Telekommunikation Europas Mobilfunkriesen in Alarmstimmung

Nach Jahren der Ruhe kommt Bewegung in den europäischen Mobilfunkmarkt: Der Mexikaner Carlos Slim greift nach der E-Plus-Mutter KPN und der Telekom Austria. Europas Telekom-Riesen trifft der Vorstoß zur Unzeit. Weitere Investoren aus Schwellenländern liegen auf der Lauer.
Spielball E-Plus: Um Carlos Slim abzuschrecken, erwägt die Konzernmutter KPN einen Verkauf

Spielball E-Plus: Um Carlos Slim abzuschrecken, erwägt die Konzernmutter KPN einen Verkauf

Foto: E-Plus

Hamburg - Für den richtigen Zeitpunkt hat der reichste Mann der Welt einen guten Riecher. Als Mexiko vor 30 Jahren in eine Finanzkrise schlitterte, zog die Elite des Landes ihr Geld massenweise ab. Carlos Slim Helú hingegen witterte seine große Chance - und kaufte zu Billigpreisen mexikanische Unternehmen ein.

Einige Jahre später kamen Unternehmen im Bereich Telekommunikation dazu, denen Slim Helú einen Großteil seines Reichtums verdankt. Zu Slims Imperium gehört etwa América Móvil, der größte Anbieter von Festnetz- und Mobiltelefonie in Lateinamerika mit insgesamt 250 Millionen Kunden.

Nun will der 72-jährige Slim, dessen persönliches Vermögen auf 80 Milliarden Dollar geschätzt wird, auch auf dem europäischen Telekom-Markt Fuß fassen - und geht bei Schnäppchenpreisen auf Einkaufstour. Mitte Mai erklärte América Móvil, dass es seinen Anteil an dem niederländischen Telekommunikationsunternehmen KPN  auf knapp 28 Prozent aufstocken wolle. Das versetzt die Telekommunikationsbranche europaweit in Aufregung. Denn die Perle in KPNs Portfolio ist deren lukrative deutsche Tochter E-Plus, der drittgrößte Mobilfunkanbieter Deutschlands nach der Deutschen Telekom und Vodafone .

Doch Slim verlässt sich bei seiner Europa-Shoppingtour nicht nur auf die Niederlande und Deutschland - er kauft auch in Mittel- und Osteuropa zu. Wie heute bekannt wurde, übernimmt América Móvil einen 21-Prozent-Anteil an der Telekom Austria von dem Investor Ronny Pecik. Damit hält der lateinamerikanische Mobilfunkriese rund 23 Prozent an dem österreichischen Festnetz- und Mobilanbieter - und ist nach der österreichischen Industrieholding ÖIAG zweitgrößter Anteilseigner.

Zum Reich der Telekom Austria gehören Netzbetreiber in Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Bulgarien und Weißrussland. Der Kauf schaffe eine attraktive Präsenz in Mittel- und Osteuropa, teilte América Móvil heute mit. Damit hat sich Slim ein erstes Standbein in Europa geschaffen - und KPN könnte bald folgen.

Schulden machen Konzerne zur billigen Beute

Der Einstieg bei KPN dürfte allerdings schwieriger werden - denn Slim stößt in den Niederlanden auf Gegenwehr. Den KPN-Aktionären bietet Slim 8 Euro pro Aktie, insgesamt will Slim 2,6 Milliarden Euro auf den Tisch legen. Derzeit notiert die KPN-Aktie bei 7,90 Euro, im August 2011 lag sie noch bei 11,73 Euro.

Die KPN-Führung riet ihren Anteilseignern davon ab, auf América Móvils Offerte einzugehen. Das Angebot sei zu niedrig, teilte sie mit. Slims Angebot bewertet KPN mit rund elf Milliarden Euro - doch Experten schätzen, dass alleine die Tochter E-Plus bis zu zehn Milliarden Euro wert ist.

Unklar bleibt, ob Slim sich KPN komplett einverleiben will - doch das feindliche Angebot einer Anteilsübernahme deutet in diese Richtung. Klar ist jedoch, dass Slims Einstieg für Europas Telekommunikationsriesen zur Unzeit kommt. "Carlos Slim hat ein gutes Gefühl für Timing. Derzeit gibt es Anteile zu günstigen Konditionen", meint Peter Hascher, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung Steria Mummert.

Nach langen Jahren des Wachstums gelten die Mobilfunkmärkte in Europa als abgegrast. Neue Kunden können die Mobilfunkunternehmen nur mehr von ihren Wettbewerbern abwerben. Zudem geraten sie auf der Erlösseite unter Druck. Denn die Kunden greifen immer häufiger zu Paketen mit Flatrates für Sprachtelefonie. Das lässt die Umsätze der Netzbetreiber insgesamt sinken.

Die Umstellung der Netze auf den neuen LTE-Standard zur schnelleren Datenübertragung treibt gleichzeitig die Kosten der Mobilfunker in die Höhe. Und große europäische Player wie Telefónica oder France Telecom haben hohe Schulden angesammelt, die sie nun erstmal in den Griff bekommen müssen.

KPN droht mit Abspaltung von E-Plus

Angriffe von außen können Europas Telekom-Schwergewichte deshalb nur schwer abwehren. Zudem nagt die Schuldenkrise an den Aktienkursen der Unternehmen, was sie zur vergleichsweise billigen Beute werden lässt. Slim weiß das genau - und schlägt im richtigen Moment zu.

KPN will gegen die feindliche Übernahme schwere Geschütze auffahren - doch einfach wird das nicht. Vergangene Woche teilten die Niederländer etwa mit, dass sie für E-Plus "alle strategische Optionen prüfen, die den Anteilseignern einen Mehrwert bringen".

Mit einer möglichen Abspaltung ihrer deutschen Tochter hofft KPN, für die Avancen von Slim unattraktiv zu werden. Das könnte durchaus auch einen Verkauf von E-Plus an einen Mitbewerber bedeuten - und den deutschen Mobilfunkmarkt kräftig durcheinanderwirbeln.

"E-Plus ist das Filetstück innerhalb der KPN", sagt Hascher. Mit seiner Spezialisierung auf einfache, kostengünstige Dienste und Tarifstrukturen hat sich E-Plus zum drittgrößten deutschen Mobilfunkanbieter gemausert. Im vergangenen Jahr kam E-Plus auf einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro und einen Marktanteil von 17 Prozent. Discountmarken wie AldiTalk, Ay Yildiz und Blau sorgen bei E-Plus für eine operative Marge von 38 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres, ein im Branchenvergleich sehr guter Wert.

Bei der technischen Aufrüstung der Netze lässt sich E-Plus aus Kostengründen Zeit. So bauen die Düsseldorfer zwar auch ein schnelles LTE-Datennetz auf, allerdings müssen sie aus technischen Gründen deutlich mehr Sendemasten umrüsten als die Konkurrenz. Das verlangsamt den flächendeckenden Ausbau, zudem bleibt die Netzqualität für Datendienste bis auf weiteres etwas schlechter als bei der Deutschen Telekom, Vodafone oder O2. Doch das scheint die Discountkunden bislang nicht zu stören.

Dem Idealpartner fehlt das Geld

In Deutschland gäbe es einen passenden Partner für E-Plus: Den viertgrößten Mobilfunkanbieter O2, der dem spanischen Konzern Telefónica  gehört. Anders als E-Plus rüstet O2 seine Netze mit LTE für schnellere Datenübertragungsraten auf, die beiden Frequenzen würden sich also ergänzen. Analysten beziffern mögliche Synergieeffekte auf bis zu vier Milliarden Euro.

Gemeinsam kämen beide auf einen Marktanteil von 32 Prozent, was auch die Kartellbehörden auf den Plan rufen würde. Doch Branchenkenner Hascher hält das für keine allzu große Hürde. Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers Kabel BW durch den US-Konzern Liberty Global sei Ende letzten Jahres letztlich auch durch die Wettbewerbshüter bewilligt worden.

Das Gedankenspiel hat nur einen Schönheitsfehler: Telefónica fehlt derzeit das Geld für eine Übernahme. In den letzen Jahren haben die Spanier einen Schuldenberg von 57 Milliarden Euro aufgehäuft. Der drückt nun besonders stark, da Spaniens wirtschaftliche Misere zu hohen Zinsen für seine Unternehmen führt. Operativ gilt Telefónica zwar als gesund. Doch in diesem Jahr müssen die Spanier 4,5 Milliarden Euro allein an Schuldentilgungen aufbringen. Deshalb trennt sich Telefónica von Beteiligungen. Erst kürzlich haben sie Anteile an einem chinesischen Mobilfunkunternehmen für 1,1 Milliarden Euro verkauft.

"Telefónica ist so geschwächt, dass sie nicht als weißer Ritter in Frage kommen", sagt Markus Friebel, Aktienanalyst bei Independent Research. Eine direkte Übernahme kommt also kaum in Frage. Über Umwege könnte das Zusammengehen dennoch klappen, heißt es in der Branche. So hat Telefónica wiederholt einen Börsengang von O2 ins Spiel gebracht. Gesellschaftsrechtlich könnte die von Telefónica abgespaltene O2 mit E-Plus zusammengehen, ohne die Bilanz der Spanier stark zu belasten. Auch ein Joint-Venture zwischen den beiden Mobilfunkern wäre durchaus denkbar.

Außereuropäische Investoren hoffen auf Schnäppchen

Doch Ankündigungen einer Verschmelzung von O2 und E-Plus gibt es schon seit gut zehn Jahren. Ob sie nun durch den Druck aus Mexiko tatsächlich Realität wird, ist längst nicht sicher.

Unklar ist auch, ob die Aktionäre das niedrige Angebot von América Móvil überhaupt annehmen. Bis Mitte dieser Woche hatte sich der lateinamerikanische Mobilfunkriese 7,3 Prozent an KPN gesichert, das Angebot an die KPN-Aktionäre läuft offiziell bis 27. Juni. "Slim hätte die finanzielle Stärke, um das Angebot nach oben zu schrauben", sagt Friebel. Doch América Móvil hat bislang nichts in diese Richtung unternommen.

Ob sich KPN am Ende von seiner attraktiven deutschen Tochter lossagt, ist zudem fraglich. Die Niederländer stehen im Heimatmarkt unter Druck und trennen sich von bereits von Beteiligungen im Ausland. Nach der französischen haben sie nun auch die belgische Tochter Base zum Verkauf gestellt. Base soll KPN bis zu 1,8 Milliarden Euro in die Kassen spülen.

Unter den europäischen Telekomanbietern ist KPN ohnedies vergleichsweise klein. Wenn die Niederländer nun auch ihren Ertragsbringer E-Plus abgeben, verdüstert sich ihre Überlebensperspektive, argumentiert Unternehmensberater Hascher. Insgesamt werde es in den nächsten Jahren eine Konsoldierung auf Europas Mobilfunkmärkten geben, meint er. Diese müsse nicht notwendigerweise durch Übernahmen passieren - sondern könne auch über intelligente Formen der Zusammenarbeit funktionieren. So seien etwa auch Minderheitsbeteiligungen, Joint-Ventures oder die gemeinsame Entwicklung neuer Angebote denkbar.

KPN-Beteiligung als Faustpfand gegen Telefónica?

Das wäre wohl auch eine Option für América Móvil, die aus dem gesättigten europäischen Markt ohnedies nicht viel Gewinn herausholen können. Denkbar wäre auch, dass Carlos Slim eine über KPN laufende Beteiligung an E-Plus als Faustpfand nutzt - und mit seinem Konkurrenten Telefónica ein Tauschgeschäft vereinbart. Denn Telefónica hat Beteiligungen in Südamerika, die gut zu Slims Portfolio passen würden.

Nicht nur Slim kommt auf den Geschmack, zu Billigpreisen in Europa zuzukaufen. Wie die Financial Times vor kurzem berichtete, stützt der ägyptische Milliardär und Telekom-Unternehmer Naguib Sawiris einen Fonds, der unterbewertete europäische Telekommunikationsunternehmen kaufen soll. Dabei zielt der Fonds auf kleinere Unternehmensgruppen ab, denen die wirtschaftliche Lage in Europa zu schaffen macht - oder die von größeren, stark verschuldeten Müttern verkauft werden.

Auch aus Asien gibt es neue Vorstöße. Vor wenigen Wochen hat der Hongkonger Telekommunikationskonzern Hutchison Whampoa  2 Milliarden Euro für den insolventen irischen Mobilfunker Eircom geboten, ist damit aber vorerst abgeblitzt. Die Chinesen versuchen schon seit langem in Europa Fuß zu fassen - bisher sind sie aber nur in Österreich und Großbritannien mit der Marke "3" vertreten. Es ist aber durchaus denkbar, dass Hutchison die Gunst der Stunde für eine größere Einkaufstour nützt.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.