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Kapital aus China: Neuer Übernahmetrend in Deutschland

Lenovo-Chef Yang Yuanqing "Wir sind stärker als Apple"

Yang Yuanqing, Chef des Computerherstellers Lenovo, spricht erstmals darüber, was die Chinesen mit ihrem neuesten Zukauf, dem deutschen Traditionskonzern Medion, vorhaben. Und er sagt im Interview mit manager magazin Online, wie Lenovo die Zukunft der PC-Branche mitgestalten will.
Von Astrid Maier

mm: Kein PC-Hersteller der Welt wächst derzeit so schnell wie Lenovo, zuletzt haben Sie den Sprung von Platz vier auf Platz zwei der Branche geschafft. Jetzt hat Lenovo auch noch die größte Übernahme eines chinesischen Unternehmens hierzulande mit dem deutschen Konkurrenten Medion eingefädelt. Wozu brauchen Sie dieses kleine Geschäft aus Deutschland überhaupt?

Yuanqing: Wir haben uns in Europa viel vorgenommen. Wir wollen zu einem der führenden Anbieter für Unterhaltungselektronik aufsteigen und hier in Zukunft nicht nur klassische PC, sondern auch Tablet-Computer, Smartphones und eines Tages auch internetfähige Fernseher verkaufen. Dafür benötigen wir aber einen Partner, denn gerade auf dem europäischen Markt für Endverbraucher sind wir noch nicht so gut aufgestellt wie etwa auf dem für Geschäftskunden. Und Medion  verfügt über ein ausgezeichnetes Vertriebsnetz in Europa, hat sich sehr gute Service-Kapazitäten aufgebaut und viel Marketing-Know-how. All das hätten wir uns in Europa sonst selbst aufbauen müssen und so wertvolle Zeit vergeudet.

mm: Lenovo  macht sich also die Kompetenzen der Deutschen zunutze, aber wird Medion selbst von dem neuen Verbund auch profitieren?

Yuanqing : Unbedingt. Wir bringen schließlich ganz andere Größenverhältnisse in die Partnerschaft ein. Medion kann im Einkauf mit uns zusammen die besten Preise der Welt erzielen. Außerdem können die Deutschen aus unserer Innovationskraft schöpfen, denn wir beschäftigen Entwickler auf dem ganzen Globus - von Japan über China bis in die USA. Gemeinsam werden wir also erfolgreich der Konkurrenz Marktanteile abluchsen.

mm: Viele fürchten jetzt aber eher, dass die deutsche Traditions-Marke Medion bald verschwindet.

Yuanqing : Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass, wir haben eine Beschäftigungsgarantie mit Medion vereinbart und wir werden auch die Marke behalten. Und angesichts unseres hyperschnellen Wachstums wäre es doch genau das Verkehrteste, jetzt Angestellte zu entlassen. Wir werden vielmehr neue Arbeitsplätze schaffen bei Medion. Genaue Zahlen kann ich zwar noch nicht nennen, aber diese Übernahme wird ein in sehr gutes Beispiel dafür sein, wie chinesische Unternehmen einen Beitrag zur deutschen Wirtschaft leisten können.

mm: Zuletzt ist Medion ins Straucheln geraten. Auf dem Heimatmarkt Deutschland hängt das Geschäft stark von einem einzigen Kunden, dem Hauptabnehmer Aldi, ab. Eine etwas einseitige Strategie, meinen Sie nicht auch?

Yuanqing : Wir sind in diesen Tagen dabei, gemeinsam mit unseren Kollegen von Medion unsere zukünftige Strategie zu besprechen. Aldi ist und bleibt einer unserer wichtigsten Kunden, und wir wollen diese Partnerschaft auch in Zukunft nutzen, um unsere Marktposition in Deutschland weiter auszubauen. Über alles andere sprechen wir derzeit noch.

mm: Das hört sich nach einer Strategiewende an. Werden Lidl & Co. also auch zum Zug kommen?

Yuanqing : Wie gesagt, unsere neue Strategie steht noch nicht, deshalb kann ich dazu auch nicht mehr sagen. Soviel nur: Wir wollen in Deutschland neben PC und Tablet-Rechnern jetzt so schnell wie möglich auch günstige Smartphones verkaufen. Wir beraten gerade mit unseren Medion-Kollegen, wie wir am besten dabei vorgehen sollten. Auf unserem Heimatmarkt China sind wir mit günstigen Smartphones, also mit Geräten für rund 100 Euro, schon sehr erfolgreich. Wir verkaufen dort mehr als 500.000 Stück pro Monat.

"Der Markt für PC wächst nach wie vor"

mm: Gerade auf dem Heimatmarkt hat Lenovo aber gerade eine herbe Schlappe eingesteckt. US-Konkurrent Apple  hat dort erstmals mehr abgesetzt. Ist also auch Lenovo gegen die globale Marktmacht der Apfel-Marke hilflos?

Yuanqing : Wir haben mit Lenovo eine stärkere Marke und ein größeres Vertriebsnetz in China als Apple, also definitiv mehr Chancen auf ein gutes Geschäft dort. Apple spricht nur die obersten Einkommensschichten an, wir werden aber aggressiv im mittleren und unteren Preissegment angreifen. Dafür werden wir unsere Tablet- und Smartphone-Divisionen jetzt ausbauen und verstärken. Und schließlich bleiben wir in China die Nummer Eins, wenn es um den Verkauf von klassischen Personal Computern geht.

mm: Gerade das PC-Geschäft gilt doch seit dem Aufkommen von Tablet-Rechnern und Multifunktions-Handys als ein aussterbendes Gewerbe. Der größte PC-Hersteller der Welt, Hewlett-Packard , hat angekündigt, aus dem Geschäft aussteigen zu wollen. PC sind aber Lenovos Kerngeschäft, Sie scheinen auch noch stolz darauf. Verspielen Sie nicht Lenovos Zukunft?

Yuanqing : Hier liegt ein Missverständnis vor. Der Markt für PC wächst nach wie vor. Wenn jemand aus dem Geschäft aussteigen möchte, dann nicht weil es hier kein Geld zu verdienen oder keine Perspektiven gebe, sondern vermutlich, weil er nicht wettbewerbsfähig ist. Für uns ist jeder Wettbewerber, der verschwindet, nur gut. Dann bleibt mehr für uns übrig. Ein Beispiel nur: Schon vor Jahren hieß es, das Geschäft mit Standcomputern sterbe aus. Nicht nur, dass wir damit immer noch Umsatz generieren, es ist sogar zu unserer Melkkuh geworden, wir verdienen damit mehr als noch vor ein paar Jahren.

mm: Aber wie lange noch?

Yuanqing : Natürlich müssen wir und dem Wandel der Zeit anpassen. Bei Lenovo betrachten wir Tablet-Rechner, Smartphones oder interaktive TV-Geräte als eine Weiterentwicklungen des guten alten Personal Computer. Die neuen Geräte haben zwar verschieden große Bildschirme, aber im Grunde genommen ist das nichts anderes als eine Evolution. Wir werden uns auf alle diese Kategorien konzentrieren, auf traditionelle wie auf neue, wir schreiten mit der PC-Evolution voran. Von daher bin ich sehr zuversichtlich, wenn es um die Zukunft Lenovos geht.

mm: Ein großes Puzzlestück, um zum größten PC-Hersteller überhaupt, Hewlett Packard (HP), aufzusteigen, fehlt Ihnen noch. Haben Sie schon Gespräche mit HP-Chefin Meg Whitman geführt, um ihr die PC-Sparte abzukaufen?

Yuanqing : Übernahmen sind spätestens seit dem Kauf der PC-Sparte von IBM  eine Kernkompetenz von Lenovo geworden und wir werden definitiv Zukäufe als Instrument, um in allen Märkten und allen Regionen der Welt zu wachsen, auch in Zukunft einsetzen. Uns interessieren alle Unternehmen, die zu unserer Strategie passen, aber ich kann und will über konkrete Übernahmeziele weder sprechen noch sie in irgendeiner Weise kommentieren.

mm: Und wie wäre es mit einem eigenen Betriebssystem? HP hat mit WebOS auch ein hoch gelobtes eigenes Betriebssystem im Angebot. Würde das zu Lenovos Strategie passen, etwa um gegen Apple zu punkten?

Yuanqing : Nein, das interessiert uns überhaupt nicht.

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