Montag, 23. September 2019

Amazons Transparenzoffensive Touristen, die vor diesem Regal standen, kauften auch ...

Logistische Herausforderung: Wie hier in Leipzig stellen tausende Mitarbeiter Online-Bestellungen zusammen. In Deutschland betreibt Amazon an acht Standorten neun Versandzentren.

Was ist eigentlich bei Amazon los? Genau diese Frage können sich Kunden oder solche, die es vielleicht noch werden wollen, bald selbst beantworten. Der US-Konzern hat eine Transparenzoffensive gestartet. So können Besucher in Deutschland und demnächst auch in Großbritannien die riesigen Logistikzentren besuchen.

"Wir wissen, dass sehr viele Kunden daran interessiert sind, was nach ihrer Bestellung auf Amazon.de geschieht", schrieb Amazon-Manager Steve Harman im Logistikblog des Unternehmens.

Was sich harmlos anhört, dürfte für Amazon Börsen-Chart zeigen mittlerweile zum ernsthaften Problem geworden sein. Denn bislang haben viele Kunden keinen guten Eindruck von den Zuständen in den großen Hallen. Mitarbeiter hätten es "satt" gehabt, dass sie sich für ihre Arbeit bei Amazon rechtfertigen müssten, hieß es.

Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland hatten Medien in zahlreichen investigativen Reportagen über die zuweilen fragwürdigen Arbeitsbedingungen in den Versandzentren berichtet. Zudem versucht die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Deutschland seit eineinhalb Jahren einen Tarifvertrag durchzusetzen. Sie will, dass für die Mitarbeiter der Einzelhandelstarif gilt und nicht der günstigere Logistiktarif. Vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft gab es vor den Versandzentren erneut tagelange Streiks.

Im jüngsten Quartalsbericht hatte Amazon für das internationale Geschäft ein deutlich getrübtes Ergebnis abliefert. Magere drei Prozent war der Umsatz auf rund 10,58 Milliarden Dollar gewachsen - und das im Weihnachtsquartal in einem eigentlich boomenden Onlinehandel. In 2012 und 2013 lag das Umsatzwachstum im Vergleichszeitraum noch bei 21 Prozent beziehungsweise 13 Prozent.

Beim Gesamtumsatz des Quartals in Höhe von rund 29,33 Milliarden Dollar hatte das internationale Geschäft nur noch einen Anteil von 36 Prozent, der niedrigste Wert seit Jahren. Das US-Geschäft war im Vergleich zum Vorjahresquartal um 22 Prozent gewachsen.

Großbritannien und Deutschland wichtigste internationale Standorte

Die Entwicklung muss das Management alarmiert haben. Amazon hatte naturgemäß wenig über die Gründe des deutlich eingebremsten internationalen Geschäfts berichtet. Über die Gründe kann man deshalb nur spekulieren. Währungseffekte könnten durchaus eine Rolle gespielt haben. Auch das Cloudcomputing-Geschäft AWS könnte in den USA stärker zum Wachstum beigetragen haben als im internationalen Bereich.

Auffällig ist aber auch, dass der US-Konzern zuerst in Großbritannien und Deutschland die Türen zu den Versandzentren öffnen will. In Großbritannien verfügt Amazon über acht Versandzentren, in Deutschland über neun.

In beiden Ländern betreibt Amazon International damit die meisten Standorte, was durchaus ein Indiz dafür ist, dass diese Länder in der Umsatzverteilung des internationalen Geschäfts eine gewichtige Rolle spielen. Ausgerechnet dort griffen Gewerkschafter in der Vergangenheit die Arbeitsbedingungen des Konzerns scharf an. Diese Kritik nahm zu, als Journalisten getarnt in den großen Hallen mitarbeiteten und darüber anschließend negativ berichteten.

Auf eine Anfrage des Manager Magazins über die Gründe für die plötzliche Transparenz sagte eine Sprecherin, Amazon habe bereits auch schon in den USA Besuchertouren angeboten. Diese Initiative würde nun auf Europa ausgeweitet. Am vergangenen Wochenende hätten Besucher bereits in Graben eines der Zentren besichtigen können.

Amazon beschäftigt in Deutschland mehr als 10.000 Mitarbeiter. Allein 2014 hätte das Unternehmen 1200 unbefristete Stellen geschaffen, hieß es. Der durchschnittliche Stundenlohn für festangestellte Mitarbeiter in den Versandzentren starte bei 10,09 Euro. Nach zwei Jahren könnten die Mitarbeiter 12,69 Euro pro Stunde verdienen. Hinzu kämen Zusatzleistungen wie Boni, Jahressonderzahlung, Mitarbeiteraktien, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung und Mitarbeiterrabatte, teilte Amazon weiter mit.

Das Unternehmen habe vielen Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive gegeben, betonte das Unternehmen. Wert wurde auch auf die Tatsache gelegt, dass das Unternehmen Millionen in die Klimatisierung der Logistikzentren investiert habe. Genaue Summe nannte Amazon nicht. Die Klimatisierung in den großen Hallen war eine von verschiedenen Kritikpunkten am Onlinehändler.

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