Google, Microsoft, Intel, IBM Alle gegen Apple

Googles Geschäftszahlen haben die Börse herb enttäuscht. Auch die Bilanzen von IBM, Intel und Microsoft zeugen von einer schwierigen Konjunktur im IT-Geschäft. Die Branche ist rasendem Wandel unterworfen und sucht die Killer-Apps für das Zeitalter nach den herkömmlichen PCs.
Von Markus Gärtner
Vorreiter: Apple hat mit Smartphones und Tablets eine Antwort auf die PC-Flaute gefunden

Vorreiter: Apple hat mit Smartphones und Tablets eine Antwort auf die PC-Flaute gefunden

Foto: REUTERS

Vancouver - Es kommt selten vor, dass an der Wall Street nach der Schlussglocke mehr los ist als während der eigentlichen Sitzung. Die vier Tech-Giganten Google, IBM, Intel und Microsoft führten gestern vor, wie man das macht. Nicht alle mit demselben Erfolg, wie die weltweit größte Internet-Suchmaschine Google heftig zu spüren bekam. Das Unternehmen enttäuschte die Analysten bei Umsatz und Gewinn. Die Anleger quittierten den seltenen Bilanzflop mit einem Kursverlust von 9 Prozent im nachbörslichen Handel.

Ein gut sichtbarer roter Faden zieht sich durch die Bilanzberichte aller vier Tech-Ikonen: Sie alle greifen Apple  an, um sich ein Stück vom rasant wachsenden Mobilgeschäft mit Smartphones und Tablets zu sichern. Sie alle bekommen in der einen oder anderen Form zu spüren, dass das schleppende PC-Geschäft unter der Krise in Europa und dem verheerenden Hochwasser vor Weihnachten in Thailand leidet. Die Fluten in Südostasien zerstörten nördlich von Bangkok ein Viertel der globalen Produktionskapazität für PC-Festplatten.

Eine gute Nachricht, die in allen vier Bilanzberichten anklingt, lässt für die nächsten Monate einigermaßen hoffen: Das Geschäft mit Firmen, die Chips, Software, Server und IT-Dienstleistungen brauchen, zeigt zwar Schleifspuren einer schwächeren globalen Konjunktur. Doch bei allen vier Firmen hat es sich im Schlussquartal 2011 relativ gut gehalten. So negativ wie bei der Weltbank, die zur Wochenmitte der Weltkonjunktur die Gefahr einer Rezession bescheinigte, hörte sich das gestern jedenfalls nicht an.

Google: Dominanz im Suchgeschäft reicht nicht mehr

Bei Google  sind die negativen Auswirkungen der anhaltenden Schuldenkrise in Europa, der jetzt eine Rezession folgt, besonders gut sichtbar. Der Internet-Primus erzielteim Schlussquartal 2011 satte 53 Prozent seiner Erlöse außerhalb der USA. Ein Großteil davon wird in Europa erwirtschaftet, wo bei Google die Verkäufe von Onlineanzeigen nur noch um 5 Prozent wuchsen, nach 20 Prozent Zuwachs in der ersten Jahreshälfte 2011. Die suchbasierten Anzeigenausgaben in Europa nahmen im vierten Quartal um 14 Prozent zu, verglichen mit 22 Prozent in den USA, heißt es beim digitalen Marketingunternehmen Ignition One.

Google, dessen Verwaltungsratschef Eric Schmidt im Dezember ein neues Tablet binnen sechs Monaten ankündigte, meldet für das Dezemberquartal 8,13 Milliarden Dollar Umsatz. Die Analysten hatten 8,41 Milliarden erwartet. Auch der Gewinn je Aktie lag mit 9,50 Dollar einen Dollar unter der Prognose der Analysten. "Die haben noch nie bei beiden Größen gleichzeitig enttäuscht", sagt der IT-Analyst Kim Forrest bei der Fort Pitt Capital Group. Ihn überrascht zudem das Ausmaß, in dem Umsatz und Gewinn verfehlt wurden.

"Google ist ein guter Frühindikator für die Konjunkturentwicklung, weil das Onlinegeschäft am schnellsten auf Veränderungen reagiert", sagt der IT-Analyst Eugene Munster von Piper Jaffray. Munster sieht in den Google-Zahlen "frühe Signale, dass die Straße vor uns etwas holpriger wird". Die meisten Analysten fragten sich gestern jedoch, wie Google künftig seine Erlöse investieren will. "Ich muss mich fragen, wohin das Geld geht, wofür geben die das aus? Mein Gefühl sagt mir, dass es in Plattformen wie Chrome und in die Android-Software geht", erläutert Forrest.

Google arbeitet daran, seinen Kunden mehr Optionen im mobilen Anzeigengeschäft zu bieten, und investiert in seine Suchmaschine, um bessere Ergebnisse zu erzielen und den dominanten Marktanteil im Titanenkampf mit der Suchmaschine Bing von Microsoft  zu halten. Im Dezember konnte Google laut Comscore in den USA seinen Marktanteil am Suchgeschäft ein paar Zehntelprozentpunkte auf 65,9 Prozent ausbauen, während Microsoft minimal von 15,0 Prozent auf 15,1 Prozent zulegen konnte. Yahoo  kam auf 14,5 Prozent.

Microsoft: Gegenwind vom PC-Markt

Microsoft konnte mit einem Nettogewinn von 6,62 Milliarden Dollar für das Quartal - und 20,9 Milliarden Umsatz - positiv überraschen. Der weltweit größte Softwarehersteller profitierte vor allem vom guten XBox-Absatz vor Weihnachten und von industrieller Softwarenachfrage. Dagegen wurden die Windows-Verkäufe vom schwachen PC-Geschäft in der Folge der Thailand-Fluten in Mitleidenschaft gezogen. Auch Microsoft erlaubt einen guten Blick in die nähere Zukunft der globalen Konjunktur: Der "unverdiente Umsatz" - vertraglich gesicherte, aber noch nicht realisierte Erlöse - stieg im Quartal von 15,1 auf 15,4 Milliarden Dollar an.

Das belegt, dass Microsoft viele mehrjährige Aufträge von Firmenkunden gewinnen kann. "Wir spüren etwas Gegenwind von einem schwierigen PC-Markt", sagt Microsoft-Finanzchef Peter Klein, "aber Office- und Servergeschäfte wachsen weiterhin sehr schön". Das Geschäft mit dem Windows-Paket soll laut der Analystin Heather Bellini von Goldman Sachs auch in den kommenden Monaten schwierig bleiben, viele Kunden warten zudem auf das neue Betriebssystem Windows 8, bevor sie sich einen neuen PC zulegen, sagt Bellini voraus.

Laut Peter Klein wird es eine Herausforderung sein, PC-Käufer vom Wechsel zu Tablets und Smartphones abzuhalten, bis Windows 8 verkauft wird. Einen Termin wollte er nicht nennen. Eine Betaversion wird am Markt im Februar erwartet. Windows 8 wird ein Touchscreen-Interface für Tablets haben und mit Chiptechnologie von ARM laufen. Das soll den Konkurrenzgeräten des iPad mehr Laufzeit und Geschwindigkeit erlauben.

Die Windows-Division erlitt im Quartal einen Absatzrückgang von 6,3 Prozent. Der Windows-Umsatz hat in vier der letzten fünf Quartale enttäuscht. Laut Finanzchef Klein sieht man bei Microsoft "derzeit keine Schwäche im Firmengeschäft und sieht diese auch nicht kommen". Bei den Analysten klingt das allerdings zurückhaltender: "Man muss sich Sorgen machen, dass das Firmengeschäft Dampf verliert", sagt Brendan Barnicle beim Brokerhaus Pacific Crest Securities in Portland, Oregon.

Intel: Milliardeninvestitionen in Smartphone-Chips

Intel  konnte seinen Gewinn im vierten Quartal trotz des schleppenden PC-Geschäfts nach der Thailand-Katastrophe, das die Chipnachfrage reduzierte, um 6 Prozent steigern. Der Umsatz nahm um 21 Prozent auf 13,9 Milliarden Dollar zu. Die Folgen von Thailand sollen erst Ende des ersten Halbjahres 2012 abklingen. Der Chiphersteller will im laufenden Jahr seine Investitionen in schnellere Chips für Smartphones und Tablets um 16,8 Prozent auf 12,5 Milliarden Dollar steigern. "Die größte Überraschung des Quartals ist diese Investitionszahl", sagt der Analyst Patrick Wang bei Evercore Partners, "die investieren nicht nur um die Konkurrenz einzuholen, sondern um sie bei den Handsets zu überholen", sagt Wang.

Lenovo und Motorola Mobility wollen Intels neuen Medfield-Chip in ihre nächsten Smartphone-Modelle einbauen. Ein Hinweis dafür, dass in der globalen Konjunktur kein unmittelbarer Einbruch droht, ist der Zuwachs, den Intel im Quartal mit Chips für Server in Datenzentren erzielte. Er nahm um 8 Prozent zu. Wie Google gilt auch Intel als relativ gutes Barometer für die globale Konjunktur, weil seine Chips auf mehr als 80 Prozent der weltweit aufgestellten PCs installiert sind.

IBM: Firmenkunden drosseln ihre Technikausgaben

Weniger hoffnungsvoll stimmt dagegen der Quartalsbericht von IBM . Der weltweit größte Anbieter von Informationstechnologie für Firmen konnte mit einem Anstieg des Nettogewinns um 4 Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar zwar die Erwartungen der Analysten leicht übertreffen. Doch das Umsatzplus von lediglich 2 Prozent hat vielen Beobachtern am Donnerstag zu denken gegeben.

IBM verkauft Firmenkunden jedes Jahr Dienstleistungen, Software und Hardware für über 100 Milliarden Dollar. Vor diesem Hintergrund kann man den schwachen Umsatzanstieg als Warnzeichen interpretieren. Das gilt auch angesichts der Tatsache, dass der zuletzt erholte US-Dollar die repatriierten Gewinne des Unternehmens in den USA schmälert. Dieser Währungseffekt reduzierte nach Angaben von IBM den Umsatz im vierten Quartal um etwa 300 Millionen Dollar.

Die Umsatzzahl von IBM bestätigt jüngste Berichte, wonach Firmen ihre IT-Ausgaben im laufenden Jahr wegen der Unwägbarkeiten in der globalen Wirtschaft zügeln werden. Eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage des Research-Unternehmens Gartner unter mehr als 2300 IT-Vorständen in 45 Ländern geht davon aus, dass die Technologiebudgets 2012 stagnieren werden, mit reduzierten Ausgaben in Europa und Nordamerika.

Bei IBM wuchs der Auftragsbestand im vierten Quartal gegenüber den drei Vormonaten um vier Milliarden auf 141 Milliarden Dollar an. Das ist ein Zuwachs von 2,9 Prozent. Neue Aufträge für Dienstleistungen, die etwa 60 Prozent des Umsatzes von IBM ausmachen, gingen gegenüber dem Vorjahr um 8 Prozent zurück. Einige Analysten sind dennoch vom positiven Ausblick des Unternehmens für das laufende Jahr angetan: "Die sind bullish für das nächste Quartal, das stimmt mich zuversichtlich", sagt Kim Forrest bei der Fort Pitt Capital Group.