Zu wenig Gründer Deutschland ist digital abgehängt

Von den 100 meistgeklickten Webseiten der Welt ist keine einzige "made in Germany". Im Web-Index des WWW-Erfinders Tim Berners-Lee ist Deutschland nur Mittelmaß. Rar sind auch deutsche Softwarehäuser mit globalem Ruf. Wir sind digital abgehängt worden - das hat Gründe.
Facebook-Gründer Zuckerberg: Die USA und auch viele europäische Länder bringen mehr innovative Gründer als Deutschland hervor.

Facebook-Gründer Zuckerberg: Die USA und auch viele europäische Länder bringen mehr innovative Gründer als Deutschland hervor.

Foto: KIMIHIRO HOSHINO/ AFP

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) stellen einen bedeutenden Faktor der deutschen Wirtschaft dar. So wird in Deutschland nach Informationen des Branchenverbands Bitkom im Jahr 2012 von etwa 850.000 Beschäftigten ein Umsatz von rund 150 Milliarden Euro erwirtschaftet werden. Laut Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) wird das jährliche Wachstum der deutschen Internetwirtschaft als wesentlicher Bestandteil der IKT-Branche zudem bei 8 Prozent liegen, was im Ergebnis etwa 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in 2016 bedeuten wird. Damit besitzt dieser Bereich eine höhere Wirtschaftskraft als die Branchen Bergbau oder Hotel und Gastronomie.

Die Schlüssel- und Querschnittsbranche IKT ist stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt; dabei kommt gerade jungen und neugegründeten Unternehmen (E-Entrepreneurship) eine besondere Rolle als Innovationstreiber zu. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) zählt etwa 11.000 IKT-Unternehmensgründungen jährlich - Tendenz steigend. Erfahrungsgemäß werden gerade im IKT-Sektor etliche Innovationspotenziale von großen, etablierten Unternehmen vernachlässigt - junge und neugegründete Unternehmen haben in diesem Kontext die volkswirtschaftliche Funktion, solche Innovationspotentiale zu realisieren und in marktfähige Geschäftsmodelle umzusetzen.

Es geht hier also nicht um irgendeine Branche, sondern um eine der wichtigsten Schlüsseltechnologien der Gegenwart und Zukunft. Und gerade hier ist der Standort Deutschland ins Hintertreffen geraten. Was sind die Gründe?

Mehr Bildungsangebote für IKT-Unternehmensgründer notwendig

These 1: Niedrige Gründungsneigung und hohe Risikoaversion der Deutschen kombiniert mit der Schwierigkeit, junge Menschen für naturwissenschaftliche Fächer wie die Informatik zu begeistern, beeinträchtigen die IKT-Gründungen.

Internationale Vergleichsstudien wie der Global Entrepreneurship Monitor zeigen für Deutschland kontinuierlich eine in Relation zu anderen wirtschaftlich entwickelten Staaten geringe Gründungsneigung. Zum Vergleich: Die Nascent Entrepreneurship Rate (Gründungsvorhaben) ist in den USA auch relativ gesehen mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Auch im im europäischen Vergleich liegen wir hinter England, Niederlande, Frankreich und Schweden zurück. Das gilt ebenso für die tatsächliche Total Entrepreneurial Activity (TEA). In den USA werden pro Monat etwa 540.000 New Business-Aktivitäten gestartet, davon 12,2 Prozent im Bereich E-Commerce und Online-Aktivitäten sowie 25,2 Prozent im Bereich Internet Publishing.

Gründungen im Hochtechnologiebereich um 25 Prozent gefallen

In Deutschland sind dagegen nach einer Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in den Jahren 1995 bis 2008 die Gründungsaktivitäten im Hochtechnologiebereich, zu dem auch die IKT-Branche zählt, um 25 Prozent gefallen. Gleichzeitig diagnostiziert der Branchenverband Bitkom rund 35.000 fehlende Fachkräfte. Deutsche Hochschulabsolventen reichen nicht aus, diese Lücke zu schließen und ziehen prinzipiell eine Tätigkeit in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen vor. Zusammengenommen verschärfen sich die Probleme der IKT-Unternehmen, wenn gerade junge Unternehmen dieser Branche betrachtet werden.

These 2: Es fehlt die Entwicklung spezifischer Bildungsangebote für IKT-Unternehmensgründer, da eine allgemeine Gründerlehre ohne jeglichen Branchenbezug nicht ausreicht für die Steigerung der IKT-Gründungen.

Die Ausbildung und Sozialisierung von IKT-Experten vernachlässigt konsequent die Entwicklung einer unternehmerischen Mentalität. Die Curricula von Universitäten und Fachhochschulen zielen primär auf Tätigkeiten in Forschung und in Großunternehmen ab. Gleichzeitig konzentriert sich die Förderung von Gründungskompetenzen an Hochschulen oftmals auf betriebswirtschaftliche Studiengänge - es ist notwendig, vermehrt Studierende zu erreichen, die in Informatik-Studiengängen eingeschrieben sind. Dabei haben empirische Studien gezeigt, dass IKT-Unternehmensgründer im Vergleich zu anderen Hochtechnologiegründern substantiell jünger sind - mit der Ausbildung muss folglich so früh wie möglich begonnen werden.

Die Förderung von Gründungslehrstühlen durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in den 1990er Jahren sollte folglich wieder aufgenommen werden - diesmal mit Schnittstellenlehrstühlen beispielsweise an technischen Universitäten, die explizit IKT-Unternehmensgründer ausbilden.

Ausbildung von IKT-Experten stärken

Zum Vergleich: Es gibt derzeit etwa 90 Professuren für Entrepreneurship an Universitäten, Fachhochschulen und sonstigen Hochschulen, davon "nur" 20 mit IKT-relevantem Themen- oder Forschungsfeld und nur zwei explizit mit "E-Entrepreneurship" als dem zentralen Thema (FH Göttingen und Uni Duisburg-Essen). Dagegen existieren im Controlling und Marketing jeweils über 90 Professuren alleine nur an Universitäten!

In den USA verfügt jede führende Hochschule mittlerweile über einen Entrepreneurship-Lehrstuhl, vielfach auch über einen Inkubator, der oft in Kooperation mit Unternehmen oder privaten Stiftungen betrieben wird. High-Tech-Gründungen, zu denen auch die IKT-Gründungen gehören, stehen dabei im Mittelpunkt. Teilweise hat sich eine komplette Gründungsindustrie rund um die Hochschule niedergelassen (Beispiel MIT).

Innovative Formen der Gründungsfinanzierung fehlen

These 3: Es fehlen innovative Formen der Gründungsfinanzierung wie beispielsweise staatliche Co-Investment-Programme für Business Angels oder University-Seed-Fonds für Ausgründungen der Hochschulen zur Steigerung der IKT-Gründungen.

Trotz eines verhältnismäßig geringen Kapitalbedarfs sehen mehr als 40 Prozent der IKT-Gründer einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zu Folge die Finanzierung des Unternehmens als größtes Problem. Gerade privates Engagement zur finanziellen Unterstützung von IKT-Unternehmensgründern in frühen Phasen der Unternehmensentwicklung ist in Deutschland noch verhältnismäßig gering ausgeprägt.

Deutschland zählt etwa 5000 sogenannte Business Angels, das heißt informelle private Investoren, während in den USA geschätzte 200.000 Business Angels aktiv sind. Geht man in beiden Ländern von vergleichbarem Potenzial an solventen und qualifizierten Investoren aus, so wäre eine Verzehnfachung deutscher Business Angels realisierbar. Bislang werden laut Bundeswirtschaftsministerium nur etwa 13 Prozent der jungen IKT-Unternehmen von Business Angels unterstützt. Im Ergebnis werden Startups der IKT-Branche in den USA in der Hälfte der Zeit mit dem x-fachen mehr an Startkapital ausgestattet als in Deutschland.

Staatliche Co-Investment-Programme könnten ferner dazu beitragen, weitestgehend verzerrungsfrei in diesen unterentwickelten Markt einzugreifen und diesen essentiellen Investorentyp zu unterstützen und zu entwickeln. Stattdessen schlug unlängst die Nachricht vom geplanten Wegfall der Steuervergünstigungen für Holding-Gesellschaften wie eine Bombe in der Gründerlandschaft ein. Ein falsches Signal, denn es müsste vielmehr darüber nachgedacht werden, wie man positive Anreize für mehr Investitionen setzen könnte, denn mehr Investitionen bedeuten am Ende auch mehr Unternehmen und damit auch mehr Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.

Jungen Gründern fehlt es an finanzieller Unterstützung

Großbritannien ist da ein gutes Beispiel. Bei Seed-Investitionen in Unternehmen, die nicht älter als zwei Jahre sind, können Privatinvestoren dank des "Seed Enterprise Investment Scheme'' bis zu 50 Prozent ihrer Investments - bis zu 100.000 Pfund - jährlich von der Einkommenssteuer abziehen. Auch für die Steigerung von Corporate Venture Capital sollte es mehr Anreize geben. Beispiel könnte die Stundung von Kapitalertragssteuern (,Roll-over'') oder deren Reduktion sein, wenn diese neu in ein junges Unternehmen investiert werden.

Ebenfalls ist es wünschenswert, die Beteiligung von Hochschulen an Ausgründungen, zum Beispiel über University-Seed-Fonds, zu verstärken. Studien der TU Dortmund zeigen hier, dass die unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen jedoch eine Zurückhaltung seitens der Hochschulen verursachen.

So finden wir auch hier gute Beispiele - leider woanders … etwa die University Seed Funds in England. Die britische Regierung setzte einen Fördertopf von anfangs mehr als 45 Millionen Pfund ein, um "good research" in "good business" zu verwandeln. Universitäten konnten sich fortan auf Zuschüsse von bis zu 250.000 Pfund bewerben, um eine Kommerzialisierung ihrer Forschungsergebnisse voranzutreiben.

Ziel der Seed Funds war es, eine Gründerkultur an englischen Universitäten zu etablieren und Wissenschaft und Wirtschaft einander näher zu bringen. Wichtig: Gefördert wird nicht die Forschung, sondern der Technologietransfer! Die Forschungsergebnisse und/oder Patente müssen also schon vorhanden sein. 53 erfolgreiche Ausgründungen, mit zahlreichen Arbeitsplätzen, gingen aus den geförderten Forschungsprojekten hervor. Und am Ende der Finanzierungsbrücke standen für viele universitäre Start-ups weitere Investoren mit Beteiligungen von insgesamt über weitere 17 Millionen Pfund.

Aber auch spezielle University-Seed-Fonds für einzelne Standorte, teilweise in Kooperation mit privaten Investoren, sind international zu beobachten: An der University of Rochester ist mit dem University Technology Seed Fund ein 6,5 Millionen Dollar Venture Fund entstanden, der gemeinsam von der Trillium Group und der Universität getragen wird.

Während sich die öffentlichen Hochschulen in Deutschland weiter zurückhalten, scheint sich zu mindestens an den privaten Hochschulen etwas zu tun. Einen Million Euro hat die Initiative "VenCube" der Frankfurt School of Finance & Management eingesammelt, um Studenten, Absolventen und Fakultäts-Angehörige bei Unternehmensgründung zu fördern.

Auch an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel formiert sich Gründerhilfe. In ihrer 55 Mitarbeiter starken Abteilung "Innovation Management & Entrepreneurship" ist seit Ende 2011 das Gründerzentrum "House of Ventures" im Aufbau. Mittelfristig möchte auch die EBS einen Topf anlegen - in Form einer Stiftung oder eines Fonds - um auch finanziell in vielversprechende Startups investieren zu können. Als Ziel gibt die EBS einen Betrag in Höhe von fünf Millionen Euro aus.

Deutschland sollte eine "Gründermetropole" entwickeln

These 4: Es fehlt noch die langfristige Entwicklung einer "Gründermetropole der IKT", damit Deutschland ebenso wie von seinem Finanzzentrum Frankfurt/M. auch von einer IKT-Hauptstadt als internationales Cluster profitiert.

Bereits jetzt weisen Ballungszentren und dicht besiedelte IHK-Bezirke überproportional hohe Gründungsraten im IKT-Bereich auf. Wirtschaftsgeographische Studien haben zudem gezeigt, dass das Innovationspotenzial einer Region überproportional mit der Bevölkerungsanzahl steigt. Im europäischen Vergleich kann entsprechend beobachtet werden, dass drei Regionen (Paris, die Lombardei, Madrid) bereits 10 Prozent der europäischen IKT-Aktivitäten aufeinander vereinen. Hinzu kommt noch die Startup-Metropole London.

Deutsche Metropolen wie Berlin oder München fallen dahinter zurück und sollten folglich gestärkt werden - nach von Bitkom präsentierten Zahlen bilden 4400 Berliner IKT-Unternehmen dazu beispielsweise eine geeignete Grundlage. Ob es dabei unbedingt die eine einzige Gründerstadt sein muss, kann man diskutieren.

Auch mehrere Gründer-Cluster könnten sinnvoll sein

Ein Blick in die USA zeigt, dass auch mehrere Gründer-Cluster sinnvoll sind und funktionieren. Zwar ist das Silicon Valley im Jahr 2011 mit 1202 neuen Unternehmen, die insgesamt über zwölf Milliarden Dollar an Venture Capital erhalten haben, natürlich der Hotspot für Hightech-Gründer, aber auch in New York haben spezielle Programme und die lokale Politik dafür gesorgt, dass 2011 immerhin 390 neue Startups gezählt werden konnten, die insgesamt 2,75 Milliarden Dollar erhalten haben. Alleine im ersten Halbjahr 2012 sind weitere 182 dazu gekommen.

These 5: Es fehlen noch das Selbstbewusstsein der IKT-Gründer und die Rahmenbedingungen, um auch selbst innovativere IKT-Geschäftsmodelle aus Deutschland heraus weltweit zu etablieren und somit den IKT-Gründungen auch im internationalen Wettbewerb ein Gesicht zu geben.

Gründungsraten im IKT-Bereich, die unter ihrem eigentlichen Potenzial bleiben, gehen mit einer Konzentration auf die großen technologischen Trends aus den USA einher. Um die absolute Zahl von Gründern in den wirklichen Hochpotenzialbereichen zu erhöhen, ist es notwendig, die Gründungsrate gerade auch über innovative Geschäftsmodelle zu steigern. Mehr innovative Gründer gehen dann Hand in Hand mit weiteren Gründern in dem neuen Gebiet.

Natürlich ist "kopieren nicht gleich kopieren" und es ist schwer, gegen die Startup- und Finanzierungskultur in den USA zu bestehen, trotzdem müssen sich Copy-Cats und Innovationen in Deutschland nicht ausschließen. Erfolgreiche Copy-Cats waren wichtig, um wieder ein funktionierendes Ökosystem zum E-Entrepreneurship in Deutschland in Gang zu bekommen, aber wir werden niemals den Vorsprung der anderen einholen, wenn wir nicht auch eigene Innovationen hervorbringen und zudem den Mut haben, diese auch zu finanzieren.

Fazit

Nötig ist vor diesem Hintergrund eine umfassende IKT-Gründungsagenda für Deutschland, um wieder Anschluss an die digitalen Leader zu bekommen. Eckpunkte müssen dabei sein:

• Faktor I für "Individuum": Maßnahmen zur Ausbildung von IKT-Gründern und IKT-Personal sowie die Verbesserung des Images und Steigerung der Bekanntheit von IKT-Gründern in Deutschland.

• Faktor K für "Kapital": Maßnahmen für innovative Finanzierungs- und Fördermodelle zur finanziellen Unterstützung der IKT-Gründer in Deutschland.

• Faktor T für "Transfer": Maßnahmen für technische (Breitband) und kommunikative (Netzwerke) Infrastruktur für IKT-Gründer innerhalb einer IKT-Metropole.

Ferner brauchen wir einen politischen Ansprechpartner für das Thema IKT-Gründungen in Form eines bundesweiten IKT-Beauftragten innerhalb der Bundesregierung. Das wäre ein starkes und auch wichtiges Signal für die IKT-Gründerlandschaft in Deutschland.

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