Kosten-Nutzen-Vergleich Wann sich IT-Freelancer für Firmen rechnen

Bereits ein Fünftel aller IT-Mitarbeiter in deutschen Großunternehmen arbeitet freiberuflich. Im Kosten-Nutzen-Vergleich liegen IT-Freelancer zwei Jahre lang vor Festangestellten, zeigt eine Studie. Doch es gibt Einschränkungen.
Freie Mitarbeiter in IT-Projekten sprechen oft unangenehme Wahrheiten aus

Freie Mitarbeiter in IT-Projekten sprechen oft unangenehme Wahrheiten aus

Foto: Corbis

Hamburg - Der Plan mit dem einprägsamen Namen "Liquid" sorgte vor einigen Monaten in der IT-Branche für helle Aufregung. Um sich für die Zukunft zu wappnen, plane IBM einen Radikalumbau seiner deutschen Niederlassung, meldeten mehrere Medien im Februar. In den nächsten Jahren wolle IBM die Zahl freier Mitarbeiter stark erhöhen - und Teilschritte von IT-Projekte künftig auf Internetplattformen ausschreiben. Bis zu 8000 der insgesamt 20.000 Stellen in Deutschland könnten deshalb in den nächsten Jahren wegfallen, hieß es in den Berichten. IBM dementierte, und bislang ist von einer Umsetzung des Verflüssigungsplans noch nichts zu sehen.

Dass Unternehmen im IT-Bereich häufiger als früher auf freie Mitarbeiter zurückgreifen, bestreitet in der Branche jedoch niemand. Eine manager magazin online exklusiv vorliegende Studie sucht nach handfesten wirtschaftlichen Gründen für diese Entwicklung - und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

So rechnet sich der Einsatz von IT-Freelancern bei zeitlich befristeten Projekten auch über einen längeren Zeitraum, heißt es in der Studie, die von der Fachhochschule Ludwigshafen im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführt wurde. Im Kosten-Nutzen-Vergleich sind IT-Freelancer bis zu 25 Monate lang günstiger als die Einstellung neuer Festangestellter, haben die Studienautoren ermittelt. Zudem scheint die Faustregel, dass deutsche Unternehmen ein Zehntel ihrer IT-Aufgaben mit Selbständigen abdecken, nicht mehr zu gelten. Mittlerweile liegt der Anteil der IT-Freelancer bei 20 Prozent und damit doppelt so hoch.

Für die Studie wurden überwiegend Führungskräfte befragt, die in den letzten zwei Jahren in Unternehmen mit selbständigen und festangestellten IT-Mitarbeitern zusammengearbeitet haben. Ein Großteil der Befragten arbeitet in Dax-Konzernen, großen Familienunternehmen oder dem Mittelstand. Auftraggeber und Partner der Studie war das Unternehmen Etengo, das IT-Selbständige an Unternehmen vermittelt.

Selbstständige arbeiten sich schneller ein

Mit 98 Teilnehmern ist die Studie zwar nicht repräsentativ. Doch das war auch nicht das Hauptaugenmerk der Studie, erläutert Etengo-Chef Nikolaus Reuter. "Wir wollten eine Standortbestimmung haben ", sagt er. Dabei wagt sich die Studie in ein Gebiet vor, das wissenschaftlich als wenig erforscht gilt. Sie versucht, die Produktivität geistiger Arbeit zu messen und zu vergleichen.

Als produktiv gilt laut der Studie ein Mitarbeiter dann, wenn er eigenständig und ohne wesentliche Rückfragen seine Aufgaben erledigt - in gewünschter Qualität und in vorgegebener Zeit. Bei zeitlich begrenzten IT-Projekten - und um diese ging es in der Studie - starten selbstständige IT-Fachleute deutlich schneller als Festangestellte. Zwei Drittel der befragten Manager gaben an, dass Freelancer deutlich früher produktiv werden als Festangestellte, sich also schneller in die Materie einarbeiten.

Während Festangestellte gut drei Monate brauchen, bis sie richtig loslegen, ist es bei Selbständigen nur ein Monat. Das hänge damit zusammen, dass Freelancer mehr Übung beim Starten neuer Projekte haben, meint Reuter. "Selbstständige sind stärker daran gewöhnt, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten. Sie haben einen Vorteil, weil sie das viel öfter tun", sagt er.

"Es gibt eine gewisse Unaufgeklärtheit im Markt"

Auf Basis der Produktivität vergleicht die Studie auch Kosten und Nutzen von Freelancern gegenüber Festangestellten in den IT-Abteilungen. Projektleiter wägen diese beiden Punkte genau ab, bevor sie für eine Aufgabe neue feste oder freie Mitarbeiter an Bord holen, sagt Reuter. Doch dabei gebe es eine "gewisse Unaufgeklärtheit im Markt", drückt er es aus.

Projektverantwortliche multiplizieren dabei gerne die Freelancer-Stundensätze mit der geschätzten Zahl an Arbeitsstunden, vergleichen das mit dem Gehalt eines Festangestellten - und lehnen die Beschäftigung von freien Mitarbeitern aus Kostengründen ab. "Dieser Vergleich hinkt", so Reuter. "Der Freelancer hat mit seinen Umsätzen erhebliche unternehmerische Risiken und auch eine private Alters- und Krankenabsicherung ohne Arbeitgeberanteil abzudecken. Und hat er kein Folgeprojekt, dann fehlt sofort der Umsatz."

Oft übersehen sie dabei, dass Freelancer sich nicht nur selbst versichern, sondern auch mögliche Leerlaufzeiten abfedern müssen. Auch Festangestellte kommen ein Unternehmen wesentlich teurer, als ein Blick auf den Lohnzettel suggeriert. Denn dort sind die tatsächlichen Lohnnebenkosten ebenso wenig aufgeführt wie weitere Ausgaben, die ein Mitarbeiter verursacht. Die reichen von der Nutzung eines Dienstwagens über das Kantinenessen bis hin zu teuren Weiterbildungen, die ein Mitarbeiter möglicherweise für ein Projekt besucht.

All diese Kosten sind im Kosten-Nutzenvergleich berücksichtigt. Die Studie entwirft dabei zwei Szenarien. Im konservativen wird die Zeit ausgeblendet, die vom Feststellen des Personalbedarfs für ein IT-Projekt bis zum Arbeitsbeginn eines festen oder freien Mitarbeiters verstreicht. Obwohl IT-Freelancer Stundensätze von 80 Euro aufwärts verlangen, sind sie selbst im konservativen Szenario acht Monate lang günstiger als ein Festangestellter - denn ihren deutlich früheren Produktivitätsstart holt ein Festangesteller nur langsam ein.

Freelancer sind in Projekten früher produktiv

Im progressiven Modell fließen auch die Kosten und Zeit für die Einstellung neuer Mitarbeiter ein. Mit dem Schalten von Anzeigen und dem Einhalten möglicher Kündigungsfristen vergehen laut der Studie sechs Monate bis zum tatsächlichen Arbeitsbeginn eines neuen, fest angestellten IT-Mitarbeiters.

Das verschiebt die Kosten-Nutzen-Rechnung drastisch. Denn bei Einrechnung der Rekrutierungsdauer werden Festangestellte erst nach neun Monaten produktiv, während Unternehmen für die Freelancer-Suche nur einen Monat aufwenden müssen. Nach dem zweiten Monat arbeitet der Freelancer laut der Studie bereits produktiv. Das verschafft ihm einen lang anhaltenden Vorsprung. Ganze 25 Monate verstreichen, bis Festangestellte bei den Kosten mit den Selbstständigen gleichziehen.

Die Ergebnisse der Untersuchung gelten vor allem für mittlere Hierarchieebenen, schränkt Reuter jedoch ein. IT-Vorstandsposten werden nur in seltenen Fällen mit Freelancern besetzt. Selbständige IT-Spezialisten mit Stundensätzen unter 40 Euro, beispielsweise im Support, bietet Etengo seinen Kunden nicht an.

Die Freelancer, die Etengo vermittelt zählen zu den IT-Spezialisten und setzen laut Angabe von Reuter im Schnitt 10.000 Euro pro Monat um. Etliche auch noch deutlich mehr. "Unsere Freelancer sind keine Geschassten", sagt Reuter. " Wir reden hier über Unternehmer, die sich an einem Punkt ihrer Karriere bewusst für die Selbstständigkeit entschieden haben und in Deutschland zu den Top-Steuerzahlern zählen".

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