Microsoft-Deutschland-Chef "Das PC-Zeitalter fängt gerade erst an"

Ralph Haupter, Deutschland-Chef von Microsoft, spricht im Interview mit manager magazin Online über die Deals des Softwarekonzerns mit Samsung, Facebook und Skype. Außerdem kündigt er für die kommenden sechs Monate den Marktstart für eine deutsche Version der Suchmaschine Bing an.
Von Kristian Klooß
Microsoft und Skype: "Die Technologie ist überzeugend, die Reichweite ebenso"

Microsoft und Skype: "Die Technologie ist überzeugend, die Reichweite ebenso"

Foto: AFP

mm: Herr Haupter, die Analysten von Goldman Sachs  rechnen damit, dass Microsoft im kommenden Jahr 444 Millionen Dollar mit der Lizenzierung von Android-Geräten verdient. Demnach bekommen Sie drei bis sechs Dollar pro Gerät. Für Windows Phone, das allerdings kaum verbreitet ist, sind angeblich rund 15 Dollar fällig. Rechnet sich Android am Ende für Microsoft?

Haupter: Ich glaube, erst mal muss man den Kontext herstellen. Und der heißt: Wir wenden jedes Jahr rund neun Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung auf. Dabei entstehen innovative Produkte und wir hätten gerne, dass alle, die unsere Technologie nutzen, auch dafür bezahlen. Das ist unser Geschäftsmodell. Vielfach wird kolportiert, Android basiere auf Open-Source-Code. Tatsache ist, für Android werden Softwarebausteine genutzt, die von Microsoft stammen.

mm: Microsoft verklagt auch Motorola vor Gericht. Was entgegnen Sie Googles Chefjustitiar, der Microsoft im Hinblick auf die Patentklage Erpressung vorwirft?

Haupter: Fakt ist, dass wir Google gefragt und angeboten haben, über die Lizenzierung von Microsoft-Patenten in Android zu sprechen. Wenn Google jetzt schreit, dann fällt das für mich bildlich in die Kategorie: getroffene Hunde bellen.

mm: Mit Samsung haben Sie sich erst kürzlich geeinigt. Die Koreaner zahlen Ihnen künftig Lizenzen für Android-basierte Tablets und Smartphones. Außerdem wollen Sie gemeinsam mit den Koreanern Produkte entwickeln. Worauf wird es hinauslaufen?

Haupter: Wir pflegen mit Samsung seit vielen Jahren eine erfolgreiche Partnerschaft. Das gilt für Notebooks, Netbooks, PCs, das gilt für Smartphones und andere Mobilgeräte, und das gilt schließlich auch für den Bereich Fernsehen. Auf der Entwicklerkonferenz im kalifornischen Anaheim, die vor vier Wochen stattgefunden hat, kamen 5000 Tablets von Samsung mit Windows 8 zum Einsatz. Kurzum, das Unternehmen weiß, wie Produkte gemacht werden. Sie haben verstanden, was der Wert unserer Windows-Phone-Plattform ist. Und sie haben verstanden, was Windows 8 auch für die Tablet- und TV-Strategie bietet.

140 bis 150 Millionen Nutzer telefonieren mit Skype

mm: Sie haben in diesen Tagen Partnerschaften mit den Kabelfernsehanbietern Verizon und Comcast verkündet. Die X-Box, Microsofts Spielekonsole, soll künftig auch Live-Fernsehen übertragen. Welche Rolle könnte Samsung in dieser Konstellation spielen?

Haupter: Schon heute kann Samsung Windows Phone 7 nutzen, um darauf eigene, Samsung-spezifische Dienste anzubieten. Und diese Möglichkeit eröffnet sich auch auf anderen Endgeräten. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht als Plattformanbieter. Ob es auf den TV-Geräten so wird, hängt von den verwendeten Technologien ab.

mm: Der Blackberry-Hersteller RIM wird bei seinen Produkten künftig auf Ergebnisse Ihrer Suchmaschine Bing zurückgreifen, mit Nokia wollen Sie gemeinsam Smartphones entwickeln. Ein anderer Deal, den Microsoft in diesem Jahr verkündet hat, ist der geplante Kauf von Skype. Was erhoffen Sie sich davon?

Haupter: Zum einen halten wir die Nutzerbasis von Skype für sehr attraktiv. Wir sprechen von 140 bis 150 Millionen aktiven Nutzern. Diese wollen wir in unser Online-Angebot Windows Live integrieren. Was wie zusammengeführt wird, steht bislang allerdings nicht fest, zumal noch nicht überall die Zustimmung der Kartellbehörden vorliegt. Sicher ist es interessant, unsere eigene Video-Messaging-Plattform mit Skype zu verknüpfen. Klar ist auch, dass sich Skype-Services für Windows Phone und für die X-Box anbieten. Fakt ist, dass wir auch gesagt haben, dass Skype eine eigene Einheit bleibt. Der Skype-Verantwortliche berichtet direkt an Microsoft-CEO Steve Ballmer.

mm: Was an Skype ist wichtiger: die Technologie oder die Nutzerbasis?

Haupter: Die Technologie ist überzeugend, die Reichweite ebenso. Eine Gewichtung zugunsten eines der beiden Aspekte mag ich nicht vornehmen.

mm: Eine weitere Beteiligung ist Facebook. An dem sozialen Netzwerk hält Microsoft seit vier Jahren 1,6 Prozent. Welche Produkte und Dienste gehen mittlerweile auf diese Kooperation zurück?

Haupter: Unsere Beteiligung war erstens ein klares Signal an Facebook, dass uns deren Technologie und ihr Geschäftsmodell interessiert. Zweitens war es auch ein klares Signal an die Microsoft-Mitarbeiter. Die Forderung lautet: Setzt euch mit dem Thema auseinander und schaut, was ihr mit Facebook gemeinsam machen könnt.

mm: Und, was machen Sie inzwischen gemeinsam?

Haupter: Inzwischen werden zum Beispiel Office-Dokumente über Facebook verfügbar gemacht. In Windows Live wird zudem die gesamte Facebook-Welt integriert. Sie müssen beispielsweise, wenn Sie Windows Phone nutzen, nicht mehr eine App anklicken, um Facebook zu starten. Stattdessen wird das soziale Netzwerk direkt als Basis für Kontaktdaten integriert. Außerdem sind Bewertungen von Freunden inzwischen in unserer Suchmaschine Bing integriert.

Facebook-Freunde beeinflussen die Bing-Suche

mm: Wie genau funktioniert diese Integration?

Haupter: Nehmen wir die Produktsuche. Durch die Kooperation und technische Verknüpfung mit Facebook fließt die Bewertung von Produkten durch Facebook-Freunde in die Bing-Suche ein. Hat ein Produkt eine Empfehlung von jemandem bekommen, den ich kenne, erscheint das Suchergebnis weiter oben. Die Peer-Relevanz findet sich also direkt im Such-Algorithmus wieder.

mm: Haben Ihnen diese Neuerungen schon Marktanteile gebracht?

Haupter: Wir haben in den USA vor drei Jahren begonnen mit einem Marktanteil von weniger als 8 Prozent. Wir haben jetzt einen eigenen Marktanteil von knapp 15 Prozent. Mit Yahoo zusammen …

mm: … der Konzern verwendet Bing als Suchmaschine …

Haupter: … kommen wir derzeit auf knapp 30 Prozent. Das heißt, auch die Kooperation mit Yahoo hat sich ausgezahlt.

mm: Es wird in diesen Tagen wieder einmal über eine Übernahme Yahoos durch Microsoft spekuliert. Was spricht für, was gegen eine solche Akquisition?

Haupter: An solchen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen.

mm: Ob mit oder ohne Yahoo, in Deutschland haben Sie bislang keinen Fuß auf den Boden bekommen.

Haupter: In Deutschland sind wir nicht am Markt.

mm: In Deutschland läuft seit Jahren eine geliftete Betaversion Ihrer Suchmaschine. Mit mäßigem Erfolg. Wann wird sich das ändern?

Haupter: Wir werden in den nächsten sechs Monaten mit Bing in Deutschland an den Start gehen. Unser bisheriges Produkt ist noch aus der alten Welt, allerdings mit einer neuen Oberfläche. Die letzten Quartale haben wir daran gearbeitet, mehr Relevanz in der Suche zu erreichen. Alle Indikatoren, die wir bei diesen Bestrebungen zugrunde legen, zeigen, dass die Relevanz der Treffer in Deutschland mittlerweile sehr gut ist.

Microsoft hat das iPhone erst unternehmenstauglich gemacht

mm: Wird zeitgleich auch "Bing Street Maps", das Pendant zu "Google Street View", eingeführt?

Haupter: Zurzeit führen wir die Befahrungen in rund fünfzig Städten durch, also deutlich mehr, als Google im Angebot hat. Wann der Service online geht, steht noch nicht fest.

mm: Bislang hat Microsoft mit Bing 5,5 Milliarden Dollar Verluste angehäuft. Wann erreichen Sie endlich die Gewinnschwelle?

Haupter: Wir sehen sie sehr präzise vor uns.

mm: Und wann genau werden Sie Gewinne mit Bing schreiben?

Haupter: Dazu möchte ich nichts sagen. Abgesehen davon, würden Sie Google die Frage stellen, wann der Konzern mit seinen Enterprise-Lösungen Gewinne schreiben will?

mm: Selbstverständlich. Aber kommen wir in diesem Zusammenhang nochmal auf Googles Betriebssystem zu sprechen. Android-Geräte dominieren gemeinsam mit Apple-Geräten den Markt für Smartphones und Tablets. Mit welchem Marktanteil rechnen Sie für das für Ende 2012 angekündigte Windows 8?

Haupter: Die gute Nachricht ist, der Markt an sich wächst sprunghaft. In Deutschland sehen wir Wachstumsraten von 40 Prozent. Es ist also Platz für alle da. Und die Industrieanalysten von Gartner und IDC sehen Windows Phones im Jahr 2014 bei einem Marktanteil von rund 21 Prozent. In den vergangenen zwölf Wochen lagen wir in Deutschland bei 7 Prozent, das iPhone bei 12 Prozent ...

mm: … was auch daran lag, dass die Einführung einer neuen iPhone-Generation bervorstand. Was wäre die Folge für die Konzernstrategie, wenn Sie mit Windows 8 im Geschäft mit Smartphones und Tablets erneut den Durchbruch verpassen?

Haupter: Darüber habe ich mir noch nicht eine Sekunde lang Gedanken gemacht. Denn ich habe Windows 8 gesehen.

mm: Im Post-PC-Zeitalter werden Sie sich dennoch vom Monopol verabschieden müssen. Wie soll die Integration von alternativen Betriebssystemen wie Apples iOS oder Googles Android da gelingen?

Haupter: Auch, wenn Sie es nicht glauben, das PC-Zeitalter fängt gerade erst an. Aber Vielfalt bei den Endgeräten ist schön und im Unterschied jedenfalls zu Apple setzen wir auf offene Standards. Deshalb gibt es Microsoft Exchange unter anderem für das iPhone - und hat es, von uns lizenziert, erst unternehmenstauglich gemacht.

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