Chiphersteller Lackmustest für Infineons neue Strategie

Weniger Segmente, geringerer Umsatz, dafür stabilere Geschäfte: Mit einer Rosskur hat Peter Bauer den Chiphersteller Infineon wieder auf Kurs gebracht. Bauer präsentiert erfreuliche Jahreszahlen. Doch erst die nächsten Monate zeigen, was die neue Strategie taugt.
Chipfertigung bei Infineon in Dresden: Fokus auf drei Kernbereiche soll für Stabilität sorgen

Chipfertigung bei Infineon in Dresden: Fokus auf drei Kernbereiche soll für Stabilität sorgen

Hamburg - Börsenstar, Prügelknabe, Beinahe-Pleitier, Comeback zum Analysten-Liebkind: Mit seinem wilden Auf und Ab gleicht der Halbleiterhersteller Infineon einem Schauspieler, der sich nach Eskapaden immer wieder neu erfindet, um im Geschäft zu bleiben.

Schlagzeilen zu produzieren, darin waren die Münchner in den letzten zehn Jahren richtig gut. Das fing bei dem damaligen Boss Ulrich Schumacher an, der im Jahr 2001 zum Infineon-Börsengang im Renn-Porsche vorfuhr. Die Abspaltung der ungeliebten Speichersparte Qimonda geriet zur Zitterpartie, ihre Pleite vor zwei Jahren riss um ein Haar auch die frühere Mutter in den Abgrund.

Eine Kapitalerhöhung und ein striktes Kostensenkungsprogramm brachten Infineon die Wende, seit März 2009 geht es mit dem Unternehmen und dessen Aktienkurs steil aufwärts.

Doch es gibt eine Rolle, die Infineon  bisher noch nicht in seinem Repertoire hatte: Die des souveränen Geschäftsmannes, dem die Widrigkeiten der Märkte nichts anhaben können. Genau diese Rolle will Konzernchef Peter Bauer seinem Unternehmen nun auf den Leib schneidern - und die Aussichten auf Erfolg sind gar nicht mal schlecht.

Um das zu schaffen, muss sich die ehemalige Tochter von Siemens  sozusagen als Anti-Held der eigenen Branche präsentieren. Denn die Halbleiterindustrie ist für ihre spektakulären Umsatz-Höhenflüge bekannt, auf die meist ebenso heftige Einbrüche folgen. "Schweinezyklus" nennen Experten dieses extreme Auf und Ab, das speziell den schwächeren Halbleiterherstellern kräftig zu schaffen macht. Volkswirten gelten die Chiphersteller deshalb als Gradmesser: Wenn die Umsätze der Halbleiterbranche nach unten gehen, ist ein allgemeiner Konjunktureinbruch meist nicht mehr weit.

Schweinezyklus: Chipbranche spürt bereits den Abwärtssog

Genau auf dieses Szenario bewegt sich die Branche derzeit zu. So spürt der US-Hersteller Texas Instruments  bereits die Zurückhaltung der Kunden. Die wirtschaftliche Ungewissheit drücke die Nachfrage in fast allen wichtigen Marktsegmenten, sagte Konzernchef Rich Templeton Ende Oktober. Auch die europäische Branchengröße STMicroelectronics sprach von einer regional- und marktübergreifenden Schwäche.

Branchenriese Intel  hingegen rechnet mit einem weiteren Umsatzplus, weil die Nachfrage nach Laptops in Schwellenländern ansteigt. Infineon selbst hat nach drei Rekordquartalen vor wenigen Wochen ein düsteres Bild gemalt. Im vierten Quartal, das bei Infineon am 30. September endete, sank der Umsatz des Chipherstellers auf 1,038 Milliarden Euro von 1,043 Milliarden im Vorquartal. Operativ verdiente Infineon im Schlussquartal 195 Millionen Euro, um 17 Millionen weniger als zwischen April und Juni.

Im Gesamtjahr, dessen Bilanz Konzernchef Peter Bauer heute präsentierte, setzt Infineon zwar neue Rekordmarken. Der Umsatz stieg von 3,3 Milliarden auf knapp vier Milliarden Euro. Unter dem Strich verdiente der Dax-Konzern rund 1,12 Milliarden Euro, nachdem im Vorjahr noch 660 Millionen Euro verbucht wurde. Doch für das erste Geschäftsquartal, das bei Infineon bis Ende Dezember läuft, rechnet der Konzern mit einem Umsatzrückgang von etwa 10 Prozent.

Die nächsten, schwierigen Monate werden zeigen, ob die Saat des Peter Bauer aufgeht. Denn Bauers erklärtes Ziel ist es, Infineon unabhängiger von den starken Schwankungen der Chipbranche zu machen. Sein Unternehmen soll nun längere Zeit in den schwarzen Zahlen bleiben, ein Ziel, das Infineon in der Vergangenheit häufig verfehlte.

Trennung von zyklischen Bereichen soll Stabilität bringen

Dafür hat Bauer dem Chiphersteller eine relativ klare Ausrichtung verpasst. Künftig soll sich Infineon auf drei Bereiche konzentrieren: Auf Chips für die Automobilindustrie, zur Erhöhung der Energieeffizienz und den Sicherheitsbereich. Segmente, die nicht mehr in diese Ausrichtung passten, hat Bauer veräußert. Zuletzt trennte sich Infineon etwa von der profitablen, aber äußerst schwankungsanfälligen Mobilfunksparte. 1,1 Milliarden Euro ließ sich der US-Chipriese Intel den Zukauf kosten. Für Infineon fiel damit aber auch ein Drittel seines Konzernumsatzes weg.

Die Ausrichtung auf drei Kerngeschäftsfelder soll Infineon stabilere Umsätze bescheren. Für die Elektrifizierung des Automobils werden mehr Chips benötigt, sagte Bauer Ende 2010 in einem Interview mit manager magazin. Die regenerative Energieerzeugung "wird weiter extrem wachsen", die zunehmende Vernetzung der Gesellschaft erhöhe die Sicherheitsanforderungen.

Der Wachstumstrend sei in diesen Segmenten "deutlich höher als im gesamten Halbleitermarkt", so Bauer, und sollte Infineon so auch gegen die starken Ausschläge der Branche besser absichern. In den nächsten fünf Jahren will Bauer den Umsatz jährlich um mindestens zehn Prozent steigern.

Das ist ein ehrgeiziges Ziel in einer Branche, die zu starken Schwankungen neigt. Doch die Münchener haben eine gute Ausgangslage. "Die zyklischen Bereiche, die Verlustbringer waren, sind nun alle weg", urteilt etwa Jan-Christian Göhmann, Branchenanalyst bei der NordLB. Infineon habe seine Hausaufgaben nach der Krise der Jahre 2008 und 2009 erledigt und sei nun gut aufgestellt, zollt Göhmann dem Unternehmen Lob. Selbst in schwächeren Zeiten dürfte der Chipproduzent eine vergleichsweise stetige Nachfrage nach seinen Produkten sehen, urteilt der Analyst. Das Unternehmen habe sich so konjunkturell unabhängiger gemacht.

Abnabelungsstrategie mit Risiken

Die Abnabelung von dem allgemeinen Branchentrends könnte auch deshalb gelingen, weil Infineon weltweit gesehen ein relativ kleiner Player ist. Etwa 300 Milliarden Euro ist der gesamte Halbleitermarkt schwer, Infineon setzte im vergangenen Jahr gerade mal vier Milliarden Euro um. Rund 40 Prozent des Infineon-Umsatzes entfallen nun auf den Automotive-Bereich, mehr als 40 Prozent trägt der Industriechip-Bereich bei. Den hat Infineon kürzlich in zwei Bereiche unterteilt und den bisherigen Bereichschef Arunjai Mittal in den Vorstand berufen. Die Segmente Automotive und Industriechips liefern Gewinnspannen von 20 Prozent ab. Im Sicherheitsbereich, der rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, liegen diese aber nur im hohen einstelligen Bereich.

Infineon-Chef Bauer will künftig eine Ergebnismarge von 15 bis 20 Prozent erzielen, um "zyklusfest" zu sein, wie er es ausdrückt. Doch Unsicherheiten in seiner Strategie bleiben. Denn seine Margenvorgaben kann Infineon nur erfüllen, wenn der Automotive-Bereich konstant hohe Erträge abwirft. Noch ist die Nachfrage im Automotive-Bereich aber rege, die Umsätze in China wachsen zwar langsamer, zeigen aber weiter deutlich nach oben. Doch in der Krise des Jahres 2009 brach die Nachfrage in der Autoindustrie um 30 bis 40 Prozent ein. Doch die Automobilhersteller sind diesmal besser gegen einen möglichen Einbruch gerüstet, was Infineon wiederum in die Hände spielt.

Riesige Wachstumsraten sind aber bei Infineons beiden Kernbereichen in diesem Jahr nicht zu erwarten. Studien des Marktforschungsunternehmens iSuppli zufolge soll der Autobereich der Halbleiterbranche in diesem Jahr um 3 Prozent wachsen, das Industriesegment soll 2011 um sieben Prozent zulegen.

Investitionen und Geldpolster gegen den Abschwung

Um seine Marktposition abzusichern, muss der Konzern kräftig investieren. Infineon hat bereits 250 Millionen Euro die Entwicklung größerer Silikonscheiben für eine neue Generation von Chips gesteckt - und ist laut Eigenangaben der Konkurrenz um zwei Jahre voraus. Das neue Verfahren soll die Kosten bei der Chipproduktion um 20 bis 30 Prozent senken, was in der schnelllebigen Branche ein großer Wettbewerbsvorteil wäre. Dazu muss Infineon allerdings einiges Geld in die Hand nehmen. Noch in diesem Jahr will Bauer entscheiden, ob er eine Milliarde Euro für ein neues Werk in Dresden oder Malaysia ausgibt.

Mit der Fokussierung auf Automobil- und Industriechips koppelt sich Infineon vom Wettbewerbsdruck des Massengeschäfts ab. Denn Infineon stimmt seine Spezialchips besonders gründlich auf die Bedürfnisse seiner Großkunden ab - was es für Konkurrenten schwermacht, einen Fuß in die Türe zu bekommen.

Doch die Spezialisierung hat auch einen großen Nachteil: Infineon kann die Fertigung seiner Chips kaum an Zulieferer auslagern, sondern muss diese in hauseigenen Fabriken herstellen. Das bindet Kapital und wird besonders dann zum Problem, wenn die Nachfrage deutlich sinkt.

Begehrliche Rücklagen, schwelender Qimonda-Streit

Um sich dagegen zu wappnen, hat sich Infineon auch durch den Verkauf der Mobilfunksparte ein dickes Geldpolster von 2,3 Milliarden Euro angelegt. Zukaufen will Bauer nur im kleinen Umfang, das hat er mehrfach klargestellt. Diese Rücklage ist als Risikopuffer und für Investitionen gedacht. Doch sie könnte auch Begehrlichkeiten bei Investoren wecken, die an eine feindliche Übernahme des Münchner Chipherstellers denken.

Zudem könnte die Pleite der einstigen Tochter Qimonda Infineon noch in den nächsten Monaten zu schaffen machen. Wegen Streitigkeiten mit dem Insolvenzverwalter hat Infineon kürzlich weitere 150 Millionen Euro zurückgestellt. Insgesamt beläuft sich die Vorsorge nun auf 300 Millionen Euro - und Berichten zufolge könnte das noch deutlich mehr werden. Bis zu einer Milliarde Euro könnte Infineon für den Rechtsstreit benötigen, meinte ein Insider vor kurzem gegenüber der Financial Times Deutschland.

Ob Bauers Fitnessprogramm Infineon in ruhigeres Fahrwasser gebracht hat, werden die nächsten Monate zeigen. Denn derzeit stehen die Zeichen weltweit auf konjunktureller Abkühlung. Fraglich ist, ob sich Infineon tatsächlich von den Trends seiner eigenen Branche abkoppeln kann. Eine der großen wirtschaftlichen Herausforderungen der Halbleiterindustrie ist ihre Zyklusanfälligkeit, schreibt etwa die Unternehmensberatung McKinsey in einer kürzlich publizierten Branchenstudie.

Und ausgerechnet der Autobereich, in den Bauer so große Hoffnungen setzt, hat im Krisenjahr 2009 einen Verlust von 117 Millionen Euro eingefahren. In der Industriesparte brachen die Umsätze damals um 23 Prozent ein, die Chipkarten verbuchten ein Minus von 27 Prozent.

Wenn es also, wie viele Experten erwarten, in den nächsten Monaten zu einem Konjunktureinbruch kommt, wird dieser auch zum Härtetest für Bauers Stabilitätsstrategie. Bei den Konkurrenten wird es branchentypisch wohl drunter und drüber gehen - hoffentlich nicht bei Infineon.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.