Datenbremse der Telekom Obermanns Internet-Revolution durch die Hintertür

Es ist ein PR-GAU sondergleichen: Die Deutsche Telekom beschränkt das Datenvolumen von DSL-Anschlüssen und bringt damit Politik, Behörden und die Netzcommunity gegen sich auf. Dabei reicht der Plan von Konzernchef Obermann viel weiter, als nur bei Vielsurfern abzukassieren.
Von Martin Hintze
René Obermann: Der Telekom-Chef ist Zielscheibe für Spott und Häme

René Obermann: Der Telekom-Chef ist Zielscheibe für Spott und Häme

Foto: Oliver Berg/ dpa

Hamburg - So schnell kommt man zu neuen Spitznamen. In Foren, Blogs und Tweets heißt die altehrwürdige Deutsche Telekom nur noch "Drosselkom". Über den Ex-Monopolist ergießt sich eimerweise Spott und Häme, seit die Bonner vor knapp zweieinhalb Wochen erste Details über die Datendrosselung für DSL-Anschlüsse in ihrem Netz bekannt gaben. "Wir radieren die Internetsucht im Vorbeigehen aus", vermeldet der Twitterkanal Deutsche Drosselkom. Oder: "Auf vielfachen Wunsch kommt der Modem-Einwahlton wieder!"

Für Konzernchef René Obermann blieb es nicht beim neuen Kosenamen. Die Empörung schwappte bis nach Berlin. Die Schelte fiel parteiübergreifend aus und gipfelte in einem Brandbrief von Wirtschaftsminister Phillip Rösler (FDP). Dann leitete die Bundesnetzagentur eine Überprüfung ein. Und schließlich mahnte die Verbraucherzentrale NRW am Montag die Telekom ab.

Seit dem 2. Mai hat die Telekom  das Kleingedruckte in ihren DSL-Verträgen geändert. Dahinter steht nichts Geringeres als die Abschaffung der Flatrate-Zugänge in das World Wide Web. Wie auch bei den Mobil-Verträgen sollen die Kunden für ein bestimmtes Datenvolumen zahlen. Alles was darüber hinausgeht kommt nur noch im Schneckentempo auf den heimischen Computer. Bei Tarifen mit einer Geschwindigkeit von 16 Megabit pro Sekunde dürfen monatlich 75 Gigabyte heruntergeladen werden. Ist das Volumen ausgeschöpft, wird auf 384 Kilobit pro Sekunde abgebremst. Gegenüber einem schnellen VDSL-Anschluss bedeutet das eine Reduzierung von über 99 Prozent.

Drosselung für alle Telekom-Kunden ab 2018

Normales Surfen ist in dem Schneckentempo kaum möglich. Wer mehr Volumen will, muss mehr bezahlen. Die Bremse soll erst im Jahr 2016 in Kraft treten. Zudem sind zunächst Neukunden und Tarifwechsler betroffen. Mit Einführung der neuen Netztechnologie "All-IP" ab 2018 - bei dem auch Festnetz-Telefongespräche über das Internet laufen - werden die AGBs dann für alle Verträge angepasst.

Bis Mitte Mai muss die Telekom auf die Nachfragen von Verbraucherschützern und der Bundesnetzagentur reagieren. Noch gibt sich der Konzern unnachgiebig. "Für uns ist das Thema zu wichtig, als dass wir zurückrudern könnten", sagte Telekom-Vorstand Niek Jan van Damme in einem Interview mit der "Welt".

Die Frage ist nur: Warum? Sicher, die Gewinnspanne im Kerngeschäft ist seit Jahren mickrig, wie gerade heute wieder deutlich geworden ist. Die Deutsche Telekom kämpft zum Jahresauftakt in so gut wie allen wichtigen Ländern mit Gewinn- und Umsatzverlusten. "Deutschland ist ein absolutes Niedrigpreisland. Die Margen sind sehr dünn", sagt Commerzbank-Analystin Heike Pauls dann auch. Insofern kann sich die Telekom mit neuen Tarifen etwas Luft verschaffen.

Allerdings überschreiten laut Obermann nur 3 Prozent der Kunden überhaupt die Datengrenze. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Malte Spitz hat ausgerechnet, dass die Telekom über den Zukauf von Zusatzvolumen mit Mehreinnahmen von 44 Millionen Euro pro Jahr erzielen könnte. Das sind weniger als 0,1 Prozent des Gesamtumsatzes von 58 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Riskiert der Konzern dafür seinen Ruf?

Das Dilemma der Telekom

Wohl kaum. Obermanns Pläne dürften noch weit darüber hinausgehen. Denn die Telekom steckt in einem Dilemma: Einerseits soll sie kräftig in den Ausbau der Datenleitungen investieren, weil zum Beispiel Video- und Musik-Streaming-Dienste und Cloud-Services - Programme, die im Internet statt auf dem Rechner laufen - immer schnellere Leitungen benötigen. Rund 80 Milliarden Euro würde laut Telekom der bundesweite Ausbau eines schnellen Glasfasernetzes verschlingen.

Nur würden die Bonner davon kaum profitieren, denn die Gewinne streichen die Content-Anbieter wie Apple oder Google ein. Und von denen sieht die Telekom bislang keinen Cent. "Mit der Datenbremse versucht die Telekom Geld von den Kunden einzufordern, das sie von Content-Anbietern nicht bekommt", sagt Commerzbank-Analystin Pauls.

Obermann verhandelt mit Content-Anbietern

Hinter Obermanns Daten-Diät steckt aber noch viel mehr. Der Clou aus Sicht des Konzerns: Sogenannte Managed Services wie beispielsweise die konzerneigene TV- und Videoplattform "Entertain" sind aus dem Datenvolumen ausgeklammert. So etwas gibt es in Mobilfunkverträgen bei der Nutzung des Musikdienstes Spotify schon länger. Politiker aller Couleur, Verbraucherschützer und auch die Bundesnetzagentur befürchten dadurch die Abschaffung der Netzneutralität, also dass alle Angebote mit gleichem Tempo ohne Vorfahrtsregeln durch das Netz geleitet werden. Für sie wäre das eine Revolution des Internets durch die Hintertür, allerdings zum Schlechten.

Auch andere Content-Anbieter könnten Managed Services buchen, natürlich gegen Geld. Spotify bezahlt für die Kooperation im Mobilfunk. Die Telekom will nun auch für die DSL-Anschlüsse Verhandlungen führen. Es wäre eine willkommene neue Einnahmequelle. Anbieter, die sich die unbegrenzte Durchleitung nicht leisten können, haben das Nachsehen. "Die Gefahr steigt, dass die Vielfalt sinkt und dass es neue Entwicklungen schwerer haben, sich am Markt durchzusetzen", konstatiert Grünen-Abgeordneter Spitz in einem Gastbeitrag für "Zeit Online".

Internet der zwei Geschwindigkeiten

Branchenexperten halten dagegen, dass es bereits heute keine Gleichbehandlung im Internet mehr gibt. "Die Priorisierung des Traffics ist längst Realität", sagt ein Unternehmensberater. Bereits heute würden viele Betreiber von Internetseiten mehr Leistung bei Dienstleistern einkaufen. Auch die Datenbremse hält der Experte für gerechtfertigt. "Schnelligkeit ist teurer, das ist eine faire Bepreisung. Schließlich kostet ein Business-Flug auch mehr als die Economy-Class."

Die Konsequenz: "Ein Internet der zwei Geschwindigkeiten könnte in Deutschland Schule machen", sagt Frank Heuer, Analyst beim Beratungshaus Experton. "Für eine garantiert hohe Übertragungsqualität bestimmter Angebote fallen Zusatzkosten an, der Rest wird nach dem Prinzip der bestmöglichen Leistung geliefert."

Würde sich Obermann mit seinen Plänen durchsetzen, könnte er wohl mit dem neuen Spitznamen für seinen Konzern leben.