aufgestaute Nachfrage nach dem iPhone 6. Großinvestor Carl Icahn schweigt unterdessen: Sein Kursziel von 215 Dollar pro Aktie sieht inzwischen eher wie das Fantasiegebilde eines Börsenbriefschreibers aus.

In anderen Worten: Anno 2016 fehlen Apple die Joker, mit denen sich der Konzern aus dem Krisenjahr 2013 noch befreien konnte. Analysten wie Katy Huberty von Morgan Stanley und Gene Munster von Piper Jaffrey geben zwar weiter Entwarnung mit dem Verweis auf eine anziehende Nachfrage zum Launch des iPhone 7. Doch wie sicher ist die ungeschriebene Regel zum großen Upgrade-Zyklus alle zwei Jahre eigentlich?

Nach bisherigen Indikationen aus der Zuliefererkette dürften die Neuerungen des iPhone 7 weitaus weniger revolutionär ausfallen als noch in der Vergangenheit: ein anderes Design, aber kaum eine andere Größe oder bahnbrechende Features werden erwartet. Warum also sollten Käufer ab September wieder für zweistelliges Wachstum sorgen, nur weil ein neuer Upgrade-Zyklus anbricht?

Apple vor der Wachablösung: Alphabet steht bereit

Angesichts der sich eintrübenden Aussichten werden Anleger nervös - und suchen nach Anlagealternativen. Die Folge: Schon in den kommenden Wochen könnte Apple den Börsenthron und damit den Status als wertvollster Konzern der Welt verlieren.

Auf 538 Milliarden Dollar ist Apples Börsenwert inzwischen zusammengeschmolzen. Die Google-Mutter Alphabet ist nach einem starken Börsenjahr 2015 mit Kursgewinnen von 50 Prozent in Lauerstellung: Bis auf 28 Milliarden Dollar hat sich der alte Erzrivale aus dem Silicon Valley inzwischen an Apple herangeschoben und befindet sich damit inzwischen auf Schlagdistanz von nur noch rund fünf Prozent.

Wenn die beiden wertvollsten Konzerne der Welt in den kommenden Wochen ihre Weihnachtsbilanzen vorlegen, könnte es damit zu einer historischen Wachablösung kommen: Patzt Apple, während Alphabet die Erwartungen erfüllt, befindet sich der iPhone-Konzern nach fast fünf Jahren (mit einer kleinen Unterbrechung durch Exxon Mobil 2013 für einige Monate) unter der Börsensonne wieder in der Rolle des Herausforderers.

Trügerische Reserven - weniger Geld auf der Bank als angenommen

Gebetsmühlenartig führen Apple-Apologeten immer wieder die stattlichen Cash-Reserven, die bei Bekanntgabe der Weihnachtsbilanz nochmals kräftig zulegen dürften, als Argument für die vermeintlich günstige Apple-Aktie an.

Aktuell hortet Apple auf der Bank die Rekordsumme von 206 Milliarden Dollar - von denen sich allerdings 90 Prozent im Ausland befinden. Wie Tim Cook immer wieder herausstellt, müsste Apple für eine Repatriierung aktuell bis zu 40 Prozent Steuern zahlen. Also nimmt der Apple-CEO lieber Schulden auf und lässt die Milliarden auf den Offshore-Konten in Irland & Co liegen. Auf 65 Milliarden Dollar sind die Verbindlichkeiten für Anleihe-Emissionen inzwischen angeschwollen.

Mit anderen Worten: Apple verfügt tatsächlich über weniger Geld als gerne behauptet wird. Per Ende des Fiskaljahres 2015 waren es 145 Milliarden Dollar netto abzüglich zu zahlender Steuern, die die nächste US-Regierung neu festlegen dürfte. Zum Nulltarif dürfte eine Rückführung des Kapitals nie und nimmer zu haben sein - ein Steuersatz von bestenfalls 20 Prozent erscheint wahrscheinlicher, was wiederum schnell zu einer Steuernachzahlung von 40 Milliarden Dollar führen dürfte. Apples Cash-Reserven wären dann faktisch eher rund 100 Milliarden Dollar wert.

Ein Rechenspiel - kauft sich Apple am Ende selbst?

Noch ist es nur ein Rechenspiel: Bei einem Aktienkurs von rund 90 Dollar käme Apple auf einen Börsenwert von nur noch etwa 500 Milliarden Dollar (inklusive der Barreserven, die dann schon fast ein Drittel der Marktkapitalisierung ausmachen). Die geplanten Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen zugrunde gelegt, reduziert sich der Börsenwert pro Jahr um etwa 50 Milliarden, wovon 40 Milliarden Aktienrückkäufen entsprechen.

In anderen Worten: Beim gegenwärtigen Tempo der Aktienrückkäufe könnte sich Apple also bereits in 12 bis 13 Jahren selbst kaufen. Die eigenen Bargeldreserven mitberücksichtigt, sogar zwei bis drei Jahre eher.

Kampf um die 100-Dollar-Marke

Gleichzeitig schrumpft mit jedem Aktienrückkauf der Aktienanteil, der den Gewinn je Aktie (EPS) und damit das KGV lukrativer aussehen lässt. In anderen Worten: Irgendwann wird die Apple-Aktie, die bereits jetzt für ein KGV von gerade noch 10 vor Abzug des Bargeldanteils gehandelt wird, so billig, dass den Verkäufern die Argumente ausgehen.

Die große Frage des Börsenjahres 2016 dürfte nun lauten, auf welchem Niveau der Apple-Absturz endet. Um die 100-Dollarmarke, die Tim Cook 2014 mit einem höchst ungewöhnlichen Split im Verhältnis von 7:1 als Linie gezogen zu haben scheint, dürften 2016 schwere Gefechte geführt werden. Es dürfte langfristig auch zu Tim Cooks Schicksalsfrage als Apple-Chef werden, wie lange er dieses Kursniveau verteidigen kann.

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