Freitag, 23. August 2019

Onlinegames Deutschlands zaghaftes Spiel ums große Geld

Es geht um viel Geld: Milliardenbranche Computerspiele

Auf dem Wachstumsmarkt der Onlinespiele waren deutsche Entwickler ausnahmsweise schneller als die internationalen Branchengrößen. Jetzt fordert die Branche endlich mehr Unterstützung der Politik. Denn die fördert Spielehersteller bisher nach pädagogischen statt wirtschaftlichen Kriterien.

Hamburg - Immer mehr Deutsche sind Zocker. Sie suchen den Nervenkitzel, wollen Ablenkung vom grauen Arbeitsalltag. Sie zocken nach Feierabend oder heimlich während der Arbeitszeit, sie spielen allein oder bilden strategische Allianzen mit anderen Zockern. Es geht um viel Geld: Fast zwei Milliarden Euro. So viel gaben 25 Millionen Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr für Software aus, mit der sie am Computer oder Smartphone, am Tablet-PC oder auf einer eigens zu diesem Zweck angeschafften Konsole gegen Zombies und andere bösartige Gegner kämpfen, mit gekonntem Schwung bunte Vögel durch die Luft schleudern, virtuelle Welten erobern oder schlicht einen lustig zitternden bunten Wackelpudding heil durch eine Geisterbahn bugsieren.

Das Geschäft mit Spiele-Software für Konsole und Computer, Smartphone und Tablet boomt. In den nächsten fünf Jahren wird der Umsatz der Spielebranche in Deutschland um 50 Prozent auf rund drei Milliarden Euro wachsen, sagt eine Marktstudie der Beratungsgesellschaft PwC voraus. Weltweit, rechnet das Marktforschungsinstitut Gartner vor, setze die Spieleindustrie mit rund 70 Milliarden US-Dollar bereits heute mehr Geld um als etwa die Musik- oder die Filmindustrie. 2015 werde der Umsatz mit Games auf 112 Milliarden US-Dollar steigen. Immer mehr Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen entdecken den Reiz der virtuellen Spiele für sich. Hier lockt also ein lukratives Geschäft.

Der Haken: Die lukrativen Spiele werden in der Regel nicht in Deutschland entwickelt und produziert. Erfolgreiche Computer- und Konsolenspiele kommen meist von einem der großen Spiele-Publisher aus Japan oder den USA, die den Markt seit den neunziger Jahren beherrschen. Entwickelt und produziert werden sie in deren Auftrag in Ländern wie Kanada, die die Branche mit Steuererleichterungen locken.

Wer als deutscher Spieleentwickler in diesen Marktstrukturen Geld verdienen will, hat es nicht leicht: Die Unternehmen hangeln sich meist von Entwicklungsauftrag zu Entwicklungsauftrag. Sie beschäftigen Autoren, Designer, Grafiker und Programmierer, erfinden Geschichten, entwerfen Figuren und programmieren künstliche Welten. Ist ein Projekt abgeschlossen, muss der nächste Auftrag eines finanzkräftigen Publishers bereits in der Pipeline sein - sonst wird es finanziell schnell eng.

Chance auf einen Neustart

Das gilt nicht nur für junge Start-Ups, sondern auch für etablierte Entwicklungsstudios, wie jüngst das Beispiel des Offenburger Unternehmens Spellbound zeigte. Das Unternehmen, das seit Mitte der 90er Jahre für große Publisher erfolgreich Spiele entwickelte, musste Insolvenz anmelden, als Anschlussaufträge zu lange auf sich warten ließen. "Die Publisher haben für die Entwicklungsstudios traditionell die Rolle der Finanzierer und den Vertrieb übernommen. Und haben dafür auch alle Rechte am Spiel und den Löwenanteil der Gewinne eingestrichen", sagt Adrian Goersch, früherer kaufmännischer Leiter bei Spellbound.

Durch den Trend zu Online- und Browserspielen verändere sich jedoch das Machtgefüge in der Branche: "Entwicklungsstudios können ihre Spiele jetzt auch auf eigene Faust über das Internet verkaufen und bekannt machen", sagt Goersch. "Das ist eine große Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Heißt aber auch, dass Studios sich zunehmend selbst finanzieren müssen."

Unter dem Namen Black Forest Games wagt Goersch mit seinem früheren Spellbound-Partner Andreas Speer einen Neustart: Das nötige Kapital für die Fertigstellung eines neuen Spiels sammelte er per Crowd-Funding ein. "Die nächsten Jahre werden spannend. Der Markt verändert sich, das ist eine große Chance für Entwickler", sagt Goersch.

Auch beim Branchenverband BIU hoffen sie auf die Möglichkeit für einen Neustart der Branche. "Die Umsätze haben sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt, aber der Großteil der Wertschöpfung findet bisher außerhalb Deutschlands statt", sagt Verbandsgeschäftsführer Maximilian Schenk. Statt 10.000 Arbeitsplätzen könnte die Branche 15.000, vielleicht auch 20.000 Menschen beschäftigen, wenn ein größerer Teil der Wertschöpfung im Land bliebe. "Der Vorsprung von Ländern wie den USA, Japan oder Korea auf dem Weltmarkt ist natürlich sehr groß", sagt Schenk. "Aber die aktuellen Veränderungen in der Branche sind eine einmalige Chance, jetzt einen größeren Teil der Wertschöpfung ins Land zu holen."

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