Stellenabbau bei Siemens Kaesers Kommunikationspannen

Vor Investoren in New York lässt Siemens-Chef Kaeser die Katze aus dem Sack: Über 11.000 Stellen könnten beim Konzernumbau wegfallen. Aber ist das wirklich so? Die Arbeitnehmerseite reagiert irritiert.
Joe Kaeser: Mehr als 11.000 Stellen vom Umbau betroffen - aber nicht alle fallen weg

Joe Kaeser: Mehr als 11.000 Stellen vom Umbau betroffen - aber nicht alle fallen weg

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Seit Monaten schon rätseln Siemens' Mitarbeiter, wieviele Stellen beim neuerlichen Konzernumbau gestrichen werden. Stets hielt sich Vorstandschef Joe Kaeser bedeckt, beschwor den "respektvollen Umgang" mit der verunsicherten Belegschaft und gab sich einfühlsam: "Wer Bürokratieabbau fordert, der muss wissen, dass Bürokratie auch Gesichter hat."

Dennoch ließ Kaeser jetzt vor Investoren in New York - und nicht etwa in München, Berlin oder Erlangen - die Katze aus dem Sack. Zumindest scheinbar. Mindestens 11600 Stellen würden durch sein neues Unternehmenskonzept "Vision 2020" obsolet, sagte der Siemens-Chef am Donnerstag auf der "Bernstein Strategic Decisions Conference". Die Konferenz wurde im Internet übertragen.

Rund 7600 Stellen würden durch die am 6. Mai beschlossene Organisationsreform wegfallen, bei der eine Hierarchieebene - die vier Sektoren - komplett gestrichen wird, so erklärte Kaeser in New York. Weitere 4000 Arbeitsplätze würden überflüssig durch die regionale Neuorganisation. Und - auch dies fügte der Konzernchef am Christi-Himmelfahrts-Tag hinzu - einige der Beschäftigten würden neue Jobs erhalten.

Siemens muss die Aussagen des Chefs wieder einfangen

Am heutigen Freitag, vielfach als "Brückentag" genutzt, hat Kaesers Kommunikationsabteilung alle Hände voll zu tun, die Aussagen des Chefs wieder einzufangen. Denn de facto hat Kaeser nicht viel Neues gesagt: Die 11.600 Stellen fallen gar nicht alle weg, sondern umfassen lediglich die Zahl der vom Umbau "betroffenen" Mitarbeiter. Vielfach werden diese nicht ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern "nur" auf neue Positionen verschoben.

So werden viele Mitarbeiter, die bislang in den Sektoren Industrie, Energie oder Infrastruktur in Stabsabteilungen wie Personal oder Recht beschäftigt waren, in die Konzernzentrale oder in die bisher darunter angesiedelte Divisions-Organisation integriert werden. Viele aber auch nicht. Und genau diese Zahl verrät Kaeser weiterhin nicht.

Aufgrund von Kaesers Sparziel von einer Milliarde Euro kursieren dazu allerdings Abschätzungen: Analysten und Topmanager des Konzerns leiten daraus ab, dass durch den Konzernumbau etwa 6000 bis 7000 Menschen in der Verwaltung ihren Arbeitsplatz verlieren werden.

Die Aufregung ist groß - auch bei der Gewerkschaft

Was zusätzlich zur Verwirrung beiträgt: Die von Kaeser erwähnte regionale Neuorganisation, bei der die sogenannte Clusterebene wegfällt, ist gar nicht neu, sondern wird von Siemens bereits seit 1. Oktober 2013 umgesetzt.

Erreicht hat der Konzernchef, dass die Aufregung wieder einmal groß ist. Und - wieder einmal - hat er sowohl die eigene Kommunikationsabteilung wie auch den Siemens-Betriebsrat und die IG Metall auf dem falschen Fuß erwischt. Und das an einem langen Wochenende mit Brückentag.

Entsprechend irritiert reagierte die Arbeitnehmerseite. Man könne Kaesers Aussagen "nicht nachvollziehen", sagte ein Sprecher der IG Metall zu manager magazin online. "Die Zahlen sind uns nicht bekannt." Dies sei ein "seltsamer Stil" des Konzernchefs. "Wir erwarten nächste Woche Aufklärung."

Das erinnert an das Kommunikationschaos, das der Konzernchef vergangenen September initiert hat. Damals ließ er an einem Sonntag verbreiten, dass das 2012 eingeleitete Sparprogramm "Siemens 2014" 15000 Stellen kosten werde - ohne dies vorher mit Betriebrat und IG Metall abzusprechen. Der Aufruhr war riesig: Der damalige Betriebsratschef Lothar Adler schimpfte, er sei "überrascht und maßlos verärgert". Die Abbaumaßnahmen an sich waren den Arbeitnehmervertretern zwar alle bekannt. Dennoch entstand kurzzeitig der - falsche - Eindruck, Kaeser habe das Programm verschärft.

Kaeser schreibt Brief an die Mitarbeiter

So sah sich der Konzernchef am Freitagnachmittag genötigt, einen Mitarbeiterbrief an alle "lieben Kolleginnen und Kollegen" in Deutschland zu versenden. Darin stellte er auch persönlich nochmals klar: Die 11.600 betroffenen Mitarbeiter sollten "vorzugsweise in weiten Teilen anderweitig eingesetzt werden".

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