Mittwoch, 26. Februar 2020

Software AG "Wir dürfen nicht auf uns selbst Rücksicht nehmen"

Schätzt die Industrienähe des Standorts Deutschland: Karl-Heinz Streibich, Chef der Darmstädter Software AG

4. Teil: US-Markt ist zwei Jahre weiter als Deutschland

mm: Die genannten Trends werden vor allem in den Vereinigten Staaten vorangetrieben. Musterbeispiel ist das Thema Cloud Computing, das maßgeblich von amerikanischen Start-ups und IT-Konzernen geprägt wird.

Streibich: Der US-Markt ist in der Tat rund zwei Jahre weiter. Die großen Konzerne dort nutzen ja bereits Cloud-Angebote, etwa von Salesforce...

mm: ...ein Anbieter von Cloud-basierter Kundenbeziehungsmanagement-Software. Auch SAP hat mit der Akquisition des Cloud-basierten Personal-Management-Dienstleisters Success Factors aufgerüstet. Und Sie haben vor wenigen Wochen das kalifornische Cloud Computing-Unternehmen Long Jump übernommen. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Akquisition?

Streibich: Wir wollen erreichen, dass Unternehmensabteilungen ihre Prozesse und Projekte schneller zur Automatisierung beschreiben können. Kurzum, Business-Nutzer werden unabhängiger von IT-Abteilungen. Ähnlich ist es ja auch bei Salesforce oder Success Factors, wo man keine IT-Abteilung mehr braucht, die im Prinzip die Systeme einführt - man muss diese lediglich integrieren und somit an vorhandene Daten anbinden. Wir unterstützen unsere Kunden auf dem Weg zum digitalen Unternehmen und schöpfen dabei das Potenzial der Cloud aus.

mm: Für Long Jump haben Sie rund 20 Millionen Euro bezahlt. Allerdings haben Sie in der Vergangenheit betont, dass die Software AG auch sehr große Übernahmen bis zu einer Milliarde Euro stemmen könnte. Gehen Sie eher von vielen kleineren Übernahmen aus oder von einer großen?

Streibich: Beides kann sinnvoll sein. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren zwölf Unternehmen übernommen. Und wir werden weitere akquirieren. Übernahmen sind ein wesentlicher Treiber des Unternehmenswachstums, weil man dadurch weitere angrenzende Produktbereiche ins Unternehmen holt. Heute hat keine Softwarefirma mehr die Zeit, Produkte von Anfang an selbst zu entwickeln.

mm: Wenn sich die neuen Technologien vor allem in den USA entwickeln, was spricht da noch für den Software-Standort Deutschland?

Streibich: In Bezug auf Größe und Venture Capital sind wir zwar nicht auf Augenhöhe mit den Amerikanern. Allerdings sind die Firmen im Silicon Valley doch eher einkristallin, also stark auf IT ausgerichtet. Der Vorteil in Deutschland ist hingegen, dass wir sowohl die Anwenderindustrien als auch die Unternehmenssoftware-Anbieter hier haben. Und die Kombination aus beidem ist das, was wir inzwischen als Industrie 4.0 bezeichnen. Vor diesem Hintergrund sind wir sehr zuversichtlich, dass wir hier in Deutschland einen großen Sprung nach vorne machen werden.

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