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O2 und E-Plus: Fremde Notfallpläne mit deutschen Mobilfunkern

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Deutscher Markt vor Umbruch Mobilfunker vor Totalumbau in Deutschland

Auf Deutschlands Mobilfunkmarkt bahnt sich eine Wende an: Die dritt- und viertgrößten Mobilfunker, E-Plus und O2, stehen zeitgleich vor dem Verkauf. Zusammen würden sie hierzulande eine neue Mobilfunkmacht bilden.

Den Haag - Es könnte sich die größte Umwälzung auf dem deutschen Mobilfunkmarkt seit der Jahrhundertübernahme von Mannesmann-D2 durch die britische Vodafone-Group ankündigen: Quasi über Nacht stehen plötzlich die Nummer drei des deutschen Mobilfunkmarktes, E-Plus, und die Nummer vier, O2, vor dem Verkauf - und beide zusammen vereinen so viele Kunden hierzulande auf sich, dass sie zusammen die Nummer eins auf dem deutschen Mobilfunkmarkt werden könnten. Die Wende kommt aus purer Not zustande.

Die O2-Mutter Telefonica, Spaniens Telefongigant und aktuell der größte Telekommunikationskonzern Europas, braucht plötzlich ebenso Geld wie die niederländische E-Plus-Mutter KPN - wenn auch aus anderen Motiven.

Telefónica gerät offenbar immer mehr in den Sog der europäischen Schuldenkrise. Das Heimatgeschäft schwächelt ungewöhnlich, seitdem mehr und mehr Spanier von Arbeitslosigkeit heimgesucht werden, deshalb genauer auf den Euro schauen und verstärkt zu Billigtelefonanbietern wechseln. Darüber hinaus sitzt Telefónica auf einem Schuldenberg von rund 57 Milliarden Euro und die Finanzkrise Spaniens führte zuletzt offenbar auch dazu, dass Telefonicas Zinslasten für die eigenen Milliardenschulden deutlich gestiegen sind. Zu hoch anscheinend für das Unternehmen. Der Verkauf der profitablen deutschen Tochter durch einen Börsengang könnte die Telefónica-Not lindern.

Der Wert der deutschen Tochter wird auf acht bis zehn Milliarden Euro geschätzt, der Verkauf eines Minderheitsanteils könnte also bis zu fünf Milliarden Euro in die Kasse der klammen Firma spülen.

KPN in Furcht vor feindlicher Übernahme

Anders dagegen bei der niederländischen KPN. Sie ist nicht plötzlich klamm - aber auch in Not. Und braucht offenbar ebenfalls ihre profitable Deutschland-Tochter, um sich eines schweren Problems zu erwehren: einer schleichenden unfreundlichen Übernahme durch América Móvil. Deshalb stellen die KPN-Manager ihre deutsche Tochter E-Plus auf den Prüfstand. Das Unternehmen prüfe strategische Optionen für Deutschlands drittgrößten Mobilfunker, teilte KPN mit - auch einen Börsengang.

An einer Konsolidierung im deutschen Markt teilzunehmen, könnte KPN-Aktionären große Vorteile einbringen, schrieb die KPN-Führung in einem Brief an ihre Anteilseigner. KPN spiele auch für die zweite Auslandssparte, das Geschäft in Belgien, alle Optionen durch.

Im Mai hatte der Mobilfunkkonzern des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim, América Móvil, ein Angebot an die KPN-Aktionäre vorgelegt, womit die Mexikaner ihren Anteil an dem niederländischen Unternehmen von etwa 5 Prozent auf 27,7 Prozent aufstocken wollen. Die KPN-Spitze empfiehlt ihren Aktionären offiziell, das Gebot von América Móvil in Höhe von acht Euro je Aktie - insgesamt 3,25 Milliarden Dollar - nicht anzunehmen. Die Offerte sei zu niedrig und spiegele nicht das Potenzial des Unternehmens wider.

Die Absichten des mexikanischen Unternehmens América Móvil seien weiterhin unklar, sagte KPN-Chef Eelco Blok. Der Großaktionär sei nicht willens, sich in einem Aktionärspakt an KPN zu binden. Den Mexikanern würde dieser Anteil ausreichen, um KPN zu dominieren, sagte Blok. Mit dieser Beteiligung könnte America Movil auf KPN-Hauptversammlungen strategische Entscheidungen zu ihren Gunsten lenken. Dazu gehörten Entscheidungen über große Übernahmen oder Verkäufe, die Ausgabe von Aktien oder die Zerschlagung von KPN.

Da zuletzt im Schnitt nur 44 Prozent des Kapitals auf KPN-Hauptversammlungen präsent waren, würden die Mexikaner mit ihrem Anteil über eine Stimmmehrheit verfügen. Daher hätte America Movil es nicht nötig, KPN-Aktionären eine offizielle Übernahmeofferte vorzulegen, die ab einem Anteil von 30 Prozent notwendig wäre.

Zufall oder nicht: Durch die Notlagen zweier großer europäischer Telekomgesellschaften wollen deren Manager ihre jeweils profitablen Deutschland-Töchter zur Notlösung einsetzen.

Telefonica braucht dringend Geld

So hate am Mittwoch dann auch der spanische Telekomkonzern Telefónica angekündigt, einen Börsengang des deutschen Geschäfts O2 zu prüfen. O2 ist mit 18,6 Millionen Kunden die Nummer vier in Deutschland, hinter E-Plus (23,1 Millionen), T-Mobile (34,7 Millionen) und Vodafone (36,4 Millionen). Nun wird spekuliert, ob Telefónica E-Plus übernehmen will. Die Unternehmen befänden sich in fortgeschrittenen Gesprächen, berichtete der TV-Sender Nos am Freitag ohne Angabe von Quellen.

KPN wollte die Gerüchte nicht kommentieren, Telefónica dementiert dagegen. Telefonica habe gegenüber Analysten erklärt, dass der Konzern nicht für Sparten von KPN oder den Konzern als Ganzes bieten wolle, sagte ein Telefonica-Sprecher am Freitag.

Einige Experten sehen in dem angekündigten möglichen IPO der deutschen Mobilfunkunternehmens O2 eine Chance für KPN, seine deutsche Tochter an Telefónica zu verkaufen, weil die Spanier durch einen Börsengang genügend Geld für eine Übernahme des Konkurrenten hätten. In der Vergangenheit hatten die Rivalen bereits Chancen für ein Zusammengehen ausgelotet, zu konkreten Vorhaben kam es aber bislang nicht.

Andere Analysten gehen jedoch davon aus, dass Telefónica mit einem möglichen Börsengang von O2 einzig und allein seine Schulden zurückführen wolle und Ratingagenturen eine Offerte an E-Plus nicht gerne sehen würden. Allein bis Ende März hatte Telefónica Verbindlichkeiten in Höhe von rund 57,1 Milliarden Euro angehäuft, das war mehr als doppelt so viel wie das Eigenkapital. Und auch im ersten Quartal lief das Geschäft nicht gut, der Gewinn halbierte sich nahezu.

mg/dpa-afx/rtr
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