Dienstag, 2. Juni 2020

Bundeskartellamt besorgt über die Zunahme der Marktmacht Druck auf Amazon nimmt zu

Amazon

Das Bundeskartellamt zeigt sich besorgt über die Zunahme der Marktmacht des Versandriesen Amazon Börsen-Chart zeigen im deutschen Online-Handel während der Corona-Pandemie. "Wir beobachten das Verhalten des Unternehmens sehr eng", sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt gegenüber der Zeitung "Welt".

"Ausgelöst durch die Corona-Krise erhalten wir derzeit vermehrt Beschwerden von Händlern", so der Behördenchef. Das habe das Amt zum Anlass genommen,Amazon zu einer Stellungnahme darüber aufzufordern, wie mit Lieferengpässen umgegangen werde und welche Lieferungen im Zweifel bevorzugt oder eben nachrangig behandelt würden. Das Bundeskartellamt hatte dem Online-Riesen bereits im vergangenen Jahr Erleichterungen für außenstehende Händler abgerungen.

Fälschungen auf Amazon: Plattform außer Kontrolle

Auch die EU-Kommission prüft bereits seit Monaten mögliche Kartellverstöße der Online-Plattform im Umgang mit Händlern. Die Pandemie habe den Weltmarktführer nun in Deutschland in eine neue Rolle gebracht, erklärte der Ökonom und Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein der "Welt". "Auch wenn es vielen nicht gefällt und es Handelsexperten schon fast nicht auszusprechen wagen: Schon jetzt ist Amazon systemrelevant." Die Marktmacht des Konzerns sei in der Krise "auf ein besorgniserregendes Maß gestiegen", sagte Heinemann. Sie werde auch danach weiter zunehmen.

Frankreich schließt Lager, in den USA misst Amazon Fieber

In den USA und in Frankreich kämpft Amazon aktuell mit dem Vorwurf mangelnder Hygienemaßnahmen während der Coronavirus-Krise, was in Frankreich dazu führte, dass Amazon nur noch lebensnotwendige Produkte liefern durfte. Ein französisches Gericht hatte in der vergangenen Woche geurteilt, dass der Online-Versandhändler seine Logistikzentren weiterhin geschlossen halten müsse, da die Mitarbeiter der Logistikzentren nicht ausreichend gegen Coronavirus-Gefahren geschützt seien.


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Amazon müsse sich auf Bestellungen von Nahrungsmitteln sowie Hygiene- und Medizinartikeln beschränken, bis die Schutzmaßnahmen verbessert sind, entschieden die Richter in Nanterre. Angesichts der drohenden Strafe von einer Million Euro pro Verstoß entschloss sich das Unternehmen, die Logistikzentren vorübergehend zu schließen. Man sei über das Urteil weiterhin "perplex", hieß es aus dem Hause Amazon. Mit Interesse warte man nun auf den Berufungstermin am Dienstag.

Das Gericht hatte Amazon auferlegt, in allen Lagern eine Risikobewertung durchzuführen und erforderliche Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Amazon hatte nach eigenen Angaben bereits investiert, um für die Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen. So seien in den vergangenen vier Wochen in die französischen Standorte 1,5 Millionen Schutzmasken und 27.000 Liter Hand-Desinfektionsmittel gebracht worden. In den USA setzt der Konzern bereits systematisch Fieberchecks per Infrarotkameras ein.

Kunden in Frankreich können indes auch weiterhin bei Händlern bestellen, die ihre Waren über die Amazon-Plattform verkaufen, aber sich selbst um den Versand kümmern. Zudem sollen sie über das Amazons Logistiknetz in anderen Ländern weiter versorgt werden, wie ein Sprecher in der vergangenen Woche sagte. Die Gerichtsentscheidung war von der Gewerkschaftsgruppe Union Syndicale Solidaires erwirkt worden.

dpa/rtr/akn

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