Börsenstar legt Zahlen vor Amazons wichtigste Ware passt nicht in Kartons

Amazons Ergebnisse zum dritten Quartal entscheiden darüber, ob der Anstieg zur 1000-Dollar-Aktie weitergeht oder ein herber Dämpfer folgt. Über Amazons Wohl und Wehe entscheidet das Cloud-Geschäft AWS - und nicht der Warenversand.
Amazon-Chef Bezos: Pakete waren gestern - Geld verdient wird mit AWS

Amazon-Chef Bezos: Pakete waren gestern - Geld verdient wird mit AWS

Foto: JOE KLAMAR/ AFP

Wenn der Handelsriese Amazon  am Donnerstagabend seine Zahlen für das dritte Quartal vorlegt, haben Anleger allen Grund, nervös zu sein. Rund 40 Prozent hat die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten zugelegt: An der Wall Street haben Analysehäuser bereits einen Wettstreit ausgerufen, ob nun Amazon oder die Google-Mutter Alphabet als erste die symbolträchtige 1000-Dollar-Marke je Aktie knacken wird. Sollten die Zahlen jedoch enttäuschen, dann sind, wie beim Konkurrenten Apple  am Mittwoch, weitere Gewinnmitnahmen und fallende Kurse bei Amazon wahrscheinlich.

Doch was heißt "enttäuschende Zahlen" bei Amazon? Der Umsatz des Online-Handelsriesen dürfte im dritten Quartal auf rund 32 Milliarden Dollar gewachsen sein, im zweiten Quartal waren es noch 30,4 Milliarden Dollar. Beim Gewinn herrscht wieder einmal großes Rätselraten: Die US-Finanzwebsite Motley Fool gibt eine Spanne von 50 bis 650 Millionen Dollar an , das heißt: Analysten tappen wieder einmal im Dunkeln, welchen Gewinn Amazon-Chef Jeff Bezos diesmal auszuweisen gedenkt.

Für Bezos sind die Marktanteile von morgen wichtiger als die Gewinne von heute, immer wieder hat der Tech-Milliardär kräftig in Umsatzwachstum investiert und dabei, wenn überhaupt, nur minimale Gewinne ausgewiesen. Doch zumindest in den vergangenen fünf Quartalen hat Bezos schwarze Zahlen vorgelegt - wenn Bezos am Donnerstag das halbe Dutzend vollmacht und einen Gewinn von mindestens 300 Millionen Dollar stehen lässt, dürften Investoren durchatmen.

Für Amazon wird die Cloud wichtiger als der Versand von Waren

Der entscheidende Faktor bei der Präsentation der Quartalszahlen wird jedoch die Entwicklung des Cloud-Geschäfts AWS (Amazon Web Service) sein, das für Amazon zum wichtigsten Gewinntreiber geworden ist und bereits rund 10 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht - Tendenz stark steigend.

Amazon bietet in der Sparte AWS Unternehmen weltweit Rechenleistung aus dem Netz an: Der operative Gewinn von AWS hat sich vom ersten zum zweiten Quartal dieses Jahres mehr als verdoppelt und 718 Millionen Dollar erreicht. Das ist mehr, als Amazon in Nordamerika mit seiner klassischen Online-Handel-Division (Retail) verdiente. Wenn Bezos Geld für die weitere Expansion braucht, nutzt er vor allem die Erträge aus der Gewinnmaschine AWS.

Ausblick aufs vierte Quartal

Sowohl beim Umsatz- als auch beim Gewinnwachstum dürfte Amazons Cloud-Sparte auch diesmal die höchsten Wachstumsraten ausweisen. Weniger als 50 Prozent Wachstum beim Umsatz wären dabei eine Enttäuschung - zumal Amazon seit Jahresbeginn kräftig in das Wachstum von AWS investiert hat. Viele Beobachter rechnen gar mit einer erneuten Verdoppelung der Gewinne aus AWS.

Doch Gewinne aus dem Cloud-Geschäft allein reichen nicht aus. Ein brummendes Cloud-Geschäft sowie ein optimistischer Ausblick auf das vierte Quartal sind für Amazon Pflicht, wenn Bezos die Anleger nicht enttäuschen will. Kaum ein Handelsriese dürfte es wagen, ausgerechnet für das Weihnachtsgeschäft einen pessimistischen Ton anzuschlagen. Doch auch hier war Bezos in der Vergangenheit immer wieder für Überraschungen gut.

Kursziel 1000 Dollar - welche Gewinne Bezos dafür liefern muss

Fotostrecke

Logistik, Streaming, Konsumgüter: Wo Amazon überall die Finger drin hat

Foto: STEPHEN BRASHEAR/ AFP

Deutlich steigende Gewinne sind für Amazon  mittelfristig unverzichtbar, um die hohe Bewertung des Unternehmens und die luftigen Kursziele von 1000 Dollar pro Aktie zu rechtfertigen. Derzeit wird Amazon zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 210 gehandelt. Das heißt, das gesamte Unternehmen wird mit dem 210fachen der aktuellen Gewinne bewertet.

Die nach diesem Maßstab derzeit teuerste Dax-Aktie, Adidas  , kommt dagegen auf ein KGV von rund 30. Im Durchschnitt erwarten Analysten für das laufende Geschäftsjahr einen Gewinn von 5,80 Dollar je Amazon-Aktie: Wird dieser Wert erreicht, würde selbst bei einem Kurs von 1000 Dollar je Aktie das KGV unter die Schwelle von 200 sinken.

Damit würde der Investorenliebling Amazon noch lange nicht zu einer günstigen Aktie - aber aus Sicht vieler Analysten wie zum Beispiel von JP Morgan oder Piper Jeffries auch nicht übermäßig teuer, wenn die Gewinne des Web-Riesen weiter so dynamisch wachsen.

Doch dafür muss die Gewinnmaschine AWS weiter auf Hochtouren laufen - trotz der wachsenden Konkurrenz von Microsoft  (Azure), SAP  und Alphabet (Google Cloud). Beim Schlüsselgeschäft Web-Services ist Amazon nicht Angreifer, der zum Platzhirsch wird, sondern Platzhirsch, der angegriffen wird: Bereits am Donnerstagabend wird sich zeigen, wie Jeff Bezos mit dieser Rolle klarkommt.

Fotostrecke

Einer dieser Männer könnte Jeff Bezos beerben: Die Manager hinter dem Amazon-Chef

Foto: Chip Somodevilla/ Getty Images
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.