Aufstieg Brasilien wird zum heimlichen IT-Riesen

Brasilien ist längst nicht mehr nur Rohstofflieferant, sondern plötzlich Hightech-Produzent der Zukunft. Denn das Land zieht nach Autoindustrie und Schiffbau eine IT-Branche hoch. Mit einem eigenen Tablet-PC macht ein brasilianischer Hersteller nun gar Jagd auf Apple. 
Von Stefan Biskamp
Rio de Janeiro: Der größtenteils noch unerschlossene IT-Markt Brasiliens wächst mit atemberaubenen Tempo

Rio de Janeiro: Der größtenteils noch unerschlossene IT-Markt Brasiliens wächst mit atemberaubenen Tempo

Foto: Helmut Reuter/ dpa

Rio de Janeiro - Ein Tablet-PC aus Brasilien? So wie Apples iPad, aber ganz auf die "brasilianischen Bedürfnisse" zugeschnitten und von brasilianischen Ingenieuren entwickelt? Das ist eine Steilvorlage für Danilo Gentili, einen der angesagtesten Kabarettisten des Landes. In seiner Late-Night-Show hält er mit ernster Miene etwas Flaches hoch, das von hinten aussieht wie ein iPad.

"Dieses Wunderwerk brasilianischer Ingenieurskunst hat alle Funktionen, die ihr braucht …" - er wendet das Tablet: es ist bloß ein Tischtaschenrechner - "…alle vier Funktionen! Und das Beste: Dank neuester Technologie kann man von Ziffern auf Buchstaben umschalten, indem man das Gerät einfach auf den Kopf stellt." Er dreht den Taschenrechner um 180 Grad und die Ziffern "50738" auf der LED-Anzeige lesen sich auf den Kopf gestellt wie "BELOS" - auf Portugiesisch "die Schönen".

So schöne Witze können Menschen über ihr Land machen, wenn sie einigermaßen locker auf sich selbst blicken können - weil es aufwärts geht, die Arbeitslosigkeit rasant sinkt und die großen Krisen auf der anderen Erdhalbkugel einschlagen.

Und da Humor eine soziale Funktion ist, zeugt der brasilianische von einer gewaltigen sozialen Stärke, die sich in der neuen Internet- und Computer-Ära in besonderen Einheiten messen lässt: in Tweets und Facebook-Mitgliedern. Nach den USA und Großbritannien ist Brasilien der aktivste Twitter-Markt der Welt, rund 7 Prozent aller Mininachrichten kommen von dort.

Twitter: Rafinha Bastos hängt Obama und Lady Gaga ab

Kabarettist Gentili bringt es auf zwei Millionen Twitter-Fans, sein Comedy-Partner Rafinha Bastos gilt mit zuletzt rund 3,1 Millionen sogar als einflussreichster Twitterer überhaupt, noch vor Barack Obama und Lady Gaga. Und der Landeschef von Facebook berichtete kürzlich auf einer Web-Messe, das Netzwerk habe in Brasilien mehr als 25 Millionen Mitglieder und allein im Juli zwei Millionen neue gewonnen. Denn da ist noch viel Luft nach oben: Auf knapp 200 Millionen Einwohner kommen derzeit erst 80 Millionen Internet-Nutzer.

Brasilien ist nicht nur Eisenerz- und Öllieferant, Soja- und Rindfleischexporteur, sondern auch der Überraschungskandidat unter den Technologiemärkten und Hightech-Produzenten der Zukunft. In Länderreports wird das größte Land Südamerikas oft noch als Paradies für Staudammbauer, Turbinenkonstrukteure oder Hersteller möglichst robuster Kleinwagen und Pickups gepriesen. Dabei ist Brasilien längst weiter.

"Der IT-Markt in Brasilien ist wirklich außerordentlich schnell gewachsen", sagt Hélio Rotenberg, Vorstandschef des größten brasilianischen Computerherstellers Positivo Informatica, dem manager magazin. Nach Schätzungen des Martkforschers IDC ist Brasilien seit dem zweiten Quartal dieses Jahres hinter den USA und China der drittgrößte PC-Markt. "Und dabei", sagt Rotenberg stolz, "haben wir so reife Volkswirtschaften wie Großbritannien und Japan überholt."

Brasiliens Aufschwung: Die E-Commerce- und Venture-Capital-Szene vibriert

Nach der Autoindustrie und dem Schiffsbau zieht Brasilien nun eine eigene Informationstechnik (IT) hoch. Die E-Commerce- und Venture-Capital-Szene vibriert. Steuererleichterungen und Importzölle sorgen dafür, dass die PC und Handys vor Ort zusammengeschraubt werden.

Und das, obwohl Brasilien aufgrund starker Gewerkschaften längst kein Billiglohnland mehr ist. Mitte Oktober hat der Kongress ein Gesetz unterzeichnet, das die Produktion von Tablets - nicht Taschenrechnern - in Brasilien effektiv von Abgaben befreit.

Nicht weniger als zwölf Hersteller wollen das nutzen und planen neue Fabriken oder Erweiterungen, darunter Brasiliens Eigengewächs Positivo. Und Foxconn, der weltgrößte Hightech-Auftragsfertiger aus Taiwan. Dessen neue Fertigung von Apple-iPads soll im Dezember starten. Dafür und zum Aufbau eines Technologiezentrums für Touchpads plant Foxconn zwölf Milliarden Dollar an Investitionen.

Foxconn feilschte dem Vernehmen nach bis zuletzt um Subventionen und die Finanzierung durch die brasilianische Entwicklungsbank BNDES und beklagte sich über den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Jetzt scheint der für Brasilien prestigeträchtige Deal unter Dach und Fach zu sein, auch, weil der reichste Mann Südamerikas, Multiunternehmer Eike Batista, ankündigte einzusteigen: "Wir wollen Teil dieses Vorhabens sein", sagte er unlängst nach einem Treffen mit Staatspräsidentin Dilma Rousseff. Denn: "Was ist das Wichtigste, um Geschäfte zu machen? Dass es einen Markt gibt. Es gibt ihn."

Zwei Millionen verkaufte Tablets bis 2012

Wenn Batista dann noch davon sprach, an der Modernisierung des Landes teilhaben zu wollen, war das nicht nur freundlich dahingesagt. Denn der Informationstechnologie kommt eine Doppelrolle zu: Sie schafft Arbeitsplätze und sorgt damit für einen Abbau des Elends im Land. Zweitens verringert die Verbreitung preiswerter Geräte und Internetverbindungen die "digitale Kluft" zwischen Arm und Reich.

Beides schafft auch neue Kaufkraft, die wiederum neue Investitionen und Geschäft antreibt. Umgerechnet gut sechs Milliarden Euro plant Brasilien daher allein für den Ausbau von Breitbandnetzen, die staatlichen IT-Investitionen der sieben größten Länder des Kontinents wachsen nach IDC-Schätzungen doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung.

Nach PC und Laptops soll nun nach dem Willen der Regierung die nächste Technologiewelle über Brasilien hinwegrollen. IDC rechnet auch fest damit, dass es so kommt. Bis 2010 wurden in ganz Lateinamerika rund 700.000 Tablets verkauft. Für 2012 rechnen die Marktforscher allein in Brasilien mit einem Absatz von 1,5 bis zwei Millionen. "Unser Ziel ist", sagt Rotenberg, "von diesem Markt einen signifikanten Anteil mit unserer Ypy-Linie zu gewinnen."

Ypy ist der Tablet-PC, über den sich Komiker Gentili in seiner Late-Night-Show lustig gemacht hat. Ypy heißt in der Sprache der Ureinwohner der Tupi- und Guarani-Völker "der Erste". Er ist der erste komplett in Brasilien hergestellte Tablet-PC, in diesen Tagen kommt er in die Regale. Positivo hat ihn mit einigen Hundert portugiesischen Anwendungen, Spielen und Musik versorgt. Er ist also genau das, was der Kabarettist auf die Schippe genommen hat: auf den heimischen Markt zugeschnitten. Das ist neben einem günstigen Einstiegspreis - beim Ypy umgerechnet 418 Euro, gut die Hälfte unter Konkurrenzmodellen, ein iPad kostet mehr als das Doppelte - das Hauptmerkmal fast aller Geräte des Konzerns.

Abnehmende Arbeitslosigkeit, höhere Löhne

Der Konzern mit gut 400 Millionen Euro Umsatz im ersten Halbjahr ist mit zuletzt 21,7 Prozent Anteil Marktführer im Endkundengeschäft. Würde er den Anteil auch mit Tablets erreichen, würde das den Umsatz glatt um ein Viertel hochschnellen lassen. Positivos Basis ist der wachsende Mittelstand Brasiliens. Sozialprogramme führen Jahr für Jahr mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Stand der Armut in den der Konsumenten, und die können sich die Geräte der globalen Markenhersteller, die aufgrund der hohen Abgaben eines schwer durchschaubaren Steuersystems immer noch teurer sind als etwa in Europa, kaum leisten. Und von der Steuerlast wird nur befreit, wer vor Ort produziert.

Zu den Treibern des brasilianischen IT-Markts gehören, sagt Rotenberg, abnehmende Arbeitslosigkeit und höhere Löhne, die Ausweitung von Konsumentenkrediten und sinkende Preise. So seien die Notebooks in den vergangenen sieben Jahren um mehr als 70 Prozent billiger geworden - Folge des starken Real, der brasilianischen Währung, die Importe trotz hoher Zöller billiger macht, aber auch zunehmender Produktionskapazität im Land.

"Der Nachfrage kommt genauso von Familien, die sich ihren ersten Computer kaufen und zum ersten Mal an die digitale Welt angeschlossen sind, wie von besser Verdienenden, die sich einen PC für sich allein leisten können." Während sich die Erstkäufer in der Regel noch einen Desktop in die Wohnung stellen, kaufen Wohlhabendere inzwischen vor allem Notebooks, deren Absatz den von Tischcomputern in diesem Jahr voraussichtlich überholt, ähnlich wie schon in den USA oder in der Europäischen Union.

Was Brasilien beim Aufstieg zur IT-Nation noch bremst, ist fehlende Qualifikation der Massen an nun benötigten Arbeitern und Fachkräften. Foxconn-Chef Terry Gou schimpfte in einem Interview mit dem Wall Street Journal nicht nur über die hohen Löhne - je nach Branche kommen Arbeiter auf Stundenlöhne von knapp 20 Dollar -, sondern er beklagte auch, dass Brasilianer "aufhören zu arbeiten, sobald sie das Wort Fußball hören. Und dann all das Herumtanzen. Verrückt."

Predicta und die "actionable data"

Da schwingt viel Arroganz mit, über die nicht einmal die Brasilianer lachen können; Foxconn ist für den rüden Umgang mit Arbeitern weltweit verrufen. Aber auch Rotenberg sagt, dass die Ausbildung "ein Schlüssel für die Entwicklung der IT-Industrie in Brasilien ist". Allerdings sei der Mangel an Qualifikation kein Wachstumshemmnis, "denn die Unternehmen bilden ihre eigenen Teams für die Fertigung in der Regel selbst aus. Die weniger qualifizierten und die Berufsanfänger starten mit einfachen Jobs in der Endmontage". Statt über das marode öffentliche Bildungssystem zu klagen, hilft sich die Wirtschaft selbst.

Ohnehin sind Hardware-Produzenten nur ein Mosaikstein im Bild einer IT-Wirtschaft. Brasilien hat eine der lebendigsten Start-up-Szenen und gilt als Hotspot für Venture-Capital und Private-Equity. Der jüngsten Branchenzählung zufolge stieg das Investitionsvolumen 2009 auf über 36 Milliarden Dollar, 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hauptziel der Investoren sind Hightech und E-Commerce. Viele brasilianische Internetfirmen sind "Klone" - so nennen sie sich selbst - US-amerikanischer Vorbilder, doch manche haben es mit eigenen Ideen zu Weltruhm gebracht.

Die Web-Firma Predicta in Sao Paulo hat inzwischen 150 Mitarbeiter und, wie Mitgründer Phillip Klien berichtet, auch Bewerbungen aus den USA. Klien ist einer der versessensten Nerds Brasiliens, Seitenscheitel, dicke Brille und voller Begeisterung im Stakkato Sätze aussprudelnd über all die "actionable data", die Firmen heute über ihre Webseiten einsammeln können. Eines der Produkte von Predicta sorgt beispielsweise dafür, dass Web-Surfer, die auf Internetseiten immer nur die billigsten Angebote anklicken, beim nächsten Besuch die teuren gar nicht mehr gezeigt bekommen. Und die anderen keine billigen. Auf 10.000 Web-Seiten läuft das Programm schon - eigentlich etwas, das im Silicon Valley hätte erfunden werden müssen.

Brasilien hat mit dem Bergbauriesen Vale eben nicht nur den weltgrößten Eisenerzproduzenten, sondern auch mit die besten Spezialisten, wenn darum geht in den Daten des Internets nach Perlen zu schürfen. Und wahrscheinlich auch mit die besten Kabarettisten.

Aber einen Witz über einen komplett in Deutschland hergestellten Tablet könnte Harald Schmidt auch gar nicht machen.

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