Airbnbs Guerilla-Strategie Wie Airbnb den Kampf um Berlin doch noch gewinnen will

Anti-Airbnb-Proteste: In den USA tobt mittlerweile ein millionenteurer Kampf zwischen Airbnb und seinen Gegnern

Anti-Airbnb-Proteste: In den USA tobt mittlerweile ein millionenteurer Kampf zwischen Airbnb und seinen Gegnern

Foto: Josh Edelson/ AFP

Nathan Blecharczyk ist derzeit schwer beschäftigt. Der joviale Airbnb-Gründer tourt durch die Welt und macht gute Stimmung für sein Unternehmen. Imageförderung hat der Wohnungsvermittler aktuell schwer nötig. Konnte das Unternehmen in vielen Teilen der Welt lange schalten und walten wie es wollte, weil sein Geschäftsmodell nicht in existierende Raster passte, schieben angesichts des immer rarer werdenden Wohnraums viele Städte der freien Untervermietung mittlerweile einen Riegel vor. Oder sie stellen zumindest Regeln auf, die sicherstellen, dass die Vermieter ähnlich wie Hotels ihre Einnahmen zumindest zu einem gewissen Maße versteuern.

In mehr als 100 Städten ringt das Unternehmen aktuell um Regeln, die es Mietern und Hauseigentümern erlauben sollen, ihre Wohnungen und Zimmer über die Airbnb-Plattform zu vermieten. In London, Paris, Mailand, Lissabon und Amsterdam hat sich Airbnb bereits mit Regierungen - teils auch erst einmal übergangsweise - auf bestimmte Regeln verständigt.

Macht Lobbyarbeit: Airbnb-Mitgründer Nathan Blecharczyk

Macht Lobbyarbeit: Airbnb-Mitgründer Nathan Blecharczyk

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In Berlin sieht die Lage anders aus . Hier ist es nach einer zweijährigen Übergangsfrist mittlerweile verboten, die eigene Wohnung ohne Sondererlaubnis gegen Geld als Ferienwohnung anzubieten. Vergangene Woche wurde die Regelung noch einmal gerichtlich bestätigt : Wer seine Wohnung vermieten will, braucht dafür nun eine behördliche Genehmigung. Ohne sie drohen bis zu 100.000 Euro Strafe.

Das kann Blecharczyk verständlicherweise nicht gefallen. Doch anders als Uber-Chef Travis Kalanick, der Verbote in manchen Städten einfach ignorierte und seine Gegner verbal attackierte, hat der Manager aus den Fehlern Ubers offenbar gelernt. Er setzt auf Diplomatie - und organisierten Druck aus der Community.

Airbnb lockt mit Steuern in Millionenhöhe - und die Kommunen greifen zu

Es gebe im Bestreben, Airbnb weltweit zu legalisieren - eben "Höhen und Tiefen", kommentierte Blecharczyk die Probleme in Berlin jüngst auf einer Startup-Konferenz in Amsterdam.

Eine erstaunliche Gelassenheit, zieht man in Betracht, dass sich in Europa mittlerweile mehr als die Hälfte aller weltweiten Airbnb-Unterkünfte befindet. Und auf Berlin ein erheblicher Teil davon entfallen dürfte.

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Doch auch wenn sich sich der Airbnb-Mitgründer nach außen gelassen gibt. Airbnb ist offensichtlich fest entschlossen, sich Berlin als Markt zurückzuholen. Und nicht nur Berlin.

Der Vermittler hat dafür auch einige Asse im Ärmel: Da sind zum einen die Steuern, mit deren automatischer Einsammlung Airbnb die chronisch klammen Städte locken kann. Bei Amsterdam, einer Stadt, mit der die Amerikaner eine Art Testdeal ausgehandelt haben, sind das laut Airbnb immerhin satte 5,5 Millionen Euro, die das Unternehmen für die Stadt im vergangenen Jahr an Tourismus-Steuern eingesammelt hat.

Zudem kann das Unternehmen auf eine Ressource zurückgreifen, die seine Gegner in dieser Form nicht haben: Den direkten Draht zu seinen Kunden.

Auch wenn sich Airbnb heute konziliant und diplomatisch gibt. Das war nicht immer so.

Der PR-Gau in San Francisco - und die Folgen

Als Anti-Airbnb-Lobbyisten 2015 versuchten, dem Zimmervermittler in seiner Heimatstadt San Francisco mit Hilfe strenger Auflagen den Gar auszumachen, ging Airbnb in die Vollen und investierte acht Millionen Dollar in eine monumentale Gegenkampagne - und bezog dafür teils heftige Prügel.

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Neben dem Engagement von Profi-Lobbyisten sorgtevor allem eine Plakatserie für Unmut , in der sich Airbnb rühmte, Steuern zu zahlen und die Stadt dazu aufrief, einen Teil der bezahlten 12 Millionen Dollar beispielsweise für längere Öffnungszeiten von Bibliotheken zu verwenden.

Die Folge war ein enormer Shitstorm. Reihenweise regten sich Nutzer darüber auf, dass sich das Unternehmen damit brüstete, wie jedes andere Unternehmen Steuern zu zahlen. Eine Nutzerin rechnete Airbnb sogar vor, dass die gezahltenSumme höchstens für zwei Minuten zusätzliche Öffnungszeit  reichen würde.

Eine Fauxpas, aus dem Airbnb lernte. Das Unternehmen entschuldigte sich und zog die Plakate zurück.

Auch wenn Airbnb in San Francisco ein Komplettverbot abwenden konnte, der Kampf in den USA geht weiter und dürfte demnächst noch schärfer werden . Größter Gegner von Blecharczyk und seinen Mitgründern hier ist die Organisation Share Better, zu der sich - unterstützt von der Hotelbranche - Nachbarschafts-Organisationen, Eigentümer und Gewerkschaftsvertreter zusammengeschlossen  haben.

In den USA bläst die Hotellobby zum Kampf

Rund eine Million Dollar will die Initiative Share Better, die mittlerweile nicht mehr nur lokal arbeitet, sondern auch in anderen Städten gegen Airbnb Front macht, für ihre Lobbyarbeit in den kommenden Monaten ausgeben. Das ist doppelt soviel wie 2015 insgesamt.

Ein Teil davon dürfte für Anti-Airbnb-Spot draufgehen , der kürzlich US-Weit auf Sendung ging. Darin klagt eine Nachbarin über Angst & Schrecken, den Airbnb-Nutzer in ihrem Haus verbreiten - und die ihr außerdem noch das warme Wasser klauen. Eine Kampagne, die Airbnb kurz darauf mit einer Beschwerdefunktion für Nachbarn konterte .

Und auch eine weitere von Kritikern gefundene offene Flanke hat der Zimmervermittler mittlerweile geschlossen: Nachdem das Unternehmen ein Klage eines Afroamerikaners kassierte, weil dieser sich als Schwarzer von Airbnb-Vermietern diskriminiert sah, änderte Airbnb prompt seine Geschäftsbedingungen. Künftig sind Sammelklagen gegen das Unternehmen verboten . Und auch so genannte "Joinders", also die Zusammenlegung gleich mehrerer Klagen ist mittlerweile untersagt.

Airbnb hat aus dieses Vorgängen seine Lehren gezogen. Und fährt strategisch mittlerweile mehrgleisig. So beschäftigt das Unternehmen weltweit auch weiterhin eine Vielzahl professioneller Agenturen und Beratungsunternehmen, um Kampagnen kontern und die anstehenden Regulierung aktiv mitgestalten zu können.

Parallel dazu baut das Unternehmen Lobby- und Strategieexpertise im eigenen Haus auf. Viele Mitarbeiter sind junge Fachkräfte, die den Politikbetrieb zum Teil über die Arbeit für einzelne Politiker oder Non-Profit-Organisationen kennen. Aber anders als große Lobby-Firmen über so etwas wie Street-Credibility verfügen.

Jetzt organisiert AirBnB den Widerstand von "unten"

Ein Fehler wie mit der Plakataktion in San Francisco soll Airbnb nicht mehr passieren. Deshalb setzt der Zimmervermittler aktuell alle Hebel in Bewegung, um sein Klientel für seine Zwecke zu mobilisieren. Alleine in Berlin sind derzeit zwei Stellen für sogenannte "Community Organiser" ausgeschrieben. Deren Aufgabe: Kalt-Akquise von Gastgebern, damit sich diese zu Pro-Airbnb-Lobbygruppen zusammenschließen.

Oder - wie es in der Stellenausschreibung formuliert ist: "Gastgebern bei der Gründung von Nachbarschaftsgruppen helfen - mit dem Ziel, deren Recht auf Homesharing zu unterstützen", "Gäste persönlich und telefonisch kontaktieren" um sie in Home-Sharing-Organisationen einzuladen. Und schließlich selbst "Events" in diesem Bereich organisieren.

Airbnb-Mitgründer Blecharczyk jedenfalls scheint jedenfalls ziemlich zuversichtlich zu sein, dass diese Mobilisierung des eigenen Klientels funktioniert. Die ganze Sache in Berlin werde sich mit der Zeit schon klären lassen, verkündete er in Amsterdam zuversichtlich.

Und bislang, so Blecharczyk, seien die ausgehandelten Regelungen  doch in der Regel eher günstig für Airbnb ausgefallen.

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