Managerhaftung Was D&O-Versicherungen bringen

Ob Refugium, Holzmann oder Balsam: Führungskräfte werden von ihren Ex-Arbeitgebern zunehmend mit Regressansprüchen konfrontiert. Können sie ihre Unschuld nicht nachweisen, treten D&O-Versicherungen ein. Joseph Schilling gab Auskunft im Experten-Chat.

mm.de:

Herr Schilling, wie kann sich ein Manager am besten gegen Regressforderungen schützen?

Schilling: Mit dem Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung für Manager. Die D&O (Directors and Officers Liability Insurance) kommt aus den USA und deckt Schadenersatzansprüche von Dritten und Gesellschaftern gegenüber Managern ab (Vorstand, Aufsichtsrat, Geschäftsführer, Beiräte etc.). D&O deckt Abwehrkosten und gleicht, wenn eine Pflichtverletzung feststeht, Vermögensschaden aus.

AxelJanssen: Muss der Manager sich versichern oder das Unternehmen?

Schilling: Versicherungsnehmer ist das Unternehmen; versicherte Personen sind Manager. Die Prämie zahlt das Unternehmen.

lumi: Welche Chancen haben Klagen?

Schilling: Es gilt bei Managerhaftung die Umkehr der Beweislast. Das heißt, der Manager muss beweisen, dass alles richtig gemacht wurde. Der Entlastungsbeweis ist naturgemäß schwierig, daher sind Klagen Erfolg versprechend.

lumi: Tritt die Versicherung auch bei vorsätzlicher Handlungsweise für den Schaden ein?

Schilling: Nein, Vorsatz ist ausgeschlossen, aber bis rechtskräftig Vorsatz feststeht, gilt der Versicherungsschutz.

mongo: Bei Umkehr der Beweislast muss ich also alle Unterlagen und Notizen aufheben?

Schilling: Das ist richtig und wichtig. Häufig fehlt jegliche Dokumentation, um Entlastungsbeweis zu führen.

AxelJanssen: In welchen Größenordnungen sollten solche Versicherungen abgeschlossen werden? Gibt es eine Faustformel zur Ermittlung der idealen Versicherungssumme?

Schilling: Dies hängt von der Unternehmensgröße ab. Je größer die Bilanzsumme und der Umsatz, desto höher die Versicherungssumme.

mongo: Was mache ich, wenn mir mein Unternehmen eine solche Versicherung nicht anbietet?

Schilling: Privat ist ein Abschluss nicht möglich. Aber: Das Unternehmen hat im Falle einer Versicherung den Vorteil der Bilanzsicherheit.

ada lat: Die Gründer von Start-ups haben ja oft wenig Erfahrung und gehen ziemlich hemdsärmelig vor. Haben die größere Risiken?

Schilling: Ja, deshalb haben sie auch Schwierigkeiten, einen Deckungsschutz zu erhalten.

AxelJanssen: In welcher Größenordnung bewegen sich die Kosten für solch eine Versicherung?

Schilling: Dies hängt ab von Bilanz, Umsatz, Branche und Auslandsrisiken. Eine Million Mark Deckungssumme gibt es ab 7000 Mark netto Mindestprämie. Bei großen Unternehmen steigt die Jahresprämie bis auf 500.000 Mark.

lumi: Können Unternehmen gezwungen werden, Versicherungen anzubieten?

Schilling: Nein, aber der Druck wächst so stark, dass quasi standardmäßig aus Fürsorgepflicht eine Versicherung angeboten wird.

ronaldo: Müssen sich Start-ups auch gegenüber Risikokapitalgebern versichern?

Schilling: Ja, es haben beide ein Interesse: Die Venture-Capital-Gesellschaft hat Bilanzsicherheit. Start-up-Manager haben durch eine Versicherung größere unternehmerische Freiheit.

AxelJanssen: Gibt es Risikozuschläge bei den Versicherungen? Zum Beispiel für Start-up Unternehmen?

Schilling: Ja, häufig verbunden mit Börsenplänen, dann gibt es noch größere Zuschläge.

ronaldo: In welchen Branchen werden die meisten Versicherungen angeboten?

Schilling: Ursprünglich im Dienstleistungsbereich. Heute in allen Branchen. Die Top 100 Unternehmen haben zu 95 Prozent eine Versicherung.

ggerdes: Was haben denn die Zuschläge für Start-ups mit den Börsenplänen zu tun? Warum steigen die dann?

Schilling: Der Börsengang hat für Manager zusätzliches Haftungspotenzial. Aus Börsenprospekt haften Manager persönlich.

ronaldo: Was sind die häufigsten Fehler, bei denen die Versicherungen einspringen müssen?

Schilling:

  • Organisationsverschulden, z. B. Aufbauorganisation fehlerhaft
  • Auswahlverschulden, z. B. Mitarbeiter oder Geschäftspartner
  • Überwachungsverschulden, z. B. Arbeitsabläufe nicht ausreichend kontrolliert
ggerdes: Was heißt das: Aus Börsenprospekt haften Manager persönlich - mit allem, was sie privat besitzen?

Schilling: Manager haften grundsätzlich unbeschränkt. Das ist der große Unterschied zu normalen Angestellten.

Professor Tigges: Wie kann man eine fehlerhafte Aufbauorganisation nachweisen?

Schilling: Wenn ein Schaden eingetreten ist, muss der Manager nachweisen, dass die Organisation korrekt ist. Im normalen Zivilrecht muss der Anspruchsteller Fehler nachweisen, hier ist es umgekehrt.

ggerdes: Können Sie ein Beispiel für Auswahlverschulden geben?

Schilling: Wenn zum Beispiel ein Controller ohne ausreichende Erfahrung oder ein Jurist in der Betriebswirtschaft eingesetzt wird oder die Liquidität des Geschäftspartners nicht geprüft wird.

mongo: Gibt es gute / schlechte Versicherungen oder große Preisunterschiede?

Schilling: Die Preisunterschiede betragen bis zu 100 Prozent. Es kommt wesentlich auf die Qualität des Bedingungswerkes an. Die Qualitätsprüfung bedarf externer Beratung, z. B. wie ist Vorsatzausschluss formuliert? Wissentliche Pflichtverletzung oder Vorsatz? Ersteres ist strenger, Pflichtverletzungen die bekannt sind oder hätten bekannt sein müssen.

AxelJanssen: Wie häufig werden solche Versicherungen in Anspruch genommen?

Schilling: Es ist keine Frequenzversicherung, wenn sie aber in Anspruch genommen wird, geht es um hohe Beträge. Wir regulieren regelmäßig Fälle in einer Größenordnung von 0,5 Millionen Mark bis über 100 Millionen Mark. Keine Frequenzversicherung bedeutet, dass sie nicht häufig in Anspruch genommen wird, wie zum Beispiel die Kraftfahrtversicherung.

lumi: Welche Bereiche werden durch die Versicherung abgedeckt?

Schilling: Abgedeckt werden Vermögensschäden in Abgrenzung zu Personen und Sachschäden. Ausgelöst durch das Unternehmen wie bei Holzmann, oder durch Dritte, zum Beispiel dem Konkursverwalter oder der Steuerbehörde.

Azazel: Wer definiert die Grenzen zwischen Pech und regresspflichtigem Verhalten?

Schilling: Schwierigstes Problem ist die Schadensregulierung. Entschieden wird es letztlich vor Gericht, wenn es keine Einigung gibt. Unternehmerisches, allgemeines Risiko ist nicht versicherbar. Es muss immer eine Pflichtverletzung vorliegen.

Observer: Was muss ich denn falsch machen, um zur Kasse gebeten zu werden?

Schilling: Zum Beispiel die Frist bei Steuer oder Subventionen oder Abnahmen versäumt haben. Weiteres Beispiel: unzureichendes Finanzmanagement.

pokemon: Brauchen Manager eine solche Versicherung nicht lebenslang? Wer zahlt die Prämien nach der Pensionierung?

Schilling: Der Versicherungsschutz besteht, solange die Police besteht. Bei Kündigung einer Versicherung gibt es regelmäßig Nachhaftungsregelungen.

Ezekiel: Ab welcher Größenordnung lohnt es sich?

Schilling: Ab einer Bilanzsumme von einer Million Mark. Vorher bieten Versicherer in der Regel keine Deckung.

iluvlycos: Was kann ich während meiner Amtszeit tun, um mich für hinterher abzusichern?

Schilling: Neben dem Abschluss einer D&O, möglichst viel dokumentieren, Gesprächsnotizen und Protokolle aufheben.

telekomm: Wie sieht es mit Verjährungsfristen aus?

Schilling: Das hängt von der Gesellschaftsform ab: Für eine AG beträgt diese fünf Jahre.

AxelJanssen: Kommt es häufig zu außergerichtlichen Einigungen?

Schilling: Dies ist der Regelfall. Sinn und Zweck der D&O-Police ist eine geräuschlose Regulierung.

Professor Tigges: Gibt es wie in den USA die Tendenz, dass die Gerichte härter zu Ungunsten der Firmen entscheiden?

Schilling: Ja, die Rechtsprechung verschärft sich eindeutig. Erstmals sind vor kurzem Aufsichtsräte persönlich für Millionen verurteilt worden.

Professor Tigges: Werden die Schäden zu 100 Prozent gedeckt?

Schilling: Wenn die Deckungssumme ausreicht, dann ja.

Professor Tigges: Haften GmbH-Geschäftsführer unbegrenzt?

Schilling: Auch GmbH-Geschäftführer haften unbegrenzt.

Professor Tigges: Hilft hier eine Qualitäts-Zertifizierung?

Schilling: Sicher hilft dies bei der Entlastung, dennoch gibt es keine Garantie. Wenn ein Schaden eingetreten ist, wird regelmäßig die fehlende Überwachung gerügt.

Observer: Wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen handele, sollte doch eigentlich nichts passieren?

Schilling: Wie beim Auto fahren auch: Dem besten Fahrer kann ein Vorfahrtsverstoß passieren. Oft gibt es Konfliktsituationen, in denen zwangsweise Entscheidungen getroffen werden müssen.

Walter Schreiber: Wäre der legendäre Fall mit der geplatzten Cola-Flasche auch in Deutschland möglich?

Schilling: Ja, wobei zunächst das Unternehmen haftbar wäre. Im nächsten Schritt würde das Unternehmen prüfen, ob die Manager für eine ausreichende Qualität gesorgt haben.

Walter Schreiber: Kann ich als Geschäftsführer auf Mitarbeiter verweisen, die geschlampt haben - und mich dadurch der Verantwortung entziehen?

Schilling: Nein, die Verantwortung bleibt beim Manager.

AxelJanssen: Wird das Management als solches versichert? Oder die einzelne Person namentlich?

Schilling: Es werden pauschal alle Organe ohne Namensnennung versichert.

iluvlycos: Ein Beispiel: Ich lasse einstellen und mein Personalmanager prüft nicht ordentlich. Bin ich als Vorstand dann auch dran?

Schilling: Ja, der Vorwurf wäre dann, entweder den falschen Personalmanager oder unzureichend überwacht zu haben.

iluvlycos: Wie sieht es mit alltäglichen Entscheidungen aus, und wie weit darf ich mich auf andere verlassen?

Schilling: Trotz Delegationsrecht bleibt die Verantwortung beim Manager.

Professor Tigges: Kann ein Unternehmen dafür haftbar gemacht werden, dass sein Aktienkurs schlagartig abstürzt?

Schilling: Je nach dem warum. Werden falsche Angaben gemacht oder aber der Markt pflichtwidrig falsch eingeschätzt, dann ja.

Azazel: Wenn ich das richtig verstanden habe, kann man sich also versichern lassen, um nachher abgesichert und bewusst Misswirtschaft zu treiben? Denn wer kommt in solche Bredouille schon unbewusst?

Schilling: Die Regel sind fahrlässige Pflichtverletzungen. Wie ein Anwalt oder Arzt auch nicht wegen einer Berufshaftpflichtverletzung bewusst schlampig arbeitet, ist dies beim Manager ebenfalls nicht der Fall.

pokemon: Kann ich also als Anleger einen Vorstand verklagen, wenn der absurde Planzahlen verkündet hat, die er dann zurücknimmt und den Kurs damit in den Keller schickt?

Schilling: Kommt auf die Gesellschaftsform an. Bei einer Aktiengesellschaft sind mindestens fünf Prozent des Kapitals erforderlich. Beispiele: Holzmann, Refugium. Fünf Prozent des Aktienkapitals müssen einer Klage zustimmen.

Azazel: Wie weit muss ich kontrollieren? Wie viele Ebenen im Unternehmen muss ich persönlich ständig unter Kontrolle haben?

Schilling: Je komplexer die Unternehmensstruktur, desto mehr Delegation ist erforderlich. Dann besteht die verstärkte Pflicht, eine optimale Struktur zu schaffen.

lumi: Können die Vorstände, wie es am Neuen Markt vorkommt, bei geschönten Zahlen auch verklagt werden?

Schilling: Ja, das ist auch schon geschehen.

gigaflop: Wie kann ich einen Markt pflichtwidrig falsch einschätzen?

Schilling: Indem ich unzulänglich prüfe, zum Beispiel keine Bedarfsanalyse durchführe etc.

AxelJanssen: Wird ein Geschäftsjahr versichert und alle Ansprüche aus diesem sind dann abgedeckt? Oder gibt es keine zeitliche Einschränkung?

Schilling: Es gilt "claims made". Das heißt: Versichert sind Pflichtverletzungen innerhalb des versicherten Zeitraumes. Zusätzlich muss die Geltendmachung in die Versicherungszeit fallen.

mongo: Noch mal zum Thema Notizen: Was verlangt die Versicherung von mir? Muss ich für die Tagebuch führen?

Schilling: Nicht für die Versicherung, aber gegenüber den Anspruchstellern ist dies wichtig.

ggerdes: Wenn von den Top-100-Firmen 95 Prozent eine Versicherung haben - warum, glauben Sie, haben fünf Prozent keine?

Schilling: Auf Grund der Unternehmenskultur, wenn diese zum Beispiel familiär geprägt ist.

AxelJanssen: Sind die Verträge in der Regel identisch oder werden diese sehr individuell aufgesetzt?

Schilling: Sehr individuell. Besonders wichtig ist die Beratung. Genauso wie ich meine Steuererklärung nicht vom Finanzbeamten machen lasse, muss ich auch die Versicherung behandeln. Die Haftungssituation verschärft sich deutlich. Und die Anspruchsmentalitäten wachsen.

Manager-Haftung: Das Ende der Schonzeit 


Die Wiedergabe wurde unterbrochen.